„60er Jahre in Göttingen“

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Bewegte und bewegende Bilder: Szenen wie diese Bilder eines Verkehrspolizisten sind in der Tageblatt-DVD zu sehen

„60er Jahre in Göttingen“ ist der Titel eines Filmes des Göttinger Tageblattes.

Die Premiere des aktuellen Tageblatt-Filmes „Die 60er Jahre in Göttingen – Impressionen aus einem Jahrzehnt“ findet am Sonntag, 6. November, um 12 Uhr im Cinemaxx-Kino neben der Lokhalle in Göttingen statt. Im Vorfeld berichten die Tageblatt-Filmemacherinnen Nadine Eckermann und Marie-Luise Rudolph, wie der 40-Minuten-Film aus Bildern und Film-Material unserer Leserinnen und Leser entstanden ist.

Wenn ein Paket die Redaktion der „Göttinger Zeitreise“ erreicht, ist es meist recht groß: Leser, die sich an dem Gemeinschaftsprojekt des Tageblattes und der Stadt Göttingen beteiligen, finden in ihren Privatarchiven häufig Filmmaterial in den verschiedensten Formaten – unter anderem auf Filmrollen und Bändern, die dann per Paket beim Tageblatt eintreffen. Denn die Geschichtswerkstatt der Göttinger Zeitreise sammelt Filme und Fotos aus vergangenen Tagen – und damit jener Zeit, in der noch nicht jeder Film in einer Datei oder auf einer DVD gesichert werden konnte.

Nachdem sich das Tageblatt im vergangenen Jahr mit der Nachkriegszeit und den 50er Jahren beschäftigt hatte, lag der Schwerpunkt 2011 auf den 60er Jahren. „In dieser Zeit hatten nur wenige Menschen überhaupt die technischen Möglichkeiten, Filme zu drehen“, berichtet Ilse Stein, die als Chefredakteurin des Tageblattes auch das Projekt Göttinger Zeitreise betreut. Schließlich sei in diesem Jahrzehnt noch nicht einmal in jedem Haushalt ein Fernsehgerät vorhanden gewesen. Umso erstaunlicher sei es, wie viele Filme die Redaktion erreicht hätten.

Sie alle gingen nach dem Eintreffen sorgfältig verpackt erneut auf die Reise, diesmal nach Berlin. Dort kümmerte sich das Institut für digitale Aufbereitung um die fachgerechte Bearbeitung. Egal ob 16 Millimeter, Super 8, Normal 8, VHS, Betamax, Betacam oder U-matic – beinahe jedes Material können die Berliner in „handliche“ Dateien umwandeln.

Sie werden dann auf DVD oder Festplatten gesichert und zurück in die Tageblatt-Redaktion nach Göttingen transportiert. Jetzt beginnt im sogenannten Filmraum die eigentliche Arbeit: Jeder Einsender erhält zunächst einmal das eigene Material als moderne DVD zurück. Dann überprüfen wir, Nadine Eckermann und Marie-Luise Rudolph, die Filme auf ihre Verwendungsfähigkeit in der anstehenden Dokumentation. Unser Drehbuch verändert sich ständig, mit jeder Woche und mit jeder Einsendung (die letzte zu dieser Produktion kam eine Woche vor der Fertigstellung der DVD). Denn die wichtigen Ereignisse der Zeit sollen nicht außer Acht gelassen werden, aber auch die kleinen privaten Perlen nicht unter den Tisch fallen.


Trailer zum Film: HIER

„Impressionen aus einem Jahrzehnt – so heißt denn auch der passende Untertitel“, sagt Stein. Damit sind auch private Einblicke gemeint, die in einer geschichtlichen Dokumentation im klassischen Sinne üblicherweise keinen Platz finden. Im aktuellen Film sind beispielsweise Aufnahmen zu sehen, die Familie Böcker aus Bovenden bei einem Ausflug in den Harz zeigt. Mithilfe von erklärenden Texten, gesprochen von Schauspieler Stefan Dehler (Schauspiel-Gruppe „Stille Hunde“) werden solche Ereignisse in den historischen Kontext gestellt. „Wir sehen dieses Konzept als gut geeignet an, zwei ganz unterschiedliche Zuschauergruppen zu erreichen“, erläutert Stein: Diejenigen, die die im Film behandelte Zeit bewusst miterlebt hätten, würden an vergessene Details erinnert. Diejenigen, die später geboren sind, könnten etwas über die Geschichte Göttingens lernen.

Zur zweiten Gruppe gehören auch die Redakteurinnen, die das Projekt Göttinger Zeitreise betreuen. Katharina Klocke, geboren im Jahr 1962, hat nur noch Kindheitserinnerungen an die 60er Jahre. Für die Berichterstattung in der Zeitung, die überwiegend aus ihrer Feder stammt, musste sie sich tief einarbeiten. Marie-Luise Rudolph und Nadine Eckermann, die das Online-Portal goettinger-zeitreise.de und den Filmschnitt betreuen, sind gerade Anfang 30 – und damit ganz weit weg vom Geschehen der 60er Jahre. „Die zeitliche Distanz erlaubte ihnen einen neugierigen Blick auf die Zeit“, glaubt Stein.

Für die beiden Filmemacherinnen ein großes Problem: Beim Sichten des Filmmaterials erscheint auf den ersten Blick eigentlich alles spannend. Doch der Film sollte schließlich nur rund 40 Minuten lang sein – also heißt es konsequent auswählen. Das Konzept, auf das sie sich einigten: Alles wird in Themenblöcken zusammengefasst und dazu die schönsten Filmszenen ausgesucht: städtebauliche Veränderungen und Verkehr, Mode und Kultur, Freizeit und Sport und natürlich die politischen Umbrüche der sogenannten 68er-Generation werden so inhaltlich zusammengefasst.

Neben der unglaublichen Fülle von Fotos und Filmen gab es noch ein weiteres Problem: die durchaus unterschiedliche Qualität des vorliegenden Materials. Dabei sei es nicht der Anspruch gewesen, eine einheitliche Farbgebung und einen einheitlichen Stil zu erreichen, erläutert Ilse Stein. „Gerade die Verschiedenheit der Filme ist ja Teil des dokumentarischen Charakters. Es sind überwiegend Amateuraufnahmen und genau das soll sichtbar bleiben“, erklärt sie. Dennoch sollten allzu große Brüche vermieden werden, was viele Stunden der Bearbeitung am Computer erforderlich machte.

Eine weitere Hürde stellte die Vertonung dar. Denn bis auf eine Ausnahme gibt es auf den Bändern keine Originaltöne, so Stein. „Es stand von vornherein fest, dass Stefan Dehler wieder einen Text sprechen sollte.“ Zum einen sei man mit seiner bisherigen Arbeit für „Die Wiedervereinigung im Eichsfeld 1989/1990“ und „Die 50er Jahre in Göttingen“ sehr zufrieden. Zum anderen sei ein erläuternder Sprechertext unbedingt erforderlich gewesen.

Gerade in dem Kapitel, das sich mit den „Blue Moons“, der bekanntesten Göttinger Beat-Band der Zeit, beschäftigt, durfte aber die Musik einfach nicht fehlen. Dank der Hilfe ehemaliger Bandmitglieder findet sich auf der DVD nun nicht nur ein Originalfilm, der die „Blue Moons“ bei einem Auftritt zeigt, sondern auch deren Originalmusik. In einem zweiten Fall war dies leider nicht möglich. Die Französin Barbara und ihr weltweit bekanntes Chanson „Göttingen“ kommen vor – allerdings ohne Musik. „Die Rechte an der Musikverwendung hätten unser Budget überschritten“, berichtet Stein. Selbst der Versuch der Stadt Göttingen, den Musikverlag zu einer Freigabe zu überreden, sei leider gescheitert.

Trotz dieses kleinen Wermutstropfens sind alle bei der Endabnahme des Filmes zufrieden. Ebenso der wissenschaftliche Beirat, der dieses Projekt (ebenso wie das über die 50er Jahre) begleitet hat. Horst Stein (früher Filmemacher bei Peter von Zahns „Reporter der Windrose“ und ehemaliger Chefredakteur des Tageblattes), Detlef Johannson (Sprecher der Stadt Göttingen) und Stadtarchivar Ernst Böhme hatten schon während der Produktion auf historisch und sachlich korrekte Darstellung geachtet. Filmexperte Prof. Martin Traub (Fachhochschule Hannover) lieferte zudem wertvolle Anregungen zur filmischen Umsetzung.

Mit dem Einverständnis des Beirats war die Dokumentation reif für das Presswerk. Doch: Keine Produktion läuft reibungslos ab. Das erlebten die Redakteurinnen ausgerechnet am letzten Tag vor der Abgabe der Master-DVD: Rechnerabsturz, und zwar total. Große Aufregung bei den Beteiligten, doch nach kurzer Zeit die beruhigende Nachricht: Der Computer läuft wieder, die Daten konnten wiederhergestellt werden. Natürlich am späten Freitagabend.

Die Chefredakteurin persönlich war es dann, die den Prototypen pünktlich beim Presswerk in Wien ablieferte – auf dem Weg in den Urlaub. Nun liegt sie vor, die DVD „Die 60er Jahre in Göttingen“. Sie wird ab Montag, 7. November, in den Geschäftsstellen des Tageblattes in Göttingen und Duderstadt zum Preis von 14,90 Euro erhältlich sein.

Am Sonntag, 6. November, ist die Premiere. Im Göttinger Kino Cinemaxx, Bahnhofsallee 3, werden sich auch die Leserinnen und Leser des Tageblattes treffen, die ihre Bilder und Filme zur Verfügung gestellt haben. Im Rahmen einer Matinee – Einlass ist um 11.30, Beginn um 12 Uhr – sollen aber auch andere Interessierte einen Einblick in das Göttingen der 60er Jahre bekommen können. Tickets für die Premiere sind in den Geschäftsstellen des Tageblattes zum Preis von 2,50 Euro erhältlich.

Göttinger Tageblatt, Nadine Eckermann