Alte Handwerksbetriebe und Geschäfte in Holzerode

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Handwerker und ihre Gewerke um 1912

(bearbeitete Zusammenstellung aus der Familienchronik von Eduard Finke)

Vor Hunderten von Jahren mussten sich die Leute in den Dörfern gegenseitig helfen. Der eine konnte dieses, der andere jenes; und so nach und nach hat sich das Handwerk entwickelt. Vor dem Ersten Weltkrieg – zur Kaiserzeit – gab es in Holzerode noch viele Handwerker-Stuben. Alle Handwerks-Meister kamen gut zurecht und hatten ihr Auskommen. Im Ersten Weltkrieg kam dann alles anders. Besonders die Schuster wollten Ware gegen Ware haben. Wer sich ein Paar neue Schuhe arbeiten ließ, musste mit einem ordentlichen Schinken bezahlen. Und selbst Ware auf Bezugscheine, die der Bürgermeister ausgab, konnte nur mit einer Wurst-Zugabe gekauft werden. Der Zimmermeister Heinrich Kolle sen. wohnte am Mühlenklimp, hatte aber seinen Zimmer-Platz unter den Eichen, dicht beim Deiche, eingerichtet. Sein Sohn, Heinrich Kolle jun., übernahm das Geschäft von seinem Vater. Er baute am Mühlenklimp ein neues Haus. Dieses und den Zimmer-Platz hat dann Willi Kolle übernommen. Heute ist das alles in Nachkommen-Händen, so dass man sagen kann: eine lange Zimmermanns-Tradition. Gegenüber von Kolles Haus am Mühlenklimp wohnte der Maurer-Meister Heinrich Gleitze. Er war in der Hauptsache Steinhauer und hatte hinten im Hof seinen Sandstein-Bruch. Gleitze machte auch Denkmäler für den Friedhof. Erst viel später hat er die Maurerei angefangen. Holzeröder Jungen wie August Diederich, August Lechte und Georg Thiele haben bei ihm das Maurer- Handwerk gelernt. Der Dachdecker Wilhelm Tinnappel, Unter den Eichen, fuhr mit dem Fahrrad über die Dörfer, denn es gab in Holzerode nicht genug für ihn zu tun. Ein Elektro-Meister zog erst nach dem Ersten Weltkrieg nach Holzerode, da bis zu der Zeit noch mit Petroleum geleuchtet wurde. Otto Lieberwirth blieb nur so lange bis die elektrischen Leitungen gelegt waren und zog dann wieder zurück in die Stadt. Einen Maler hatten die Holzeröder in der Kaiserzeit noch nicht. Da kam Maler Kerl aus Ebergötzen. Nach dem Ersten Weltkrieg machte Heinrich Bährens ein Malergeschäft auf. Die Leute nannten ihn Wittgebinder (Weißbinder, Maler). Er kannte die Preise und hatte deshalb nicht viel Kundschaft im Dorf. August Vollbrecht und Heinrich Dettmar hatten jeder eine Tischlerei. Vollbrecht wohnte bei der Schule. Er war ein guter Tischler und machte Fenster, Türen und Kleiderschränke. Er hatte noch Landwirtschaft, denn nur von der Tischlerei konnte er seine große Familie nicht ernähren. Sein ältester Sohn, Karl, hat die Tischlerei übernommen. Der zweite Sohn, August, ging nach Holzminden auf die Handwerker-Schule. Der zweite Tischler in Holzerode, Heinrich Dettmar, legte mehr Wert auf die Ackerei und erst in zweiter Linie auf die Tischlerei. Er wohnte in der Eichstraße. Die Familie ist heute ausgestorben. Vor dem Ersten Weltkrieg war die Drechslerei groß in Mode. Stühle und Tische bekamen runde Beine. Die beiden Drechsler hatten im Dorf viel zu tun. Der Ein- Mann-Betrieb von Heinrich Beulke befand sich auf der „Insel“. Der zweite Drechsler, aber der Bessere, war Heinrich Thiele. Seine Söhne August und Karl lernten auch die Drechslerei. August ist im Ersten Weltkrieg gefallen. Karl gab die Werkstatt mitten im Dorf (Am Thie) auf. Er heiratete die Tochter von Heinrich Beulke und baute dessen Werkstatt aus. Sein Sohn Rudi übernahm später den Betrieb. Es gab zwei Stellmacher-Betriebe (Ra-mookeree). Zunächst von Heinrich Finke mitten im Dorf. Er war der Bruder von Karl Finke, der auch „Göbel“ genannt wurde. Der andere Stellmacher war Heinrich Dankenbrink, ein Bruder vom Schmied Wilhelm Dankenbrink. Heinrich war Junggeselle und heiratete später die Witwe von Heinrich Gieseler. In dessen Drechsler-Werkstatt im Winkel zog die Stellmacherei von Heinrich Dankenbrink. Leider blieb sie nicht lange bestehen. Wilhelm Dankenbrink war Schmied. Im Dorf gab es zwei Schmieden. Wilhelm Dankenbrink hatte sich eine neue Schmiede gebaut – gegenüber dem Friedhof, am Osterholzweg. Wilhelm und Heinrich arbeiteten Hand in Hand. Wenn Heinrich ein Wagenrad fertig hatte, dann musste Wilhelm die Eisenreifen aufziehen. Auch die Pferde des Dorfes wurden von Wilhelm beschlagen. Sein Schwiegersohn, Karl Vollbrecht, hat die Schmiede später weitergeführt. Die älteste Schmiede jedoch befand sich mitten im Dorf. Die gehörte dem alten August Linnemann. Seine Söhne, Wilhelm und Heinrich, haben nach dem Krieg das Geschäft ausgebaut und vergrößert. Es wurden zunächst Fahrräder und später auch Motorräder verkauft. Das Geschäft ging gut; doch die beiden Brüder hatten sich immer öfter in der Wolle. Schließlich trennten sie sich. Wilhelm blieb in der Schmiede; später hat sein Sohn, den man „Roller“ nannte, weitergemacht. Heinrich, er war Schlosser, kaufte das Haus gegenüber und machte einen eigenen Betrieb auf. Seine Tochter Gertrud und sein Schwiegersohn Heini Beckmann führten das Geschäft später weiter. Beide Brüder Linnemann errichteten – jeder auf seiner Straßenseite – eine Tankstelle, und so konnte in Holzerode eine Zeit lang ESSO oder SHELL getankt werden. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete August Gleitze als Schneider in Holzerode. Er wohnte auf der „Insel“. Nach dem Krieg machte sich Georg Bährens, Hohler Graben (heute Waaker Stieg), selbstständig. Seine Frau Amalie war auch Schneiderin, und sie brachte den Mädchen in der Schule das Nähen bei. Von Karl Kolle („Stötter-Karl“) lernten die drei Söhne August, Heinrich und Albert in Grone das Schneider-Handwerk. Albert kehrte nach Holzerode zurück. Er machte sich selbstständig und benähte die feinen Damen. Man nannte ihn Land-Rat, weil er ziemlich vorlaut war. Einen Sattler hat es vor dem Krieg in Holzerode nicht gegeben. Die Bauern mussten mit ihrem Geschirr nach Renshausen zur Reparatur fahren. Nach dem Krieg lernte Hermann Heise in Schoningen Sattler und Polsterer und fing sein Handwerk in den 20-er Jahren im Dorf an. Auch sein Sohn Willi lernte Polsterer. Schuster oder Schuhmacher gab es vor dem Ersten Weltkrieg mehrere im Dorf: Der Älteste war Schuster Vollbrecht, in der Klappen. Zwei Häuser weiter wohnte Dal-Kolles Schuster (sein Vater hieß Daniel). Die Beiden haben aber nicht viel geschustert. Ein guter Schuster wohnte am Billingshäuser Weg: Wilhelm Waldmann. Er fertigte auch neue Schuhe. Sein Sohn Richard war auch Schuster, ist aber ganz früh gestorben. Schuster Heinrich Diederich wohnte bei der Kirche. Im Krieg war mit der Schusterei nicht viel los. Es gab kein Leder – nur auf dem Schwarz-Markt, und wenn einer ein Paar Schuhe haben wollte, musste er einen Schinken oder eine Gans mitbringen. Heinrich fing dann den Handel mit Wäsche-Stampfern an. Sein Sohn Walter wurde auch Schuster. Nach dem Krieg machte dann noch Georg Linnemann im Winkel eine Schuster-Werkstatt auf. Er arbeitete für die besseren Leute. Vor dem Weltkrieg gab es in Holzerode keinen Frisör. Die Mutter schnitt dem Vater die Haare und der Vater den Jungen. Erst nach dem Krieg fing Heinrich Fink das Haare-Schneiden an; er wohnte auf dem „Gewölbe“. Er war ein komischer Mensch; er trug selbst beim Haare-Schneiden Gamaschen. August Behrens war Waise und von Schlachter Thiele aufgenommen. August lernte Frisör und ging von Haus zu Haus zu den Leuten. In den 20-er Jahren kostete ein Herren-Schnitt fünfzig Pfennig. Georg Thiele, mitten im Dorf, hatte vor dem Krieg eine gut gehende Schlachterei aufgemacht. Im Krieg war dann nicht viel los, weil es alles auf Marken gab. Ein Pfund Rinderwurst konnte man so kriegen, aber die meisten Leute waren ja Selbst-Versorger. Georg Thiele wurde dann auch Hausschlachter. Die Haus-Schlachter waren in allen Dörfern ein ganz alter Beruf. Auch in Holzerode gab es Einige. Chrischan Kolle, unter den Eichen, war wohl der Älteste. Noch ein alter war Wilhelm Thiele, Obere Straße. Karl Lechte, aus der Wirtschaft, Heinrich Thiele, in der Klappe, Karl Finke, Hohler Graben, Georg Thiele, im Winkel, und die Söhne von Georg Thiele und Karl Finke waren auch Haus-Schlachter. Und eine Bäckerei gab es auch schon vor dem Ersten Weltkrieg in Holzerode: Adolf Hartmann, in der Klappen, an der Hauptstraße. Zur Bäckerei gehörte noch ein Kaufmannsladen. Alle Tante-Emma-Läden sind im Dorf kaputt gegangen – nur die Hartmanns-Familie („Bäckers“) mit Schwiegertochter Eva und heute noch deren Tochter Eveline sind tapfer. Dort können die Leute, wenn sie im Druck sind, noch mal hingehen.

Zusammenstellung der Handwerks-Meister vor dem Ersten Weltkrieg

Gleitze, Heinrich Maurer Am Mühlenklimp (heute Mühlenstraße) Kolle, Heinrich Zimmerer Unter d. Eichen (heute Eichstraße) Dettmar, Heinrich Tischler Eichstraße Vollbrecht, August Tischler Dorfstraße Linnemann, August Schmied Eichstraße Dankenbrink, Wilhelm Schmied Osterholzweg (heute Obere Straße) Beulke, Heinrich Drechsler Auf der Insel (heute Obere Straße) Thiele, Heinrich Drechsler Am Thie Dankenbrink, Heinrich Stellmacher Im Winkel Finke, Heinrich Stellmacher Am Mühlenklimp Tinnappel, Wilhelm Dachdecker Unter den Eichen Vollbrecht, August Schuhmacher In der Klappen (Hünstollenstraße) Diederich, Heinrich Schuhmacher Dorfstraße Waldmann, Wilhelm Schuhmacher Billingshäuser Weg Gleitze, August Schneider Auf der Insel Fink, Heinrich Frisör Auf dem Gewölbe (Obere Straße) Thiele, Georg Schlachter Am Thie Kolle, Chrischtian Hausschlachter Unter den Eichen Thiele, Georg Hausschlachter Im Winkel Thiele, Heinrich Hausschlachter In der Klappen Thiele, Wilhelm Hausschlachter Obere Straße Lechte, Karl Hausschlachter Eichstraße Hartmann, Adolf Bäckerei In der Klappen

Bearbeitung: Monika Reinecke. Aus: Festschrift 950 Jahre Holzerode, 2005

Erinnern Sie sich noch?

Geschäfte, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe in Holzerode in der Nachkriegszeit von 1945 bis in die 60-er/70-er und 80-er Jahre

Busunternehmen Baumgarten; Fuhrbetrieb Karl Vollbrecht; Kolonialwaren Heinrich Gleitze, später Hans Wieczorek; Kolonialwaren Heinrich Degenhardt, dann Beulke, Stanke und H. Halves; Bäckerei und Kolonialwaren August Hartmann (noch heute bestehend); Textilwaren Friedrich Linnemann; Textilwaren Karl Linnemann; Textilwaren Gustav Bohlmann; Schlosserei Heinrich Linnemann, dann Heini Beckmann; Schlosserei und Schmiede Wilhelm Linnemann, später Sohn und Großsohn Otto; Schmiede Karl Vollbrecht; Drechslerei Karl und dann Rudi Thiele; Stellmacherei Windel, dann Tischlerei Ernst und Sohn Manfred Kath (noch heute bestehend); Tischlerei Karl Vollbrecht; Sattlerei Heinrich Heise und dann Sohn Willi Heise; Schuhmacherei Georg Linnemann; Schuhmacherei Hermann Werder; Schuhmacherei Kolbach; Frisörbetrieb Heinrich Fink; Malerbetrieb Heinrich Bährens; Schlachterei Georg Thiele und Sohn Rudi Thiele; Viehhändlerei Georg Thiele; Lohndrusch und Sägebetrieb Karl Gobrecht, später Willi Schilling (heute: Lohnunternehmen Wolfgang Schilling); Zimmerei und Bauunternehmen Heinrich Kolle, danach Sohn Willi Kolle und dann „Heiner“ Degenhardt (heute: „Holzwerkstatt“); Dachdeckerei Wilhelm Tinnappel; Schneiderei Georg Bährens, dann Horst Bährens; Schneiderei August Gleitze; Schneiderei Albert Kolle; Raiffeisenhandel der Spar- und Darlehenskasse (besetzt durch Georg Bothmann); Kohlehandel der Fa. Wolters, vertreten durch Hermann Heinemann; Gasthaus mit Saal Heinrich Degenhardt, später „Onkel Willi“ (Willi Bendias), dann Erich Köpke und letztlich Oppermann; Gasthaus mit Saal Wilhelm Rühling („Zur Linde“), später Walter Wienecke, dann Axel Halfar und letztlich Tochter Ilse Germershausen; Gasthaus mit Saal Herbert Fahlbusch („Struthkrug“); Gasthaus Lechte, später Schwiegersohn Heinrich und dessen Sohn Kurt Degenhardt („Zur Erholung“); Ziegelei „Hölle“.

Und die Dienstleistungsbereiche:

Poststelle der Bundespost; Zweigstelle der Volksbank Göttingen; Zweigstelle der Kreis-, dann der Sparkasse Göttingen; Gemeindeschwesternstation Holzerode, besetzt durch Irmgard Fascher; Polizeistation Holzerode; Revierförsterei Holzerode.