Arca

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Carola Bornée mit Filmstar Hans Albers: Mit ihrem Mann Gero Wecker baut Bornée nach 1945 in Göttingen die Arca-Film auf.

Die Firma Arca produzierte im Verlauf ihrer Geschichte die Immenhof-Filme ebenso wie die Aufklärungsstreifen mit Oswalt Kolle. Gegründet wurde die Arca von zwei Göttingern. Noch bis Anfang der 1960er-Jahre hatte die Firma ihren Sitz in Göttingen.

Die Anfänge der Arca – aus Grone nach Cannes

Am Anfang der Geschichte der Arca-Film stehen Töpfe und Vasen. In Göttingen hat sich ein junges Paar gefunden, das versucht, sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg durchzuschlagen: Carola Bornée, Jahrgang 1924, und Gero Wecker, Jahrgang 1923. Beide lernen sich schon 1940 zu Schulzeiten als Jugendliche kennen. Der erste Kuss wird beim heutigen Weender Krankenhaus getauscht, das damals noch eine Kaserne ist.

Die alten Zeiten mit Hans Albers

Bornée stammt aus Weende. Ihr Vater hat dort zunächst 1922 am Thie eine Arztpraxis. 1923 heiratet er Elisabeth Schmidt, beide stammen aus Lothringen. 1928 baut er in der heutigen Hennebergstraße ein Haus, in dem sich auch seine Praxis befindet. Ihr Vater sei mit Leib und Seele Landarzt gewesen, sagt Bornée. Die 88-Jährige lebt heute am Bodensee – und erinnert sich noch bestens an die alten Zeiten mit Hans Albers & Co.

Weckers Vater ist Otto Wecker, Oberstudienrat am Max-Planck-Gymnasium und Autor des lateinischen Lehrbuchs „Ianua Linguae Latinae“, das im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erscheint. Gero Wecker ist in Göttingen geboren, im Rosdorfer Weg 2. Im Februar 1945, in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, verlobt sich das junge Paar an Bornées 21. Geburtstag, dem Tag ihrer Volljährigkeit. Nach Kriegsende schlägt sich der Panzeroffizier Wecker auf abenteuerlichen Wegen aus Prag wieder zu seiner Verlobten durch.

Töpferei in einer Scheune

Er nimmt zunächst ein Studium der Zahnmedizin auf, dies bleibt jedoch Episode. Dass Wecker nach mehreren Verwundungen als hochdekorierter Offizier aus dem Krieg zurückgekehrt sei, habe sich zu dieser Zeit eher als Nachteil erwiesen, so Bornée. Das junge Paar will heiraten und macht eine Töpferei in einer Scheune in Grone bei Verwandten auf. Für den Betrieb engagieren sie Töpfer – meist Flüchtlinge und Vertriebene, die nach dem Krieg in Göttingen gestrandet waren. Produziert werden Kannen, Töpfe, Geschirr, Vasen. In einem Laden in der Innenstadt wird die Ware verkauft. „Die Leute standen Schlange“, erinnert sich Bornée.

Im August 1947 heiratet das junge Paar in der Kirche St. Petri in Weende und zieht danach zu Weckers Eltern in eine Wohnung im Rosdorfer Weg 2. 1948 soll der Betrieb expandieren und umziehen – auf den ehemaligen Flugplatz am Elliehäuser Weg, auf dem sich auch die Filmaufbau-Gesellschaft ansiedelt. Eine Baracke sei auf dem früheren Flugplatz gemietet, ein Brennofen mit großem Schornstein gebaut worden, erzählt Bornée.

Doch 1948 fallen die Pläne quasi in sich zusammen. Drei Tage, bevor der Ofen seinen ersten Brand bekommen soll, habe es auf dem Flugplatz eine Sprengung durch die Engländer gegeben. Der Schornstein sei zusammengesackt und habe alles mit sich gerissen – das Ende der keramischen Werkstätten, so Bornée. Mit der englischen Besatzungsmacht habe man sich verglichen. Die Geschäftsidee Töpferei war damit zur Zeit der Währungsreform erledigt.

Einstieg ins Filmgeschäft aus dem Stand heraus

Dafür tauchte bal d eine neue Idee auf, nämlich in das Filmgeschäft einzusteigen, quasi aus dem Stand heraus: „Am Anfang gab es eine Schreibmaschine, Gero Wecker und mich“, erinnert sich Bornée. Und es gibt eine Familie, die wächst: 1948 wird Tochter Cornelia geboren, 1952 folgt Tochter Angela. Zwischendurch arbeitet Bornée, die bei Calvör gelernt hat, als Buchhändlerin bei Deuerlich, während Wecker erste Fühler ins Filmgeschäft ausstreckt und die Arca im Werden ist. Bei einem unbezahlten Urlaub von Deuerlich verdient sich Bornée als Produktionssekretärin erste Sporen auf dem Göttinger Filmgelände.

1952 gelingt der Durchbruch. Mit einem studentischen Filmclub aus Göttingen fährt Wecker zu den Filmfestspielen nach Cannes. Dort erwirbt er die Rechte für den schwedischen Film „Sie tanzte nur einen Sommer“. Er lässt das Werk in einem gemieteten Schneideraum in München schneiden und synchronisieren. Als der Film in Deutschland in die Kinos kommt, „stürmten die Leute die Kassen“, erinnert sich Bornée. Aufsehen erregt der Film, der die Geschichte einer tragisch endenden Jugendliebe erzählt, auch durch eine freizügige Badeszene mit Hauptdarstellerin Ulla Jacobsson.

Mit „Sie tanzte nur einen Sommer“ wird der kleine Betrieb über Nacht groß – plötzlich habe man sehr viel Geld gehabt, das sofort wieder in Filmen angelegt worden sei, so Bornée. Weckers Eltern überlassen dem Produzenten-Paar die Wohnung im Rosdorfer Weg und ziehen in die Wilhelm-Weber-Straße.

Viele Gespräche mit Filmschaffenden

Firmensitz: Rosdorfer Weg 2.

Der Rosdorfer Weg 2 ist nun der Sitz der Arca. Das Büro liegt zur Straßenseite hin, im sogenannten Erker, dem Vorbau unter dem Balkon. Dort werden im Lauf der Zeit viele Gespräche mit Filmschaffenden geführt und Ideen ausgebrütet. Bornée erinnert sich unter anderem an ein Treffen mit Walter Giller und Nadja Tiller – damals noch unverheiratet. Auch Ernst Matray und der umstrittene Regisseur Veit Harlan mit seiner Frau, der Schauspielerin Kristina Söderbaum, sind Gäste im Erker.

Doch am Anfang kauft die Arca weiter Rechte für ausländische Filme und vermarktet diese in Deutschland. Damals sei alles fließend geschehen, erzählt Bornée: „Ich war von Anfang an bei allem dabei, in Paris, in Stockholm, um die deutschen Film-Rechte für ausländische Filme zu erwerben, habe PR g emacht, die Plakate besprochen und entschieden, und dann auch die ganze Dramaturgie. Jedes angebotene Drehbuch ging durch meine Hände, alle Entscheidungen trafen wir gemeinsam.“ Die Arca bringt auch französische Filme nach Deutschland, etwa „Die ehrbare Dirne“ nach dem Theaterstück von Jean-Paul Sartre und das Werk „Verbotene Frucht“, das die französische Schauspielerin Françoise Arnoul in Deutschland bekannt macht und auf einem Roman von Georges Simenon basiert. Weitere Film-Importe sind „Es geschah aus heißer Jugendliebe“, „Feuer unter der Haut“, „Im Schlafsaal der großen Mädchen“, „Kinder in Gottes Hand“ und „French Cancan“.

Produktion eigener Filme

Schließlich wagte die Arca unter ihrem Geschäftsführer Wecker den Sprung und produzierte ab 1954 auch eigene Filme. Der Debütfilm ist „Musik, Musik und nur Musik“, es folgt der Dokumentarfilm „So war der deutsche Landser“. Der Dokumentarfilm besteht aus zusammengeschnittenen Wochenschau-Szenen, die mit gesprochenem Text unterlegt werden. Der Musikfilm wird in den Studios Bendestorf bei Hamburg produziert. In dem Film wirken der berühmte Jazzmusiker Lionel Hampton und Schauspieler Walter Giller mit.

Mit von der Partie im Musikfilm ist auch Lonny Kellner. Damals hat sie gerade ihren späteren Mann Peter Frankenfeld kennen gelernt. Der habe sie immer von den Ateliers in Bendestorf abgeholt, erinnert sich Bornée. Giller ist Bornée als „einfach netter Kerl“ in Erinnerung geblieben. Als sie sich schon längst aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hatte, sei er auf sie in einem Berliner Restaurant mit seiner Frau Nadja Tiller spontan zugekommen, berichtet Bornée. Es habe ein großes Hallo gegeben.


Quelle: "Zwei Göttinger schreiben Film-Geschichte", Artikel von Jörn Barke im Göttinger Tageblatt vom 2. August 2012. Teil 1 einer Arca-Serie im Göttinger Tageblatt.

Fotos aus der Sammlung Bornée, veröffentlicht im Göttinger Tageblatt vom 2. August 2012.


Idyllische Immenhof-Filme und Urwaldmädchen

Im internationalen Film-Business unterwegs: Arca-Mitgründerin Carola Bornée mit Schauspieler Jean Marais.

Die Arca steigt Mitte der 50er-Jahre groß ins Filmgeschäft ein. In Berlin betreibt die Ufa im ehemaligen Ausflugslokal „Seeschloss Pichelsberg“ am Stößensee ein Filmatelier. 1956 übernimmt Wecker das Atelier. Er baut eine zweite Halle und modernisiert die technischen Einrichtungen. Nun erhält auch das Arca-Logo einen tieferen Sinn. Es zeigte nämlich von Anfang an – als an Berlin noch gar nicht zu denken war – über dem Schriftzug die stilisierte Quadriga vom Brandenburger Tor.

Exotische Schauplätze

Schon die Anfangsjahre verweisen auf den Weg, den Wecker als Produzent geht: Er setzt auf umstrittene, populäre, Aufsehen erregende Filme, gerne auch an exotischen Schauplätzen. Rauschgiftsucht, Prostitution, Homosexualität – solche Reizthemen bringt er ins Kino, mit ihnen kitzelt er das Publikum, die moralischen Vorstellungen der Zeit und die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), mit der er gleich mehrfach aneinandergerät.

Wecker habe heiße Themen angepackt, so seine damalige Frau und Mitarbeiterin Carola Bornée. Er sei ein brillanter Denker gewesen und habe den Streit-Dialog geliebt. Einerseits sei er sehr musisch, verinnerlicht gewesen, andererseits nach außen burschikos aufgetreten.

Für Aufsehen sorgen die Liane-Filme, die auf einem Roman in der Bild-Zeitung basieren und die Hauptdarstellerin, die erst 15-jährige Marion Michael, berühmt machen – auch wegen ihrer nur spärlich bekleideten Auftritte als Urwaldmädchen. Wecker hatte die Rechte auf Anraten seiner Frau gekauft.

Filme, die das Publikum wünscht

Die Hebung des künstlerischen Niveaus, äußert er in einem Porträt, das 1958 im „Film-Echo“ erscheint, sei seine Sache nicht. Angesprochen auf einen Kultursenator, der ihn dazu ermuntern wollte, antwortet Wecker: „Da ist er bei mir an der falschen Adresse. Denn ich mache Filme, die das Publikum wünscht.

Ich habe niemals auch nur einen Pfennig Bürgschaften in Anspruch genommen, sondern alles aus der eigenen Tasche finanziert. Ich kann mir kein Risiko leisten. Das Niveau zu heben, ist Sache des Kultursenators, nicht meine. Wenn er diese Ziel erreichen sollte, werde ich mich freuen und mich auf das neue Niveau einstellen.“ Wecker wird als „Tag- und Nachtarbeiter“ charakterisiert. In der zweiten Hälfte der 50er-Jahre hat die Arca unter ihrem Geschäftsführer Wecker 120 Mitarbeiter.

Als Wecker die Filmstudios in Berlin erwirbt, zieht er dorthin, während seine Frau mit den Kindern in Göttingen bleibt. Dies sei auch wegen der unsicheren Situation von West-Berlin als Insel innerhalb der DDR geschehen, berichtet Bornée. So bleibt eine Arca-Zweigstelle in Göttingen im Rosdorfer Weg, wo sich unter anderem die Buchhaltung befindet und die Pressearbeit geleistet wird. Die Ehepartner pendeln zwischen Berlin und Göttingen und sind ständig in Verbindung, nicht nur per Telefon, sondern auch über Fernschreiber. „Jeder wusste vom anderen, was er macht“, so Bornée.

Immenhof-Filme werden Kult

Als Wecker viele andere Projekte um die Ohren hat, bekommt Bornée eine eigene Herstellungsgruppe – und formt einen Kult: die idyllischen Immenhof-Filme, die bis heute viele Menschen begeistern. Als Herstellungsleiterin erscheint Bornées Name zum ersten Mal im Vorspann des ersten Immenhof-Films „Die Mädels vom Immenhof“.

Den Film habe ihr Wecker ganz überlassen: „Von da an hatte ich die eigene Herstellungsgruppe Carola Bornée, in der außer den drei Immenhof-Filmen noch der ‚Tolle Bomberg‘ produziert wurde.“ Bornée ist für alles, was mit der künstlerischen Herstellung zu tun hat, zuständig. Von den ersten Buchstaben des Drehbuchs bis zur letzten Klappe sei sie dabei gewesen, erzählt Bornée. Sie begleitet die Dreharbeiten in der Holsteinischen Schweiz. Der Film sei in Berlin geschnitten worden, regelmäßig seien sie nach Hamburg gefahren, um die Muster anzuschauen und zu entscheiden, ob Szenen nachgedreht werden müssten, so Bornée.

Der erste Immenhof-Film entsteht nach dem Buch „Dick und Dalli und die Ponies“ von Ursula Bruns. Gedreht wird auf dem Gut Rothensande bei Malente. Weil der Film ein großer Erfolg wird, folgen zwei Fortsetzungen ohne Buchvorlage. 1957 arbeitet Bornée nicht nur am dritten Immenhof-Teil, sondern auch am Film „Der tolle Bomberg“ mit Hans Albers. Bornée übernimmt auch Aufgaben bei anderen Filmen.

Mit einem Team sucht sie etwa Schauplätze für die Liane-Filme – und wird mit der Sumpflandschaft bei Sabaudia südlich von Rom fündig.

Gero Wecker produziert weiter von Berlin aus fleißig Filme. In einem 1958 erschienenen Porträt im „Film-Echo“ wird er als einer der vier großen Selfmademen des deutschen Films bezeichnet – neben Arthur Brauner, Walter Koppel und Kurt Ulrich. „Der Göttinger Wecker, jüngster Filmproduzent Deutschlands, macht seinem Namen alle Ehre“, heißt es in dem Porträt.

Er sei immer wach, ein aufgeweckter, blonder Mitdreißiger, ein solider, aber cleverer Geschäftsmann. Er habe die Film-Uhr beobachtet und zu jeder Minute gewusst, was die Stunde geschlagen habe. Als charmanten, zielstrebigen Selfmade-Mann beschreibt Bornée den Filmemacher Wecker. Er habe auch hart sein können, sie habe eher ausgleichend gewirkt.

Bis Ende der 50er-Jahre produziert die Arca Filme mit Stars wie Karlheinz Böhm, Joachim Fuchsberger, Hardy Krüger oder Curd Jürgens. Wecker wirkt auch an der Herstellung eines Films mit der Sexbombe Jane Mansfield mit: „Zu heiß zum Anfassen“. Zu diesem Zeitpunkt hat der umtriebige Wecker bereits ein kompliziertes Firmengeflecht aufgebaut. Ein Prospekt von 1959 nennt fünf verschiedene Arca-Gesellschaften, zwei in Berlin, eine in Rom und zwei in Göttingen im Rosdorfer Weg 2, nämlich die Arca-Filmgesellschaft und die Arca-Verlagsgesellschaft. Sie habe bei drei Gesellschaften aufgehört zu zählen, meint Bornée im Rückblick.

Exklusiv unter Vertrag hat die Arca zu dieser Zeit die Schauspielerinnen Helen April, Marion Michael und Sabina Sesselmann sowie den Schauspieler Christian Wolff. Vertragsschauspieler sind unter anderem Matthias Fuchs, Angelika Meissner und Raidar Müller, der Sohn des Göttinger Theaterschauspielers Eberhard Müller-Elmau. Zu dessen Familie hätten enge Beziehungen bestanden, so Bornée.

Viele Plakate für die Arca gestaltet der Göttinger Grafiker Karl-Heinz Fehrecke. Er ist in Kassel geboren und in Göttingen aufgewachsen. Auch Aushangfotos für die Kinos werden in Fehreckes Betrieb hergestellt, der in Göttingen mehrfach den Standort wechselt. Nach der Übernahme des Berliner Ateliers ist Fehrecke weiter für die Arca tätig.

Glamouröses Filmgeschäft

Bornée selbst ist Teil des glamourösen Filmgeschäfts. Fotos zeigen sie mit Hans Albers, Walter Giller, Jean Marais. Sie reist zum Filmfestival nach Cannes, sie dreht die Immenhof-Filme in der Holsteinischen Schweiz, den tollen Bomberg zum Teil im Schloss Vinsebeck der gräflichen Familie Metternich, sie pendelt zwischen Göttingen und Berlin, Harald Juhnke scherzt mit ihren Kindern.

Berufstätige Mutter: Carola Bornée 1956 bei den Filmfestspielen in Cannes.

Als Mutter wird Bornée durch Angestellte für den Haushalt und die Kinder und durch die Großeltern entlastet. In den konservativen 50er-Jahren ist Bornée als berufstätige Mutter mit zwei kleinen Kindern ihrer Zeit weit voraus – auch im Hinblick auf die Folgen eines rasanten, intensiven Lebens. Als ihr Vater stirbt, sie 1957 mit dem dritten Immenhof-Film und dem „Tollen Bomberg“ gleich zwei Filme herstellt und es auch noch in der Ehe kriselte, folgt der gesundheitliche Zusammenbruch – Burn out.

Radikal neues Leben

Im August 1961 lassen sich Wecker und Bornée scheiden, und die 37-Jährige beginnt ein radikal neues Leben. Sie zieht mit ihren Kindern auf ein Grundstück am Bodensee und lebt dort als Hausfrau und Mutter mit ihrem späteren Mann Karl Lang zusammen, dem Chefarzt im städtischen Krankenhaus Markdorf, einem Spezialisten für plastische Chirurgie. Innerhalb weniger Jahre hatte sie beruflich von null auf 100 beschleunigt, nun bremst sie schnell wieder auf null ab. Anfangs habe sie noch Drehbücher bekommen, aber sie habe gespürt, dass sie sich ganz für das neue Leben entscheiden müsse, sagt sie im Rückblick. Mit Wecker sei sie aber bis zum Schluss freundschaftlich verbunden geblieben.


Quelle: "Idyllische Immenhof-Filme und Urwaldmädchen", Artikel von Jörn Barke im Göttinger Tageblatt vom 3. August 2012. Teil 2 einer Arca-Serie im Göttinger Tageblatt.

Fotos aus der Sammlung Bornée, veröffentlicht im Göttinger Tageblatt vom 3. August 2012.

Aufklärungsfilme mit Oswalt Kolle als Kassenschlager

Nach der Scheidung von ihrem Mann Gero Wecker im August 1961 zieht sich Carola Bornée aus der Mitarbeit in der Arca-Film zurück. Ihr Mann aber macht an der Spitze des Unternehmens weiter. Ohne seine Frau muss der gebürtige Göttinger durch eine tiefe Talsohle gehen, auch weil das Fernsehen dem Kino immer stärker Konkurrenz macht. Ende 1960, Anfang 1961 wird das Göttinger Büro aufgelöst und nach Berlin überführt.

Wecker heiratet nach der Scheidung noch einmal. Mit seiner zweiten Frau Karin Jacobsen hat er die 1967 geborene Tochter Michaela. Doch wenige Jahre später wird die Ehe geschieden. Die Arca-Film produziert weiter Filme mit bekannten deutschen Stars wie Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Horst Frank oder Heinz Drache. Große Erfolge bleiben jedoch aus. Wecker kommt in finanzielle Schwierigkeiten.

Bornée lehnt ab

Anfang der 70er-Jahre trägt er seiner Ex-Frau noch einmal die Herstellung neuer Immenhof-Filme an. Doch Bornée lehnt ab – vom Bodensee aus, wo sie mittlerweile wohnt, seien keine Filme zu machen. Wecker produziert dann selbst die beiden späten Fortsetzungen der 70er-Jahre. Sie haben aber nicht den Erfolg der drei Filme der 50er-Jahre und genießen bei Fans auch nicht deren Kultstatus.

Finanzielle Rettung kommt für Wecker aus ganz anderer Richtung: Durch die Produktion von Aufklärungsfilmen mit Oswalt Kolle. Ab 1967 entsteht in schneller Reihenfolge ein gutes halbes Dutzend Filme mit Titeln wie „Das Wunder der Liebe“, „Deine Frau, das unbekannte Wesen“ oder „Was ist eigentlich Pornographie?“. Bornée ist anfangs entsetzt. „Denk’ an unsere Töchter“, sagt sie ihrem Ex-Mann.

Die Filme sorgen für Kontroversen und für Aufsehen – und ziehen Millionen Menschen in die Kinos. Im Rückblick ärgert Bornée, dass die Filme fast immer ganz auf die Person Kolle fokussiert werden. Doch in seiner Autobiographie „Ich bin so frei“ räumt Kolle Wecker durchaus Raum ein. Denn Kolle schildert, wie ihm Wecker auf Sylt den ersten Film der Reihe schmackhaft macht. Kolle beschreibt Wecker als risikofreudigen, umtriebigen Unternehmer und glänzend vorbereiteten Gesprächspartner. Am Ende eines Essens in einem exklusiven Restaurant ist Kolle überzeugt. „Machen Sie sich keine Sorgen! Ich werde der Hüter ihrer Arbeit sein“, habe Wecker zum Abschied gesagt.

„Ich war beflügelt.“

Auch bei der Produktion habe Wecker entscheidend die Richtung gewiesen und Kolle ermutigt, seinen eigenen Weg zu gehen. Einen ersten Drehbuch-Entwurf, gemeinsam mit Regisseur Uli Gottlieb geschrieben, habe Wecker verworfen: „Das ist doch nicht Kolle.“ Wecker habe angeordnet, Kolle solle allein schreiben: „Entwickeln Sie Ihr Thema völlig frei! Machen Sie eine gute Story! Und dazwischen ganz nüchtern Ihre Kommentare.“ Das zeigte laut Kolle Wirkung: „Plötzlich fühlte ich mich sicher. Ich war beflügelt.

„Machen Sie sich keine Sorgen! Ich werde der Hüter ihrer Arbeit sein“: Gero Wecker in seinem Berliner Büro.

Harsche Kritik übt Kolle allerdings etwas später in seiner Autobiographie an Weckers Umgang mit Geld. Davon hat der nun wieder erst einmal genug. Die Erfolge der Kolle-Filme geben ihm wieder finanziellen Spielraum.Doch mitten in der neuen Schaffensphase ereilt ein jäher Tod den Produzenten im Juni 1974 im Alter von 51 Jahren. Weckers Tod bedeutet auch das Ende seines Imperiums. Einige der Arca-Filme leben aber bis in die Gegenwart weiter. Die von Bornée verantworteten Immenhof-Filme sind bis heute Kult und werden immer wieder im Fernsehen gesendet. Und Kolle kam 2008, zu seinem 80. Geburtstag und 40 Jahre nach dem Erscheinen des Films und des Buches „Das Wunder der Liebe“ noch einmal groß heraus.

Bornée blieb dem Filmgeschäft fern. Als ihr zweiter Mann Karl Lang im Ruhestand noch drei Bücher schrieb, unterstützte sie ihn dabei. Der in der Nähe lebende Schriftsteller Martin Walser verfasste kleine Nachworte zu den Büchern, die um das Thema Alter kreisen.

Die Geschichte der Arca reicht über die Arca hinaus: Beide Töchter von Bornée gingen ins Filmgeschäft. Die jüngere arbeitete dort vorübergehend, die ältere, die in Göttingen und Berlin Publizistik studiert hat, ist bis heute als Producerin tätig. In Teil 4 folgt: die Immenhof-Filme der Arca – Kult bis heute.


Quelle: "Aufklärungsfilme mit Oswalt Kolle als Kassenschlager", Artikel von Jörn Barke im Göttinger Tageblatt vom 9. August 2012. Teil 3 einer Arca-Serie im Göttinger Tageblatt.

Foto aus der Sammlung Bornée, veröffentlicht im Göttinger Tageblatt vom 9. August 2012.


Immenhof-Filme: Skandal um Pastor in Heiratsszene

Kinder, Pferde und malerische Landschaft: Angelika Meissner spielt in den Immenhof-Filmen Dick.

Mehr als 50 Jahre ist es her, dass die Immenhof-Filme der in Göttingen gegründeten Arca in die Kinos kamen. Doch die Filme sind bis heute beliebt. Noch immer wird die heute 88-jährige Carola Bornée, die mit ihrer Arca-Herstellungsgruppe die Filme realisierte, bisweilen auf das Thema angesprochen und bekommt Post von Fans.

Rührige Immenhof-Fans

Es gibt treue und rührige Immenhof-Fans, so wie Mario Würz, Jahrgang 1969. Er war noch gar nicht geboren, als die Filme im Kino liefen. Der gebürtige Hesse verliebt sich in die Filme, als er sie als Jugendlicher im Fernsehen sieht – und zwar so sehr, dass er nach seiner Ausbildung zum Maler und Lackierer nach Schleswig-Holstein zieht, dorthin, wo die Filme gedreht wurden. Zeitweise wohnt Würz nach eigenen Angaben sogar selbst auf dem „Immenhof“ – in Wirklichkeit das Gut Rothensande bei Malente in der Holsteinischen Schweiz.

Doch die Nähe zu den Original-Filmschauplätzen reicht dem Fan nicht. Er gründet einen Fan-Club und 2005 organisiert er ein Immenhof-Festival – 50 Jahre, nachdem der erste Film 1955 in die Kinos gekommen ist. „Die Mädels vom Immenhof“ wurde als idyllischer Familienfilm mit Kindern, Pferden und malerischer Landschaft ein großer Erfolg. Die Fortsetzungen „Hochzeit auf Immenhof“ und „Ferien auf Immenhof“ folgten 1956 und 1957. Dem Kino- und später dem Fernsehpublikum wächst das Ponygestüt mit Oma Jantzen (Margarete Haagen) und ihren Enkelinnen Dick (Angelika Meissner) und Dalli (Heidi Brühl) ans Herz. Noch heute werden die Filme regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt.

Viele alte Bekannte treffen sich wieder

50 Jahre nach dem ersten Film treffen sich am Jubiläumswochenende 2005 in Bad Malente-Gremsmühlen viele alte Bekannte wieder. Dabei ist auch die aus Weende stammende Bornée. Das Treffen sei rührend gewesen, erinnert sich Bornée. Am Festball hätten 200 Leute teilgenommen, der Saal sei im Stil der 50er-Jahre geschmückt gewesen.

Bornée muss an dem Wochenende viele Autogramme geben. Die Immenhof-Ausstellung, auch bestückt mit Exponaten aus Bornées Sammlung, wird eröffnet. Zu sehen sind unter anderem Plakate und Fotos. Würz kurbelt den Immenhof-Tourismus mit vielen Projekten an. Der Fan hat sogar drei Immenhof-Bücher verfasst: „Sommernacht auf Immenhof“, „Abschied vom Immenhof“ und „Die Rückkehr zum Immenhof“.

Immenhof-Darsteller: Raidar Müller, Angelika Meissner, Matthias Fuchs und Heidi Brühl (von oben).

Der Tourismus-Service Malente wirbt mit Touren zu den Film-Schauplätzen und dem von Würz betreuten Museum zu den Immenhof-Filmen in der Kampstraße 1 in Bad Malente. Auch ein Immenhof-Festspiel-Verein ist aktiv. Doch wo viele Fans sind, gibt es manchmal auch Reibereien – zuletzt nach Zeitungsberichten in Form eines Streits um die Rechte an der Marke „Immenhof“. Es ist manchmal anstrengend, eine heile Welt aufrechtzuerhalten.

Das galt auch schon in den 50er-Jahren. Auch wenn die Immenhof-Filme eigentlich Inbegriff einer heilen Ferienwelt der 50er-Jahre und von harmlosen, netten, reizenden Familienfilmen sind: Um den zweiten Teil „Hochzeit auf Immenhof“ gab es damals einen Skandal. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ berichtete dazu unter dem Titel „Frevel im Hause Gottes“.

Echter Pastor statt Schauspieler

Was war geschehen? Regisseur Volker von Collande hatte in der Kirche in Malente-Gremsmühlen die Hochzeit von Jochen von Roth (Paul Klinger) und Margot Hallgarten (Karin Andersen) gedreht. Der Einfachheit halber hatte von Collande für den Pastor keinen Schauspieler eingesetzt, sondern – den echten Pastor. Der hatte sich laut Spiegel bereit erklärt, weil er es durchaus positiv gesehen habe, dass die Malenter Kirche bekannt wird und auch einmal eine evangelische Trauung im Film zu sehen sei und nicht wie häufig eine katholische.

Das Mitwirken des Pastors brachte den bekannten und renommierten Theologie-Professor Helmut Thielicke jedoch auf die Barrikaden. Er wetterte, der Pastor habe sich zum „talartragenden Mannequin“ gemacht. „Wie“, fragt Thielicke laut Spiegel, „wird sich wohl das nächste Brautpaar fühlen, das an diesen entweihten Altar tritt? Wird es nicht mit der Anfechtung kämpfen müssen, dass auch sein Traugelübde nicht ganz ernst gemeint, dass es ein frommes Spiel sei, und dass man dieses Spiel ja abbrechen könne, wenn einem die Lust woandershin steht?“

Der angegriffene Geistliche erhielt jedoch Rückendeckung von seinem kirchlichen Vorgesetzten, den er zuvor um Erlaubnis gefragt hatte. In Leserbriefen gab es geteilte Meinungen über die Mitwirkung des Pastors und auch über die Schärfe der Kritik von Thielicke. Am Ende störte der Skandal den Kult um den Film nicht.

Der erste Immenhof-Film hat das Buch „Dick und Dalli und die Ponies“ von Ursula Bruns als Vorlage. Der Film macht die Island-Pferde in Deutschland bekannt. Die beiden Fortsetzungen, die nach dem Erfolg des ersten Teils gedreht werden, entstehen ohne Buchvorlage. Anfang der 70er-Jahre versucht Arca-Produzent Gero Wecker mit den beiden Filmen „Die Zwillinge vom Immenhof“ und „Frühling auf Immenhof“ noch einmal an die früheren Erfolge anzuknüpfen. Aus den alten Filmen ist noch die nun erwachsene Heidi Brühl dabei. Die Filme finden aber keine so starke Resonanz mehr beim Publikum und genießen bei Fans auch nicht den Kultstatus der frühen Filme.

Bornée selbst sieht diese heute immer noch gerne und erinnert sich dann auch an die Begebenheiten hinter der Kamera. Wenn die Leute bei den Uraufführungen an den richtigen Stellen gelacht und geweint hätten, sei sie der glücklichste Mensch der Erde gewesen. In Teil 5 folgt: „Der tolle Bomberg“, die Gartetalbahn und Mädchen in Uniform.


Quelle: "Immenhof-Filme: Skandal um Pastor in Heiratsszene", Artikel von Jörn Barke im Göttinger Tageblatt vom 15. August 2012. Teil 4 einer Arca-Serie im Göttinger Tageblatt.

Fotos aus der Sammlung Bornée, veröffentlicht im Göttinger Tageblatt vom 15. August 2012.

Sonderfahrt der Gartetalbahn und Mädchen in Uniform

Dreharbeiten auf Schloss Vinsebeck: Die Familie des Grafen Metternich ist dabei.

Zu den Filmen, die die in Göttingen gegründete Firma Arca produzierte, zählt auch „Der tolle Bomberg“ mit Hans Albers aus dem Jahr 1957. Wie die Immenhof-Filme entstand auch dieser Streifen in der Herstellungsgruppe der aus Weende stammenden Carola Bornée. Sie hatte mit ihrem Mann, dem Göttinger Gero Wecker, die Filmfirma in den 50er-Jahren aufgebaut.

Außenaufnahmen in Göttingen

„Der tolle Bomberg“ hat nicht nur aufgrund der Macher enge Bezüge zu Göttingen. Hier wurde auch ein Teil der Außenaufnahmen gedreht. Und die Gartetalbahn kam in dem Film zu einem ihrer letzten Einsätze. Der burschikose und eigenwillige Held des Films, der von Hans Albert gespielte Baron Giesbert Freiherr von Bomberg, tritt nämlich mit seinem Pferd zu einem Wettritt gegen eine Eisenbahn an – gegen die Gartetalbahn nämlich, die im Film natürlich nicht so benannt ist.

Flucht vor Frauen in Uniform: Herbert Hübner

Zu der Bahn gibt es eine schöne Anekdote. Den modernen Triebwagen konnte man vor der Kamera nicht gebrauchen. Als Ersatz für ihn wurde eine alte Lok, die in einem dunklen Schuppen dahindämmerte, der Vergessenheit entrissen. Die Filmleute mieteten die Lok, machten sie wieder fahrtüchtig und gaben den Personenwagen einen farbfilmfreudigen Anstrich. Da geschah es, dass an einem Sonntag, an dem nicht gedreht wurde, der Triebwagen einen Schaden hatte. Es drohte Stillstand auf der Gartetalstrecke. Doch das Filmteam rettete die Situation, indem es die alte Lok, die inzwischen durch einen Schornsteinaufbau ein noch älteres Äußeres erhalten hatte, für diesen Sonntag zur Verfügung stellte.

Zu wenige Mitglieder im Reitverein

Eine andere Anekdote betrifft Herbert Hübner, der in dem Film einen bärbeißigen Ulanen-Regimentskommandeur spielt. Als er sich in einer Drehpause seine „Männer“ näher ansah, bemerkte er zu seinem großen Erstaunen, dass er überwiegend Frauen und Mädchen befehligte. Der Göttinger Reiterverein hatte nämlich nicht genügend Mitglieder, um die von der Arca-Film angeforderten 90 Ulanen stellen zu können. Daraufhin wurden die Clubdamen in Uniform gesteckt und mit flotten Bärtchen versehen. Hübner soll dabei im Hinblick auf Schicklichkeit etwas unwohl gewesen sein. Denn schließlich beginnt sein Auftritt mit einem derben Fluch.

Flucht vor Frauen in Uniform: Herbert Hübner.

Göttingen ist im Film mehrfach vertreten: Zu sehen sind der Jacobi-Kirchturm, einige Straßenzüge und sehr ausführlich das Deutsche Theater von außen und innen. Regie führte Rolf Thiele, einer der Gründer der Göttinger Filmaufbau, der im „Tollen Bomberg“ manche Anzüglichkeit und Derbheit untergebracht hat. Der Unterhaltungsfilm entstand nach einem Roman von Josef Winckler. Geschildert wird das Leben des Barons von Bomberg, der durch tolle Streiche und Schabernack für allerlei Aufregung sorgt. Eine Liebesgeschichte ist natürlich auch dabei. Das Paar wird gespielt von Harald Juhnke und der erst 16-jährigen Marion Michael, die zuvor leicht bekleidet in dem Film „Liane – das Mädchen aus dem Urwald“ für Aufsehen gesorgt hatte. Nun durchstreifte sie ehrfürchtig die Räume des Schlosses Vinsebeck in Nordrhein-Westfalen, wo ein weiterer Teil des Filmes gedreht wurde. Besonders imponiert haben soll ihr die wertvolle gräfliche Bibliothek. Die kleine Berliner Göre habe sich schnell zu einem Star gemausert, erinnert sich die heute 88-jährige Bornée. Sie sei auch dafür zuständig gewesen, der Kindfrau auf dem Weg zum Ruhm einige Manieren beizubringen.

Neureich: Gert Fröbe spielt den Kommerzienrat Mühlberg

Neureich: Gert Fröbe spielt den Kommerzienrat Mühlberg.

Bornée erinnert sich noch gut an die Dreharbeiten. Es habe eine Woche gedauert, bis der große Star Hans Albers – damals schon Mitte 60 – sie als junge, gut 30-Jährige Filmschaffende akzeptiert habe. Kopfzerbrechen bereiteten Bornée die Dreharbeiten im Schloss. Schließlich rückte das Filmteam mit großem Equipment in das Anwesen von Wolfgang Graf Wolff Metternich ein. Bornée bangte um den jahrhundertealten Parkettboden.

Gräfin bittet zum Tee

Die gräfliche Familie nahm jedoch mit Begeisterung Anteil an den Dreharbeiten. Die Gräfin, geborene Adelheid von Adelebsen, habe öfter zum Tee gebeten, erinnert sich Bornée, die dort mehrmals erschien. Als einzigen Adeligen konnte das Filmteam Hubert von Meyerinck aufbieten, der im Film einen Pfarrer gibt. Er sei allerdings nur einmal zum Tee gekommen, so Bornée. Die Begeisterung der Gräfin ging so weit, dass sie selbst eine kleine Rolle in dem Film übernahm. Thiele gab ihr den Part der Köchin Olga.


Quelle: "Sonderfahrt der Gartetalbahn und Mädchen in Uniform", Artikel von Jörn Barke im Göttinger Tageblatt vom 17. August 2012. Teil 5 einer Arca-Serie im Göttinger Tageblatt.

Fotos aus der Sammlung Bornée, veröffentlicht im Göttinger Tageblatt vom 17. August 2012.

Filmkontrolle: „Vermeiden Sie eine erotisierende Wirkung“

Produzent und Star: Gero Wecker und Marion Michael.

Mit einem Film-Import aus Schweden gelingt der in Göttingen gegründeten Arca 1952 der Durchbruch. Das Werk sorgt gleich für gehöriges Aufsehen. Denn in dem Streifen „Sie tanzte nur einen Sommer“ gibt es eine freizügige Badeszene mit Hauptdarstellerin Ulla Jacobsson. In der konservativen Ade­nauer-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist das ein erklärungsbedürftiger Umstand.

Der Verleih gibt den Kinobesitzern einen ausführlichen Ratschlag mit auf den Weg, wie sie mit der Werbung für den Film umgehen sollen. Das Werk stelle „an die Gestaltung der Außenfront besondere Ansprüche. Die Dezenz und das Niveau des Films darf nicht durch eine übertriebene Außenfrontgestaltung zu falschen Schlüssen Anlass geben. Vermeiden Sie daher, dass die Außenfront Ihres Theaters eine erotisierende Wirkung erhält.

Denken Sie daran, dass Sie für einen der besten schwedischen Filme Propaganda machen. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Deutschen Filmwirtschaft hat uns diese Auflage gemacht. Wenn Sie also das Aktbild zum Vorwurf Ihrer Außenfront machen, erinnern Sie sich bitte des eben Gesagten, berücksichtigen Sie die Qualität ihres Films und gestalten Sie Ihre Außenfront entsprechend.“ Der Film wird bei der Berlinale 1952 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet – und zwar vom Publikum, das in diesem Jahr die Preise vergibt.

Der schwedische Film bleibt nicht der einzige, zu dem der streitbare Produzent und Arca-Geschäftsführer Gero Wecker Diskussionen führen muss. Gleich eine ganze Seite widmet das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ 1955 der Auseinandersetzung Weckers mit der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) um den Dokumentarfilm „So war der deutsche Landser“, einen der ersten von der Arca selbstproduzierten Filme. Der Film enthält Wochenschau-Aufnahmen, die mit gesprochenem Text unterlegt sind.

Antikriegsfilm

Während Wecker selbst der Auffassung gewesen sei, einen ausgesprochenen Antikriegsfilm gemacht zu haben, monierte die FSK laut Spiegel „militaristische, nationalistische und nationalsozialistische Tendenzen“. Änderungen am Schnitt und Text seien gefordert worden.

Der Spiegel weist darauf hin, dass Wecker Änderungen an Filmen nach Debatten mit der FSK gewohnt sei. So sei er nicht nur mit „Sie tanzte nur einen Sommer“ angeeckt, sondern – aus moralischen Gründen – auch mit Filmen, in denen die französische Schauspielerin Françoise Arnoul mitwirkt, nämlich „Verbotene Frucht“ (entstanden nach einem Roman von Georges Simenon), „Zur Liebe verdammt“, „Im Schlafsaal der großen Mädchen“ und „French Cancan“. Nach erheblichen Änderungen bekommt Wecker auch für den deutschen Landser die Freigabe.

Kontroverse Themen

Der Produzent bleibt sich darin treu, bisweilen auf kontroverse Themen zu setzen, die das moralische Gefühl der Zeit kitzeln. Prostitution thematisiert er 1958 – ein Jahr nach der Ermordung der Edelprostitutierten Rosemarie Nitribitt – gleich in zwei Filmen: „Madeleine, Tel. 136211“ und „Liebe kann wie Gift sein“. In diesem Film spielt zugleich Rauschgift-Sucht eine Rolle, um die es auch in „Ohne Dich wird es Nacht“ (1956) mit Curd Jürgens geht.

Arca-Filme, die das moralische Gefühl der Zeit kitzeln: Kuppelei-Paragraph, Rauschgift-Sucht und Prostitution als Themen.

Der Kuppelei-Paragraph und die Liebe eines Mannes zu einer Minderjährigen stehen im Mittelpunkt von „Das Mädchen und der Staatsanwalt“ (1962), in dem Elke Sommer die Minderjährige gibt. Der Kuppelei-Paragraph wird ebenfalls in dem Film „Anders als du und ich“ (1957) thematisiert. Doch im Zentrum des Werks steht ein anderes damals brisantes Thema: Homosexualität. Der Film wird in den ersten zwei FSK-Instanzen abgelehnt.

Er darf in der Bundesrepublik erst erheblich umgearbeitet und nicht unter dem ursprünglichen Titel „Das dritte Geschlecht“ erscheinen. Durch die Änderungen erhält der Film eine deutlich gegen Homosexuelle gerichtete Tendenz. In der ursprünglichen Fassung hatte es dagegen zumindest Ansätze für einen differenzierteren Blick auf Homosexualität gegeben.

Umstrittener Regisseur

Regisseur des Filmes ist Veit Harlan. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst wegen seiner Rolle in der NS-Diktatur äußerst umstritten. Harlan hatte unter anderem den antisemitischen Hetzstreifen „Jud Süß“ gedreht. Er konnte sich nach 1945 dennoch wieder etablieren – zunächst 1951 mit dem Film „Unsterbliche Geliebte“, hergestellt von der „Hans Domnick Filmproduktion“ in Göttingen.

Wecker arbeitet erst später mit Harlan zusammen. „Anders als du und ich“ ist Harlans erste Regie-Arbeit für die Arca, es folgt „Liebe kann wie Gift sein“. In der Arca-Produktion „Ich werde dich auf Händen tragen“ (1958) wirkt unter Harlans Regie auch seine Frau, die Schauspielerin Kristina Söderbaum, mit.

In der Nach-Adenauer-Ära muss Wecker erneut eine ausschweifende Auseinandersetzung führen: Es geht um den Arca-Film „Das Wunder der Liebe“ (1968), den ersten einer Reihe von Aufklärungsfilmen mit Oswalt Kolle. „Als wir den Film endlich im Kasten hatten, war er trotzdem noch lange nicht fertig“, schreibt Kolle in seiner Autobiographie „Ich bin so frei“.

Kampf mit der FSK

Denn nun habe der Kampf mit der FSK begonnen: „Zwei Tage und zwei Nächte mussten wir über jeden einzelnen Meter verhandeln.“ Einem FSK-Vertreter schreibt Kolle den Satz zu: „Sie wollen wohl die ganze Welt auf den Kopf stellen. Jetzt soll sogar die Frau oben liegen!“ Auch sei ein leichtfertiger Umgang mit dem Thema Masturbation kritisiert worden. Schließlich habe der Film aber „nach quälendem Ringen“ in die Kinos kommen können. Millionen Menschen in der Bundesrepublik sehen diesen und die folgenden Kolle-Filme.

Die Position der FSK zu den Kolle-Filmen stellt auch Jürgen Kniep in seinem Buch über Filmzensur in Westdeutschland von 1949 bis 1990 dar. Während Kolle einen anekdotischen Bericht liefert, analysiert Kniep die Arbeit der FSK wissenschaftlich und im Rahmen der Zeit. So ging dem „Wunder der Liebe“ bereits der Aufklärungsfilm „Helga“ voraus. Und 1969 werden der FSK die ersten Sex-Komödien vorgelegt.

Strengste und laxeste Grenzziehungen

Grundsätzlich erscheinen laut Kniep „die späten 1950er-Jahre tendenziell als Zeitpunkt der strengsten, die späten 1970er als Moment der laxesten Grenzziehungen“ der Filmkontrolle.Kniep behandelt in seinem Buch den Umgang von FSK und bundesdeutscher Gesellschaft mit so unterschiedlichen Werken wie dem Film „Das Schweigen“ von Regisseur Ingmar Bergmann, der Schulmädchen-Report-Reihe und den Italo-Western.

Kniep korrigiert dabei eine weit verbreitete Legende: Um den Film „Die Sünderin“ von 1951 habe es nicht wegen der Nacktszene mit der jungen Hildegard Knef Auseinandersetzungen gegeben. Die Kritik habe sich vielmehr gegen eine zu positive Darstellung von Prostitution, Selbstmord und Tötung auf Verlangen in dem Film gerichtet: „Die Annahme, dass die Kirchen gegen die wenige Sekunden lang zu sehenden Brüste der Schauspielerin zu Felde gezogen seien, ist zwar aus dem heutigen Mythos ‚Sünderin‘ nicht wegzudenken, entbehrt aber jeder Grundlage."

Jürgen Kniep: „Keine Jugendfreigabe!“ Filmzensur in Westdeutschland 1949-1990, Wallstein-Verlag, geb., 448 Seiten, 42 Euro.

Arca-Star mit bewegtem Leben: Marion Michael

Einer der schillerndsten Arca-Stars ist Marion Michael. Als 15-Jährige wird sie 1955 unter tausenden von Bewerberinnen für den Film „Liane – das Mädchen aus dem Urwald“ ausgewählt. Die Hauptrolle macht sie 1956 schlagartig berühmt: als barbusiger Leinwand-Nackedei. Sie spielt an der Seite von Hardy Krüger ein spärlich bekleidetes Mädchen, dass nach einem Flugzeugabsturz im Urwald von Eingeborenen großgezogen wurde. Für Michael ist der Film Auftakt zu einem Leben voller abrupter Wendungen und tiefer Täler.

Exklusiv-Star der Arca

Zunächst wird sie ein Exklusiv-Star der Arca: Produzent Gero Wecker gibt ihr einen Siebenjahresvertrag. Michael spielt in weiteren Arca-Filmen unter anderem an der Seite von Hans-Albers („Der tolle Bomberg“), Eddie Constantine („Bomben auf Monte Carlo“) und Harald Juhnke („Davon träumen alle Mädchen“). Auch in einem zweiten Liane-Film wirkt sie mit („Liane – die weiße Sklavin“). Zwischenzeitlich geht sie eine Liaison mit Wecker ein.

Nach Ablauf des Vertrages bleiben Filmangebote aus. Michael verlegt sich aufs Theaterspielen und moderiert kurze Zeit eine Kindersendung im Fernsehen. Sie heiratet, lässt sich scheiden, hat 1970 ein Kind mit einem amerikanischen Soldaten. Anfang der 70er-Jahre zieht sie sich aus der Öffentlichkeit zurück, lebt in einer Kommune und macht Straßentheater.

Psychische Krise

Depressionen münden in einen Suizidversuch. 1976 beginnt Michael eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Nach einer Beziehung zu einem Alkoholiker geht sie 1979 mit ihrem Sohn in die DDR und wird Synchronassistentin. 1983 heiratet sie zum zweiten Mal, einen Funktionär. Sie wird manisch-depressiv, ihr 17-jähriger Sohn flieht 1987 zurück in den Westen. Erst nach dem Mauerfall sehen sie sich wieder. Mitte der 90er-Jahre hat Michael noch einmal ein paar Filmauftritte. Danach lebt sie mit ihrem zweiten Mann zurückgezogen im Oderbruch und stirbt 2007 im Alter von 66 Jahren.


Quelle: "Filmkontrolle: „Vermeiden Sie eine erotisierende Wirkung“", Artikel von Jörn Barke im Göttinger Tageblatt vom 21. August 2012. Teil 6 einer Arca-Serie im Göttinger Tageblatt.

Fotos aus der Sammlung Bornée, veröffentlicht im Göttinger Tageblatt vom 21. August 2012.