Bücherverbrennung

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Als abschließender Höhepunkt der vierwöchigen Aufklärungsaktion ‚wider den undeutschen Geist‘, die von der deutschen Studentenschaft akribisch geplant und durchgeführt wurde, brannten am Abend des 10. Mai 1933 in vielen Universitätsstädten Scheiterhaufen aus Büchern nieder. Verbrannt wurden Werke von Heinrich Mann, Sigmund Freud, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky, Karl Marx, Erich Kästner und vielen weiteren Autoren und Schriftstellern, die nach Meinung des nationalsozialistischen Regimes als „undeutsch“ deklariert wurden (vgl. Pfeiffer 2010: 99).

Göttingen gehörte ebenfalls zu den Städten, in denen die besagte Bücherverbrennung stattfand. Im Hörsaal des Auditoriums Maximum versammelte sich die Studentenschaft zahlreich zur Auftaktveranstaltung der Feierlichkeit. Sie wurde von Friedrich Neumann, dem damaligen Rektor der Universität Göttingen, mit einer Rede eröffnet. Nach Neumann sei es „im Kampfe wider den undeutschen Geist mit symbolhaften Handlung allein nicht getan“ (Treß 2003: 140). In seiner Funktion als Universitätsleiter, vor allem aber als Germanist, untermauerte er in seiner Rede, dass die „Germanistik [...] eine erzieherische Aufgabe“ (Treß 2003: 142) habe und das all diejenigen Bücher, die dem „literarischen Erziehungsideal“ (ebd.) des Nationalsozialismus nicht entsprachen, vernichtet werden sollen (vgl. Treß 2003: 142ff.). Anschließend erhob Dr. Gerhard Fricke, ebenfalls Dozierender der Germanistik, das Wort und machte auf drei Elemente aufmerksam, die aus seiner Sicht durch die bevorstehende Bücherverbrennung ausgelöst werden. Begründet durch das ‚Gefühl der Schuld‘, ‚Gefühl der Befreiung‘ sowie das ‚Gefühl höchster Verpflichtung‘ legitimierte Fricke, ebenso wie sein Vorredner Neumann, die Notwendigkeit für den Akt der Vernichtung (vgl. Treß 2003: 144ff.).

Nach den Plädoyers folgte der Aufbruch zum eigentlichen Schauplatz. In Viererreihen aufgestellt zog der Zug vom uniformierten Studenten und zahlreichen Schaulustigen unter den Signalen einer Kapelle durch die Innenstadt zum Adolf-Hitler-Platz, dem heutigen Theater- bzw. Albaniplatz. Dort angekommen erhob Heinz Wolff, Führer der Göttinger Studentenschaft, das Wort. Die neun Feuersprüche wurden nicht, wie es in den meisten anderen Städten der Fall war, ausgerufen. Sie bringen zum einen zum Ausdruck, was wider der NS-Ideologie ist, wie beispielsweise der „Klassenkampf und Materialismus“ (Norddeutscher Rundfunk 2013) und der „volksfremde[…] Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung“ (ebd.). Zum anderen sagen sie aus, wofür die NS-Ideologie einsteht, etwa die „Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung“ (ebd.). Stattdessen nannte Wolff, während die Bücher in die Flammen des Scheiterhaufens geworfen wurden, Schriftsteller wie „Adolf Hitler, Friedrich Lienhard, Ernst Krieck, Arthur Moeller van Bruck, Hanns Johst und Otto Erler“, die aus seiner Sicht der Mentalität des idealistischen Nationalismus entsprachen (Treß 2003: 150-152). Während der Scheiterhaufen, aus dem ein Schild mit dem Aufdruck „Lenin“ ragte, niederbrannte, und einige Volkslieder wie ‚Flamme empor‘ und das Deutschlandlied zu Ende gesungen waren, war der Akt der Bücherverbrennung vollzogen und die herbeigeströmten Menschen verließen den Albanischulhof (vgl. Treß 2003:152).

Plakette Bücherverbrennungen.jpg

Die 100x60 cm große Gedenktafel aus Bronze wurde am 10. Mai 1984 am Nordaufgang zum Albaniplatz angebracht. Sie soll mit dem Zitat von Heinrich Heine „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ (1821) an die von NS-Studenten durchgeführte Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 erinnern (vgl. Stadt Göttingen o.J.).

Quellen:

  • Norddeutscher Rundfunk 2013: „Feuersprüche“ bei Bücherverbrennungen“. Unter: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Feuersprueche-bei-Buecherverbrennungen,buecherverbrennung6.html, letzter Zugriff: 25.11.2019.
  • Stadt Göttingen o.J.: Gedenktafel „Bücherverbrennung“. Unter: https://denkmale.goettingen.de/denkmale/gedenktafel-buecherverbrennung.html, letzter Zugriff: 25.11.2019.
  • Pfeiffer, Lorenz 2010: „Studierende der ‚Deutschen Hochschule für Leibesübungen‘ als Akteure der ‚Aktion wider den undeutschen Geist‘ im Frühjahr 1933“. In: Schoeps, Julius H./ Treß, Werner (Hrsg.): Verfemt und verboten: Vorgeschichte und Folgen der Bücherverbrennungen 1933. Hildesheim: Olms. S. 99–111.
  • Treß, Werner 2003: Wider den undeutschen Geist: Bücherverbrennung 1933. Berlin: Parthas.
  • Weber, Larissa 2010: „Die nationalistische Bücherverbrennung“. In: Schoeps, Julius H./ Treß, Werner (Hrsg.): Verfemt und verboten: Vorgeschichte und Folgen der Bücherverbrennungen 1933. Hildesheim: Olms. S. 379-385.