Bullengeschichte

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Kultur- und Heimatverein Harste e.V
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Der Bullensprung


Die Bullengeschichte ist eine in Harste bekannte Geschichte.

Der Freudensprung

Jeder kennt einen Freudensprung. Je jünger, desto größer der Sprung oder umgekehrt: je älter, desto kleiner der Hüpfer, wenn uns etwas Schönes und Überraschendes passiert oder wir etwas überraschend Schönes erleben.

In dieser Geschichte, die Willi Karnebogen erzählt hat, geht es auch um eine Art Freudensprung, allerdings um einen, an dem zwei beteiligt waren und der vermutlich schön für ihn und überraschend für sie, aber schön und überraschend zugleich weder für sie noch für ihn war.

„Sie“ und „er“ sind in diesem Fall keine Lebewesen der Gattung Mensch, sondern eine Kuh – nennen wir sie Erna – und ein Bulle – nennen wir ihn Egon –. Beide lernten sich auf etwas ungewöhnliche Art kennen, was – wie wir gleich sehen werden – den alten Siebert erboste und den jungen Willi erfreute.

Aber der Reihe nach: Willi Karnebogen, Mitte der dreißiger Jahre 13- oder 14jährig, eggte im Herbst das Land seiner Eltern mit einem Gespann, das aus zwei Ochsen bestand (Trecker konnten sich in dieser Zeit kleinere Bauern nicht leisten). Neben ihm auf dem Nachbarstück verrichtete der alte Siebert die gleiche Arbeit, allerdings mit einem anderen Gespann: Hier zogen eine Kuh und ein Pferd die Egge (was damals häufiger vorkam). Beide mühten sich redlich und freuten sich auf ihren wohlverdienten Feierabend. Ein idyllisches Bild, sollte man meinen. War es auch! Aber nur solange, bis...

Zur gleichen Zeit war ein Knecht vom alten Ohms mit einem Bullen unterwegs, den er von der Bahnstation in Lenglern abgeholt hatte. Dieser war gekauft worden, um auf dem Ohmschen Hof, jetzt Hauptstr.26, seinen durchaus angenehmen Dienst anzutreten, nämlich als Dorfbulle allen bereiten Kühen im Ort zur Verfügung zu stehen, selbstverständlich gegen Bezahlung (der Ohmsche Hof war damals sozusagen die Samenstation von Harste, wo gegen Bares nicht nur Kühe, sondern auch Säue beglückt wurden).Plötzlich sah, roch – wie auch immer – Egon Erna, und aus dem bis dahin friedlich dahintrottenden Bullen wurde ein Untier. Ob er sich aus Übermut oder Lust oder um zu zeigen, was für ein guter Einkauf er war, vom Knecht losriss, lässt sich nicht mehr nachweisen, spielt auch keine Rolle. Fakt ist, er riss sich los, und der

Knecht stand mit seiner Stange ohne Egon da. Nicht lange natürlich, dann lief er, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, hinter dem Bullen her. Was aber nicht viel nützte, denn Egon hatte sein Ziel längst erreicht, als der Knecht keuchend dazukam. Egon hatte sogar noch mehr erreicht: Er hatte den berühmten Sprung getan. Auf Erna natürlich! Und damit die Kuh und ihr Kumpel, das Pferd, nicht vor Schreck davonliefen, hatte sich der clevere, aber durchaus unfaire Egon auf die Egge gestellt, bevor er sich (und ganz vielleicht auch ihr) Freude bereitete. Der alte Siebert, zuerst fassungslos, dann wütend, gönnte Egon dieses Vergnügen überhaupt nicht, sondern fuchtelte mit den Armen und brüllte ihn an, das sein zu lassen! Was aber den Bullen nur wenig beeindruckte. Erst, als der Ohmsche Knecht sich von seiner Rennerei etwas erholt hatte und irgendwie die Stange am Nasenring befestigt hatte, musste Egon von Erna lassen und den Weg zum Ohmschen Hof fortsetzen, begleitet natürlich vom Geschimpfe des alten Siebert und vom Gefeixe des jungen Willi.


Diese Geschichte erfreute kurze Zeit später das ganze Dorf, wie sich Willi Karnebogen auch nach über 60 Jahren noch erinnert. Was er aber nicht mehr weiß, ist die Antwort auf folgende Fragen:

  • Ist Egon zu früh gestört worden?
  • Wie hat Erna den Überfall tatsächlich erlebt?
  • Hatte das Ganze Folgen?
  • Warum war der alte Siebert so wütend? War doch umsonst?

Diese wichtigen Fragen sind nicht mehr zu klären. Aber wir können trotzdem aus dieser Geschichte etwas lernen, z.B.: Zieh niemals eine Egge hinter dir her!



Quelle: Kultur- und Heimatverein Harste e.V. Buch "Harster Geschichten"