Burg Adelebsen

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Burg Adelebsen

Fünf Ecken hat der weithin sichtbare Turm der Burganlage in Adelebsen. Eine eindeutige Erklärung für diese Form hat Burgverwalter Andreas Schaefer noch nicht gefunden. Er mutmaßt einen Zusammenhang mit der Bauzeit: Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde der rund 40 Meter hohe Turm erbaut und gilt damit als der älteste Teil der Burganlage. Als Wohn- und Wehrturm ist er europaweit bedeutsam.

Im Jahre 1234 war es, als die Herren von Wibbecke nach Adelebsen übersiedelten und sich fortan „Herren von Adelebsen“ nannten. Mehr als sieben Jahrhunderte haben sie dort gewohnt, bis der letzte dieses Namens, Georg Freiherr von Adelebsen, vor 60 Jahren von einem Teil seines Besitzes die privatrechtliche Stiftung zur Erhaltung der Burganlage gründete. Erster Vorsitzender ist heute sein Enkel, Graf Peter Wolff Metternich. Einkünfte erzielt die Stiftung durch Verpachtung von 270 Hektar Land, 300 Hektar Wald und von fast 35 Mietparteien. Doch die Stiftung ist auch auf Spenden angewiesen.

Ein Kraftakt war es beispielsweise, die 120 Jahre alte Eichentreppe mit 144 Stufen für den Publikumsverkehr zu sanieren. Fast vier Jahre lang war der Turm nicht begehbar. Würmer und Wasser hatten die tragenden Eichenbalken zersetzt. Schließlich waren die Sponsoren für die erforderlichen 64000 Euro gefunden. Im August 2005 wurde die neue Treppe eröffnet.

Nicht nur menschliche Besucher, auch Turmfalken und Fledermäuse sind hier gern gesehen, vergebens gelockt wurde ein Uhu. Doch die Dohlenschwärme machen im Turm durch Verschmutzungen Probleme. Viel Aufsehen erregten die Arbeiten an der Mauerkrone im Sommer. Durch Bewuchs war die Verfugung undicht geworden und musste gegen Feuchtigkeit mit Spezialmörtel erneuert werden. Frei an Seilen hängend wirkten die Mitarbeiter der Firma Gelien aus Solingen.

Jetzt kann der Turm wieder besichtigt werden. Zum Tag des offenen Denkmals und nach Vereinbarung mit der Stiftung Burg Adelebsen führt Schäfer zahlreiche Besucher auf den Turm, von dem sie bei klarer Sicht bis zur Plesse sehen können. Doch nicht nur der Turmaufstieg lohnt sich. Einen Hauch von vergangenen Zeiten spürt der Besucher im Rittersaal mit dem Geweih-Kronleuchter. Der Förderverein für Palliativmedizin nutze den klaren Raum gern für kleine Veranstaltungen, berichtet Schäfer. Jetzt sei auch ein Konzert im Rahmen der Händelfestspiele hier in Planung.

35 Meter tief ist der Brunnen aus dem 13. Jahrhundert. Bis vor 110 Jahren wurde hier Wasser mit Hilfe des großen Förderrads aus Eiche hochgeholt. Menschen sind vermutlich zum Antrieb in dem großen Rad aus Eichenbalken gelaufen. Im ehemaligen Alten Gericht, einem Renaissancebau aus dem 17. Jahrhundert, ist der Namensgeber der Adelebser Grundschule geboren: Heinrich-Christian Burckhardt (1811 bis 1879) war Forstdirektor in Hannover.


"Wahnsinnsbauwerk": Burgturm Adelebsen

Joachim Zeune hat schon viele Burgen gesehen und untersucht. Der Wissenschaftler ist unter anderem Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der deutschen Burgenvereinigung. Doch die Burg Adelebsen ist für ihn nun zu einem ganz besonderen Höhepunkt in seiner Burgenkarriere geworden. Vor allem von dem mittelalterlichen Wohnturm schwärmt Zeune in höchsten Tönen als einem grandiosen Bauwerk von europäischem Rang.

Das ist das Fazit einer ausführlichen Untersuchung des Turmes, die Zeune vorgenommen hat und die er nun im Rittersaal der Burg vorgestellt hat. Dazu waren auf das Anwesen von Peter Graf Wolff Metternich auch Gäste aus Politik, Verwaltung und Denkmalpflege gekommen.

Der Turm sei auch deshalb so bedeutend, weil er von störenden modernen Ein- und Umbauten verschont geblieben sei, schreibt Zeune in seiner Untersuchung: „Seine Bausubstanz ist weitgehend authentisch, sein Denkmalwert völlig intakt.“ Aufgrund von Baubefunden kommt Zeune zu dem Schluss, dass der heute fast 40 Meter hohe Turm in zwei Phasen errichtet wurde. Die unteren drei Geschosse seien um 1370/80 entstanden, die darüber liegenden sechs – einfacher ausgeführten – Geschosse in der Zeit von 1420 bis 1440. Mit dem früheren Dach habe der Turm sogar eine Firsthöhe von rund 50 Metern besehen, erläutert Zeune. Der Turm war vermutlich nach der Brandschatzung im Dreißigjährigen Krieg über Jahrhunderte dachlos und erhielt erst Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Turmplattform wieder einen Abschluss.

Rätselhaft bleibe, welcher Herr von Adelebsen dieses großartige Bauwerk erstellt und vor allem, wie er es finanziert habe. Die architektonische Selbstdarstellung der beiden frühen Bauphasen zeuge jedenfalls von einem „ungeheuerlichem gesellschaftlichen Anspruch“, so Zeune.

Es sei ihm völlig unerklärlich, wie die deutsche Burgenforschung es bisher geschafft habe, dieses herausragende Bauwerk derart zu ignorieren, so Zeune. Er will sich mit seinem Gutachten dafür einsetzen, dass der Wohnturm zu einem Denkmal von nationaler Bedeutung erklärt wird – dies würde den Zugang zu besonderen Fördertöpfen im Bereich der Restaurierung ermöglichen.

  • Quelle: Jörn Barke, "'Wahnsinnsbauwerk': Burgturm Adelebsen", Artikel im Göttinger Tageblatt vom 7. Juli 2012.