Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker

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Der Philosoph unter den deutschen Physikern

Er gehörte zum Team deutscher Physiker, dem man den Bau einer Atombombe für Hitler zutraute. Doch eine „göttliche Gnade“ habe dies verhindert, erinnerte sich Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker (1912-2007) später dankbar. Unter dem Eindruck der atomaren Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki wurde Weizsäcker zu einem der führenden Friedensaktivisten des 20. Jahrhunderts.

Er setzte sich von Göttingen aus gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr ein. Zugleich vermittelte er zeitlebens zwischen Religion und Wissenschaft, vielen gilt er gar als Mystiker.

Der hochbegabte Carl Friedrich, geboren am 28. Juni vor 100 Jahren in Kiel, war der ältere Bruder von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. 21-jährig schrieb er seine Doktorarbeit. Seine Lehrer waren unter anderen die Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg (1901-1976) und Niels Bohr (1885-1962). Schon bald machte er sich international einen Namen als Atomphysiker, unter anderem mit seiner „Weizsäcker-Formel“ über die Grundlagen der Atomkerne. Weizsäcker arbeitete als junger Physiker in Berlin, als Otto Hahn dort 1938 die Kernspaltung entdeckte.

Weizsäcker ist Zeitzeuge von fast einem Jahrhundert deutscher Geschichte – in all seinen Höhen und Tiefen. Als Mitarbeiter des sogenannten Uranprojekts war er zeitweise Teil des deutschen Wissenschafts-Betriebs in Nazi-Deutschland. Sein Vater Ernst von Weizsäcker diente als hochrangiger Diplomat dem NS-Regime und wurde im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zu einer Haftstrafe verurteilt. Nach dem Krieg leitete Weizsäcker eine Abteilung des Max-Planck-Instituts für Physik in Göttingen. Er war Honorarprofessor an der Georg-August-Universität und wurde 1950 in die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen aufgenommen. Hier wandte er sich gegen eine drohende atomare Bewaffnung der Bundeswehr. „Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, dass es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet“, heißt es in dem von ihm und 17 weiteren deutschen Atomphysikern verfassten Manifest der „Göttinger Achtzehn“ von 1957.

Bald wandelte sich der Gelehrte auch vom Befürworter der friedlichen Nutzung der Kernenergie zu deren Kritiker und warb etwa für die technische Umwandlung von Sonnenenergie. Den Wunsch der sozial-liberalen Koalition, ihn 1979 als überparteilichen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten zu nominieren, lehnte der Philosophieprofessor ab. Einfluss auf die Politik nahm er unter anderem als Direktor des Starnberger Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der technisch-wissenschaftlichen Welt, das wichtige Impulse für die Friedens- und Umweltbewegung, aber auch für die entwicklungspolitische Debatte lieferte. Dabei schaffte Weizsäcker es, sich in einer „bestechend einfachen und verständlichen Sprache“ auszudrücken, wie seine Gesprächspartner berichten.

Auf Umsetzung wartet noch sein Vorschlag für ein globales Friedenskonzil aller christlichen Kirchen. Weizsäcker knüpfte damit an eine Vision des Theologen Dietrich Bonhoeffer an, der schon 1934 eine weltweite Friedensversammlung gefordert hatte. Weizsäckers Aufruf zu einem Konzil des Friedens 1985 auf dem evangelischen Kirchentag in Düsseldorf wurde weitergeführt als weltweite ökumenische Bewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Das christliche Engagement der Weizsäckers ist Tradition: Carl Friedrichs Bruder Richard von Weizsäcker war viele Jahre Präsident des Evangelischen Kirchentages. Seine Tochter Elisabeth war Präsidentin des Ersten Ökumenischen Kirchentages 2003 in Berlin. Sein Umweltengagement setzt sein Sohn fort, der Umweltexperte und Klimaforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Im Alter von 94 Jahren starb Weizsäcker am 28. April 2007 in Söcking am Starnberger See. Er sei einer der wenigen großen Denker gewesen, die die Perspektiven von Wissenschaft, Philosophie, Religion und Politik zusammenführten, würdigt ihn die Weizsäcker-Gesellschaft. Immer wieder habe er auf die Verantwortung der Wissenschaft für die Folgen ihrer Arbeit hingewiesen, „gerade auch für die Folgen, die nicht gewollt sind.“


Quelle: Stephan Cezanne, epd, erschienen im Göttinger Tageblatt vom 28. Juni 2012.