Charlotte Dietrich

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Die Inschrift zeugt von tiefer Trauer: Dietrichs Grabstein auf dem Bartholomäusfriedhof.

Charlotte Dietrich, geborene Michaelis ist auf dem Bratholomäusfriedhof in Göttingen beerdigt. Ihr Tod im jahr 1793 löste einen Streit aus.

Gelehrten-Streit um Tod einer jungen Mutter

Es ist eine herzzerreißende Inschrift, die in den Grabstein der Charlotte Dietrich auf dem Göttinger Bartholomäusfriedhof eingraviert ist: „Kaum zwoelf Monden vereint, entfloh sie den Armen der Liebe, ihres liebreitzes Bild lies sie den ihren zuruck.“ Die 26-jährige Tochter des renommierten Orientalistik-Professors Johann David Michaelis war nur eine Woche nach der Geburt ihres ersten Kindes am 2. April 1793 gestorben. Ihr Tod zog einen erbitterten Streit nach sich: Hatte jemand bei der Geburt der jungen Frau gepfuscht? So geriet der junge Friedrich Benjamin Osiander wenige Monate nach dem Antritt seiner Professur für Geburtshilfe ins Kreuzfeuer der Kritik. Er und seine Anhänger sahen sich Vorwürfen der Stadthebamme Margarethe Klocken und konkurrierender akademischer Kreise gegenüber. Diesen Streit, der Stadt und Universität aufscheuchte, stellt Frauke Wiesendanner im Göttinger Jahrbuch 2009 dar. Hinter der durchaus heftig geführten Auseinandersetzung stehen laut Wiesendanner zwei Ursachen. Zum einen hätten sich universitäre Akteure anhand des Falles einen Machtkampf um Personalien und Posten geliefert. Dabei sei es für die Beteiligten um Ehre, Ansehen und zukünftigen beruflichen Erfolg im konkreten Göttinger Umfeld gegangen. Osiander wurden Fehler bei der Zangengeburt vorgeworfen, er wiederum warf dem Hausarzt und der Hebamme Versäumnisse vor. So standen bei dem Konflikt auch die Hierarchien zwischen Arzt und Hebamme im Blickpunkt. Für die akademischen Geburtshelfer sei es um 1800 zudem darum gegangen, durch Verwissenschaftlichung den Makel eines rein praktisch orientierten „blutigen Handwerks“ abzuschütteln, um so ihren Status als akademische Disziplin zu legitimieren. Klocken hingegen, unterstützt vom Prosektor am Göttinger anatomischen Institut, Adolf Hempel, versuchte Osiander zu diskreditieren und warf ihm ungebührliches, rohes Verhalten vor – „einer der schwersten Vorwürfe, den man gegen männliche Experten für Geburtshilfe erheben konnte“. Zudem habe Osiander einen ungeduldigen Aktionismus an den Tag gelegt statt eine natürliche Geburt abzuwarten. So spiegelt der Streit die zeitgenössische Auseinandersetzung innerhalb der Geburtshilfe über den Schaden und Nutzen intervenierender Maßnahmen im Allgemeinen und den Einsatz der Zange im Besonderen wider. Der promovierte Mediziner Ludwig Orth etwa, der Osiander verteidigte, sah den Arzt am Gebärbett in der Rolle eines „aktiven Geburtshelfers“.Daher zeigt der Göttinger Streit laut Wiesendanner den damals offenen Prozess der Medikalisierung und Professionalisierung.