Christian Haupt

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Christian Haupt

Christian Haupt kommt aus Duderstadt im Eichsfeld. Seinen Zivildienst verbringt er in Israel und berichtet darüber im Eichsfelder Tageblatt:

„So viele Sprachen, Nationen und Religionen“

Der Duderstädter Christian Haupt lebt für ein Jahr in Israel, um dort seinen Zivildienst zu leisten. Über die Organisation „Dienste in Israel – die Brückenbauer“ hat er ein Geriatriezentrum in Petach Tikvah als Einsatzort gewählt. Für das Tageblatt beschreibt er seine Erlebnisse im Nahen Osten.

Schon 2 Monate ist es her da bin ich in den Flieger Berlin-Tel Aviv gestiegen. Es war mein erster Flug – und dieser ging gleich in ein von Krisen gebeuteltes und für uns Westeuropäer oft befremdendes Land. Es ist ein atemberaubendes Gefühl, mit dem Flugzeug abzuheben und durch die Wolkendecke zu stoßen. Es war wirklich ein herrlicher Flug. Am Airport von Tel Aviv angekommen musste ich erst einmal viele Fragen beantworten. Dann war ich froh, endlich einen Koffer in der Hand zu haben und in der Empfangshalle zu stehen. Ich wurde von drei Jungs meiner neuen Wohngemeinschaft (WG) abgeholt und herzlich begrüßt.

Meine Arbeitsstelle ist ein Altenheim in Petach Tikvah (Tor zur Hoffnung) mit 400 Pflegebedürftigen, von denen viele Holocaustüberlebende sind. Viele von ihnen sprechen jiddisch oder deutsch. Es ist unvorstellbar, wenn man die eingebrannten KZ-Nummern auf den Armen sieht, was diese Menschen mitgemacht haben. Da aber schon viele Volontäre und Zivildienstleistende aus Deutschland vor mir hier waren, bin ich auf keine verbitterten Menschen gestoßen. Sie konnten bereits viel Hilfe und Nächstenliebe von meinen Vorgängern erfahren.

Meine Organisation heißt „Dienste in Israel – Die Brückenbauer“. Hier hat man sich zur Aufgabe gemacht, durch die Pflege Vorbehalte und Hass abzubauen. Dies ist auch meiner Meinung nach der beste Weg, Verbindungen zu den Menschen hier aufzubauen. „Dienste in Israel“ gibt es seit 35 Jahren.

Jeder Volontär startet mit einem einwöchigen Einführungsseminar. Zunächst wird man über die Geschichte Israels unterrichtet. Auf dem Programm stand eine Stadtführung durch Jerusalem, die Besichtigung von Yad Vashem (Holocaust Gedenkstätte) und dem Herzl-Museum und der Besuch bei Ester Golan, deren Eltern im Holocaust umkamen.

Dann wurden mir die Feste und Glaubensgrundlagen im Judentum erklärt. Es folgte der Besuch eines Gottesdienstes in einer Synagoge. Schließlich hatte ich eine gute Grundlage und einen sehr persönlichen Start dank meiner zwei Betreuerinnen vor Ort. Nach der Einführungswoche wurde jeder in seiner Arbeitsstätte eingewiesen – ich also in dem Altenheim in Petach Tikvah.

Wir haben ein eigenes Haus direkt auf dem Gelände, mit warmem Wasser, Strom und DSL (Internet). Wir sind sieben Volos, vier Jungen und drei Mädchen. Die Arbeit macht mir richtig Spaß. Mit meinem Hebräisch geht es auch schon so weit, dass ich beim Arbeiten gut zurecht komme. Da ich in Deutschland in meiner Ausbildung zum Orthopädietechniker viel mit Menschen zu tun hatte, fiel mir die Arbeit in der Pflege nicht schwer. Das Personal ist komplett gemischt. Hier arbeiten Israelis, Araber, Äthiopier, Russen und Deutsche zusammen.

Nach zwei Arbeitswochen startete ich meinen ersten Trip: Drei Volos aus Petach Tikvah und ich hatten uns in den Kopf gesetzt, nach Jerusalem zu wandern. Laut Google Earth waren das 75 Kilometer auf dem Israel-Trail (ein Wanderweg, der komplett vom Norden in den Süden führt), die vor uns lagen. Ausgestattet mit Schlafsäcken, Isomatten, Essen und einem Gaskocher ging es drei Tage lang bergauf und bergab, bis wir abends endlich in Jerusalem ankamen. Der Trip war eine wunderbare Erfahrung. Die Menschen hier sind sehr hilfsbereit und lassen oft alles liegen und stehen, um einem zu helfen. Wir liefen ohne Karte los und mussten deshalb öfter nach den Zeichen am Wegesrand suchen. Wir bekamen unterwegs noch eine Karte geschenkt und konnten bei vielen Menschen unseren Wasservorrat auffüllen.

Beeindruckende Aussichten: Auf einem Trip über Land zeigt sich das besonders salzhaltige Tote Meer.

Nach dem Trip war erst einmal wieder arbeiten angesagt. Direkt vor unserem Gelände ist eine Bushaltestelle, von der man Verbindungen nach Jerusalem und Tel Aviv hat. Es ist traumhaft, nach Feierabend an den Strand von Tel Aviv zu fahren und Beachvolleyball am Mittelmeer zu spielen. Beachhotels und Bars reihen sich an der Küste entlang. Tel Aviv ist eine moderne und westlich orientierte Stadt. Alle Botschaften haben hier ihren Sitz. Es gibt Museen, Shoppingmeilen und viele Geschäftsketten, die wir auch in Deutschland haben, auch einen kosheren Mc Donalds.

Am Besten gefällt mir Old Jaffa. Das ist ein sehr altes Künstlerviertel, das von früheren Pilgern geprägt worden ist. Es liegt direkt an der Küste. Mit einem alten Leuchtturm, einer Kirche, kleinen Gassen und einem Yachthafen ist es auch nachts sehr schön. Spannend sind in Israel die so genannten Schuks. Schuk heißt übersetzt Markt, man kann es aber nicht mit dem Duderstädter Wochenmarkt vergleichen. Es ist mehr ein riesiger Basar, wo man von Kleidung bis Obst alles bekommt. Die Atmosphäre ist dort sehr lebhaft. Die Marktschreier locken mit Angeboten, und Menschenmassen drängen sich in den engen Gassen. In eineinhalb Stunden ist man mit dem Bus in Jerusalem, was auch die „Stadt des Zusammenkommens“ genannt wird. Genau so fühlt man sich hier – so viele Sprachen, Mentalitäten, Nationen und Glaubensrichtungen. Eine der größten amerikanischen Zeitungen hat einmal geschrieben, dass sich hier zwischen Klagemauer und Felsendom die heißesten Quadratmeter der Welt befinden. Oft wird Jerusalem auch als Nabel der Welt bezeichnet. Je mehr ich über die Geschichte lerne, umso mehr merke ich, welche wichtige Rolle diese Stadt schon immer gespielt hat.

Israel verbindet drei Kontinente miteinander, und wer von einem zum anderen wollte, musste zwangsläufig hier durch. Hier haben drei Weltreligionen ihren Sitz, und es ist einfach unglaublich, dieses Gefühl hier mitzubekommen. Man darf die Unruhen auf keinen Fall verschweigen und ausblenden, aber im Großen und Ganzen ist es im Moment sehr ruhig. Bislang habe ich nur eine Demonstration mitbekommen, wobei von Unbekannten Steine vom Tempelplatz herunter geworfen wurden. Trotz solcher Nachrichten fühle ich mich in Israel durch die Präsenz von Polizei und Militär sicher. Vor jedem Supermarkt sind Schleusen, die einen überprüfen. Bei jeder großen, zentralen Busstation muss man seine Taschen, Handy und sonstiges auf ein Fließband legen. Ich empfinde es nicht als Kontrolle und Verletzung meiner Privatsphäre.

Ich nehme Israel hier anders wahr, als man es aus den Nachrichten kennt. Eine Reise in dieses Land lohnt sich.