Der Degenhardtsche „Krug“ in Holzerode

Aus Wiki Göttingen
Wechseln zu: Navigation, Suche

(überarbeiteter Beitrag aus der Familienchronik des Gastwirtes Heinrich Degenhardt, Holzerode aus dem Jahre 1941)

Geschichte

Die alte „Krügerfamilie“ Degenhardt lebte mindestens seit 365 Jahren in Holzerode und hat über 300 Jahre lang hier auch eine Gastwirtschaft, einen „Krug“ betrieben. Der Familienchronist Heinrich Degenhardt (im alten Holzerode in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Unterscheidung von einem anderen Heinrich Degenhardt im Ort nur als „Fernanz“ – von Ferdinand, dem Vornamen seines Vaters – bezeichnet) hat die Geschichte der Familie – soweit feststellbar – zusammengetragen.


Der erste Krüger in Holzerode war eine Mann namens Schnelle; er hielt sich aber nicht lange mit seiner Gastwirtschaft. Erst ein Hans Degenhardt begründete im Jahre 1640, also Mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, die erfolgreiche Gastwirtschaftstradition, die sich bis heute – im Gegensatz zu vielen anderen heutigen Dörfern in der Nachbarschaft – mit zumindest immer einer Gastwirtschaft im Ort zum Segen für alle Holzeröder erhalten hat. Die Degenhardts waren am Anfang sog. „Krugpächter“, denen die Konzession in der Regel nur auf ein bis zwei Jahre erteilt wurde. Sie waren aber eine sehr geachtete Familie im Ort und offensichtlich auch bei der Obrigkeit, da die Konzession ohne Unterbrechung stets für die Familie verlängert wurde. Die Degenhardts stellten auch mehrmals die Gemeindeschulzen (heute „Bürgermeister“). Einer der bekanntesten war Andreas Heinrich Degenhardt, in dessen Schulzenzeit 1829 das alte Schulhaus gebaut wurde, wie noch heute in der Inschrift über der Eingangstür des jetzt im Eigentum der Familie Wegener befindlichen Hauses zu lesen ist.

950Holzerode 091a.jpg
950Holzerode 091b.jpg

Degenhardt und Klinker

Andreas Heinrich Degenhardt hatte zwölf Kinder und war für die damaligen Verhältnisse auch schon weit herumgekommen. Als junger Mann hatte er – obwohl noch kurfürstlich-hessischer Bürger und damit dem napoleonischen Königreich „Westfalen“ bis zum 1. Januar 1816 zugehörig – von 1813 bis 1815 zusammen mit seinem Freund Klinker aus Rosdorf in der in England aufgestellten „Deutschen Legion“ am Befreiungskrieg gegen Napoleon teilgenommen; sie waren aus ihrer politischen Überzeugung heraus patriotische Hannoveraner. Die gute Kameradschaft der beiden Freunde Andreas Degenhardt und Klinker, bewährte sich auch nach dem Feldzug gegen Napoleon. Klinker heiratete 1818 die Schwester von Andreas Degenhardt, die als Witwe vorübergehend den wohl seit Beginn des 18. Jahrhunderts (erster exakter Nachweis für die Kruggerechtigkeit 1753 und für den Bau des heutigen Gasthauses, des heutigen Wohnhauses Dr. Klengel, 1778) bestehenden zweiten Kruges im Ort, den „Struthkrug“, allein betrieb. Klinker war vorher Wacht- und Quartiermeister im Leibregiment des hannoverschen Königs. Somit wurde Klinker jetzt Eigentümer des Struthkruges. Die Ehe der Schwester von Andreas Degenhardt mit seinem Freund Klinker blieb aber kinderlos. Und als Klinker mit 71 Jahren 1850 verstarb, vermachte er sein ganzes Vermögen an sein Patenkind, den Sohn von Andreas, an Heinrich August Degenhardt. So hatten die Degenhardts Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Krüge in Holzerode in ihrem Besitz. Diese Degenhardt-Linie vom Struthkrug ist aber schon mit dem Sohn Karl erloschen.

Anfang des 20.Jh. bis zum Zweiten Weltkrieg

Ab Anfang des 20. Jh. bis zum Zweiten Weltkrieg wurde das Kruggeschäft im Sommer sonntags von den Degenhardts auch auf dem Hünstollen betrieben. Dort war ganz in der Nähe vom Aussichtsturm ein festes Fachwerkhaus mit Theke und Küche errichtet worden, und hinter dem Haus standen noch zwei aus Holz gezimmerte Lauben. Vor dem Haus waren Tische und Bänke aufgestellt. Vor allem unser Chronist Heinrich „Fernanz“ Degenhardt betrieb dieses Gastwirtschaftsgeschäft auf dem Hünstollen mit großer Leidenschaft. Es hieß, wenn im Sommer „dä ersten Doktors un Professors ut Jöttingen ankeim, denn was Heinrich-Unkel uten Häuschen, dann wolle hei sekk ümme-bringen“. Die Göttinger kamen hierher sehr gern als Wanderer und die Herren Akademiker mit ihren Familien auch mit Landauern. Häufig spielte auch die Musik auf, und es konnte dann bei „Fernanz“ auf dem Hünstollen getanzt werden.


In den mehr als drei Jahrhunderten des Bestehens der Gastwirtschaft Degenhardt haben die Degenhardts etwa die Hälfte im vorderen Hausteil ihres Kruges in der Dorfstraße gewohnt; diesen Teil hatte Johann Konrad Degenhardt zusammen mit seiner Ehefrau Margarethe, geb. Vollbrecht, im Jahre 1785 errichtet.

950Holzerode 092.jpg
950Holzerode 093.jpg


Fortführung

Der Krug wurde in diesem Haus in direkter Linie der Degenhardts bis zum Jahre 1951 fortgeführt. Dann wurde das Grundstück an Willi Bendias verkauft, der dort unter dem Namen „Onkel Willi“ eine Gastwirtschaft weiterführte. Der vorletzte Degenhardt, wieder ein Heinrich, zog mit seiner Familie dann in das Haus seiner Schwiegereltern Lechte, die in der Klappstraße auch eine Gastwirtschaft „Zur Erholung“ betrieben. Diese Gastwirtschaft war schon um die Jahrhundertwende gegründet worden und Karl Lechte hatte sie von seinen Schwiegereltern, einer Familie Thiele, übernommen. Der letzte Heinrich Degenhardt setzte dort die Krügertradition der Degenhardts fort und erst sein Sohn Kurt mit Ehefrau Anna beschloss im Jahre 1970 nach 330 Jahren das Krüger-Kapitel der Holzeröder Familie Degenhardt als eine der ältesten Gastwirtschaftsfamilien im Kreis Göttingen.

Gemischwarenhandel

In dem alten Krug an der Dorfstraße wurde auch schon von Anfang an aber auch ein Kolonial- oder auch Gemischwarenladen von den Degenhardts betrieben. Da Holzerode an einer alten Handelsstraße lag – ein Teil davon, der zum Plesswald führt, heißt heute noch „Kaufmannsweg“ –, ist anzunehmen, dass schon Hans Degenhardt gleich nach dem Friedensschluss 1648 mit seiner Wirtschaft einen sog. „Hockenhandel“ (später als Kolonialwaren- oder Gemischwarenladen bezeichnet) verband, zumal er damals ja der einzige „Kräuger“ in Holzerode war. Dieser Kolonialwarenladen – zeitweise auch mit Poststelle – wurde im Degenhardt’schen Krug bis zum Mitte der 50-er Jahre des 20. Jh. geführt, zum Schluss von Händlerfamilien wie den Beulkes (aus Sudershausen) und Halves, dann auch noch kurzzeitig von einem der letzten Wirte im Haus, Erich Köpke. In den alten Familienpapieren der Degenhardts hat sich ein Warenverzeichnis des „Hockenhändlers und Kräugers“ Hans Degenhardt, des Sohns des Gründers, erhalten. Es ist in Reimform in Holzeröder Platt abgefasst, immer wieder einmal im Laufe der Zeit ergänzt und neuzeitlich „aufgefrischt“ worden und fasst zusammen, was es bei Degenhardts zu kaufen gab:


Warenverzeichnis von Kräuger und Hockenhändler Hans Degenhardt

Her is to heven arlerhand, god und billig, as bekannt. Beer und Schnaps un säuten Wien, soren Essig, starken Rum, Konjack un Petroleum, spanschen Bittern, Passepartout, alles bei mir findest Du. Ak dä Oewelkeitsverdriewer, Cigarren, dä all tiemlich olt, Rok- un Snuftabak un Solt. Priem is dünnen da un dicken, for dä Kinner wat to licken, Zukker as een Steen sau hart, Bottersemmeln, Stäbelwicks, gäle Knöp tau Rock un Büx, Lampendocht un schönen Kees, isern Negel, lang un kort, gröne Seep ock sön tom Bart, Wogensmäx und groot Rosinen, Zuckerkannel vor de Bienen, Muskat blau un Schörtenband, Bliestift rund un ock gekannt, all wat süst noch hört tau Schrieben, Mähl taun Koken un tau Kliewen, Twern is swarten, witt un grau, Strickholt, Licht un Kugelblau, Cichorien, lütt un grote Päck, Kümmel, Anis, Pitschenstöck, Discherlim un Kaffeebohnen, is alles hier, blot ken Melonen. Darin steckt he ken Geschäft, de Dinge werden he nich köfft.


Seit wann das vierte Gasthaus im Ort, die Gastwirtschaft Rühling („Zur Linde“), bestand, konnte in diesem Zusammenhang nicht ermittelt werden. Es wird jedoch schon Anfang des 20. Jahrhunderts häufig erwähnt und war dann mit seinem großen Saal seit 1924 auch der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes. Ab den 20-er Jahren war es auch das bevorzugte Lokal der Arbeiterschaft, während die Bauernschaft und ihr Klientel ihre Feste zumeist auf dem Saal des Struthkruges bei Wilhelm Fahlbusch feierten.

Überarbeitung und Ergänzung: Wolfgang Buss. Aus: Festschrift 950 Jahre Holzerode, 2005