Dieter Hoese

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Dieter Hoese im Archiv

Dieter Hoese (*1942) lebt in München und war der Kameramann von Heinz Sielmann. Heute ist er technischer Beirat der Heinz-Sielmann-Stiftung und Filmarchivar. Er sortiert und katalogisiert die Filme, die er zusammen mit Heinz Sielmann drehte.

Zu seiner Arbeit

Das Herz der Sielmann-Stiftung auf Gut Herbigshagen hat zwei Kammern. Die linke ist gut gekühlt, die rechte, etwas größere, wohltemperiert. In beiden lagert der Existenzgrund auf mehr als 80 Kilometern Film: die Werke des Tierdokumentaristen und Naturschützers Heinz Sielmann, deren Erhalt einer der Stiftungszwecke ist. Von Australien bis in den Kongo, von Papua Neuguinea bis an die deutsch-deutsche Grenze: Sielmann filmte die Fauna rund um den Globus. Für die Bewahrung seiner Werke und seines geistigen Erbes setzen sich seit Sielmanns Tod 2006 andere ein.

Erst in der vergangenen Woche hat Dieter Hoese beim Norddeutschen Rundfunk 100 Folgen Sielmann durchforstet. Der NDR wollte das alte Material vernichten, berichtet der langjährige Kameramann des verstorbenen Tierfilmers. „Unwiederbringliches Material, hervorragende Moderationen, eine Person der Zeitgeschichte“, kommentiert der besonnene Filmarchivar, während hinter ihm ein Pfau an der Fensterfront vorbeiläuft. Es handelte sich um Sielmanns Kommentare, die er über fremde Filme sprach, die beispielsweise von der britischen BBC kamen.

Natürlich hat man sich bei der Stiftung der Tonspuren sofort angenommen. „Je länger sein Todestag zurückliegt, desto wichtiger ist es, seinen Charakter zu vermitteln“, findet Hoese. Einen Tag bevor der Tierfilmer verstarb, habe der 89-Jährige zu seinem Kameramann gesagt: „Ich bin müde. Aber bedenke: Wenn ich nicht mehr sein sollte, eignet sich das Material doch hervorragend für künftige Generationen.“ Hoese: „Und am nächsten Tag war er nicht mehr.“ Und so wächst und gedeiht der angestaubte Schatz aus Zelluloid, Acetat und Polyester.

Damit er das auch in Zukunft tut, schwingt sich der Wahlmünchener mehrmals im Jahr in sein Auto, lässt den Freistaat hinter sich und besucht das ferne Eichsfeld, gelegentlich auch – wie jetzt – gemeinsam mit der Witwe des Tierfilmers und heutigen Vorsitzenden der Heinz-Sielmann-Stiftung, Inge Sielmann. Hier sortiert und katalogisiert der 69-Jährige, technischer Beirat der Stiftung, die auf Film gebannte Welt, die er gemeinsam mit Sielmann bereiste. An ihr hat er sich satt gesehen, er vermisst die fernen Länder und exotischen Orte nicht.

Angefangen hatte Hoese mit näher gelegenen Orten: Die Fasanenjagd in Nähe des Münchener Flughafens war das erste Projekt, an dem er beteiligt war. Später ging es nach Alaska zum McNeil River zu lachsfangenden Bären, in den Kongo und zu den „Rockhoppers“, den Felsenpinguinen auf den Falklandinseln. An sie erinnert er sich besonders gern, wie sie auf dem kargen, wasserumtosten Felsen in seine Kamera schauten, die Hälse voller Fische „und nicht glauben konnten, dass wir da waren.“

Die menschliche Verbindung zu den Tieren sei das faszinierendste gewesen – was wohl nicht im gleichen Maße für die Begegnungen mit Schimpansen gegolten haben dürfte. „Wenn man nicht aufpasste, bewarfen sie einen mit Exkrementen, oder sie bepinkelten einen von oben.“ Die nächsten Verwandten der Menschen waren ihm nicht sonderlich sympathisch.

Zurück zur rechten Herzkammer, durch die Tür im Erdgeschoss, hinab in den Keller, mit seinen gekachelten Wänden und vor die Tür zum ersten, wärmeren Archivraum. An den Wänden sind Regale voll Material, Stahlschränke mit Kassetten und alte Schneidetische, mit denen heute kaum noch jemand umgehen könne. Hier lagern „Wale und Karibus, Eskimos und Eisbären, Seeotter und Seelöwen“, Büchsen mit roten, gelben, grünen Etiketten, braune Kartons mit verstärkten Ecken, geschnittener Film, Rohmaterial, Tonspuren. Ein ganzer Raum voller Erinnerungen.

Immer wieder rettet die Stiftung Sielmann-Material für ihren Bestand, manchmal sind sogar unerwartete Entdeckungen darunter. Wie die aus dem RTL-Fundus. Dort entdeckten sie eine Kopie des bekannten Galapagos-Filmes, „das Negativ hatte man beim NDR zerschnippelt“.

Geografische Schwerpunkte der Arbeit als Dokumentarfilmer waren die einheimische und europäische Tierwelt, Nord- und Südamerika und Neuguinea. „Afrika weniger, das war mit Grzimek abgesprochen“, erklärt Hoese. Grzimek: Neben Sielmann der zweite bekannte deutsche Tierfachmann, an den die Erinnerung mit jeder neuen Generation weiter verblasst. Grzimek: der für „Serengeti darf nicht sterben“ 1959 mit dem Oscar geehrt wurde. Auch Sielmann holte ab den 1950er Jahren zahlreiche Preise mit Bambi, Silbernem Bär und Blume, Filmband und Bildschirm – alle in Gold.

Um die Ecke – an der Wand hängt noch ein Münzfernsprecher – befindet sich die linke Herzkammer, der Kühlraum für die gefährdeten Filmrollen. „Sie sind kein Raucher, oder?“, fragt Hoese, bevor er die Tür zu dem zwei mal fünf Meter großen Raum öffnet, „ein kleines Ein-Bett-Zimmer.“ Das Material, das hier in Metallbüchsen bei 12,1 Grad Celsius lagert, ist hochbrennbar. Der Wert hingegen sei eher ein ideeller. „Das, was hier lagert, war auf Galapagos, im Dschungel, in Australien oder Alaska.“

Manchmal begleitet auch Sielmanns Frau Inge die Expeditionen, wie sie in den Ausstellungsräumen berichtet. Sie half ihm häufig beim Schneiden des Gefilmten. „Herr Hoese hat ihn draußen begleitet, ich drinnen.“ Sie weiß: „Es ist eine außergewöhnliche Sache, die hier lagert.“ Deshalb wolle man auch sicherstellen, dass es für die Zukunft bewahrt wird.

„Die kritischen Materialien, wie die Analogbänder, müssen digitalisiert werden“, erklärt der Mann für Draußen. In diesem Fall heißt das: Die Film- und Tonrollen werden als Bits und Bytes auf einem neuen Träger gespeichert – der Festplatte. Begonnen werden soll damit noch in diesem Jahr. Die Archivierung ist ein ewiges Rennen zwischen Hase und Igel: Immer wieder kommen neue Informationsträger heraus und es wird deutlich, dass die Vorgänger bei weitem nicht so haltbar waren, wie man annahm.

Das gilt für digitale Bänder, CDs und DVDs und letztlich auch für Festplatten. Für die Übertragung werden große Speicherkapazitäten benötigt. „Inzwischen sind die Preise für die Geräte soweit gesunken, dass die Umwandlung möglich ist.“ Aus dem platzsparenden archivierten Material sollen dann neue kurze Beiträge zusammengestellt werden, sagt Hoese. Manche der alten Filme – besonders diejenigen, die nur Sielmanns Moderation tragen - könne man den jungen Leuten heute in ihrer epischen Breite ja gar nicht mehr zeigen. „Da war hinter jedem Baum ein Symphonieorchester.“

Die entsprechend der veränderten Sehgewohnheiten reduzierten Filetstücke sollen dann im Ausstellungsbereich auf Gut Herbigshagen gezeigt und so der Blutkreislauf in die Stiftungsorgane angeregt werden. Hier soll den meist jungen Besuchern ein Überblick über Leben und Arbeit des Pioniers Sielmann gegeben werden. Vielleicht lässt sich der eine oder andere ja von der Mission des Tierfilmers anstecken – dem rücksichtsvollen Umgang mit der Natur. Damit deren Lebenssäfte weiter fließen.