Disco-Mord in Asche

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Trauer am Tatort
Der Verdächtige wird der Justiz vorgeführt

Tat

Im April 2008 wurde die 17-Jährige Denise L. nach einer Disko-Veranstaltung mit schweren Kopfverletzungen tot aufgefunden. Hinweise von anderen Disko-Besuchern brachten die Polizei auf die Spur eines 18-Jährigen. Laut Polizei habe der arbeitslose junge Mann aus Asche die Tanzveranstaltung im Dorfgemeinschaftshaus des Ortes gegen Mitternacht zusammen mit der 17-Jährigen, die er flüchtig kannte, verlassen, so Buick. Weil sie ihre Jacke samt Ausweis im Dorfgemeinschaftshaus habe liegen lassen, habe die junge Frau offenbar die Veranstaltung nur kurz verlassen wollen. Zurück kam sie nicht mehr.

18-Jähriger räumt Tat ein

Im Dezember brach der Angeklagte sein Schweigen. Vorher hatte er stets ausgesagt, einen auf Grund von Alkohol und Drogen einen Filmriss in der Tatnacht gehabt zu haben. Jetzt glaube er selbst, Denise getötet zu haben, so seine Aussage vor dem Northeimer Landgericht.

Anhörung der Eltern

Im Prozess um den Disco-Mord in Asche hat das Landgericht Göttingen Mittwoch, 21. Januar, die Eltern der getöteten Denise angehört. Eigentlich hatte für sie jener Sonntag im April ein besonders schöner Tag werden sollen – es war ihr Hochzeitstag. „Wir wollten alle schön zusammen frühstücken“, sagte der 44-jährige Vater der Schülerin. Doch plötzlich stand die Polizei vor der Tür. Die Beamten berichteten, dass ein totes Mädchen aufgefunden worden sei. „Bis zuletzt haben wir gehofft, dass sie es nicht ist“, sagte der Vater. Doch als die Polizisten später einen Ring der Getöteten vorbeibrachten, wurde das Unfassbare zur Gewissheit. Zugleich bekamen die Eltern die Unsensibilität mancher Medien zu spüren. Kaum hatte die Eltern die schreckliche Nachricht erreicht, „stand schon das Fernsehen auf dem Hof“, sagte der 44-Jährige. Die Eltern können sich bis heute nicht erklären, warum ihre Tochter ermordet wurde. Sie war eine fleißige Schülerin, ging kaum aus. Sie hatte zwar einen Freund, doch wenn eine Klausur anstand, musste er zurückstehen. „Das Abitur war ihr wichtiger“, betonte der Vater. Sie liebte Sprachen. Die Eltern wollten ihr zum Geburtstag eine Reise nach Australien schenken. Ihnen ist unbegreiflich, warum Denise bei der Dorfsdisco mit dem Angeklagten nach draußen gegangen ist. Obwohl sie immer fröstelte, hatte sie ihre Jacke im Dorfgemeinschaftshaus hängen lassen. „Sie kann nur kurz nach draußen gegangen sein“, sagte der Vater. Erst durch den Prozess haben die Eltern erfahren, dass viele Jugendliche aus ihrem Bekanntenkreis mit Drogen zu tun hatten. Dass ihr Freund Drogen nahm, hatten sie gewusst. Denise selbst habe Drogen immer abgelehnt, sagte die Mutter. Zehn Tage vor der Tat hatte der Angeklagte, der Drogen konsumierte und offenbar ein Auge auf Denise geworfen hatte, ihren Freund wegen angeblicher Drogendelikte angezeigt. Die Eltern gehen jeden Tag auf den Friedhof zum Grab von Denise. „Wir fragen immer, warum, und kriegen keine Antwort.“ Dies könne nur der Angeklagte geben. Der aber schweigt sich dazu aus.


Gutachter zweifeln an "Blackout"

Im Prozess um den so genannten Disco-Mord in Asche (Tageblatt berichtete) hat der psychiatrische Gutachter den angeblichen „Blackout“ des Angeklagten als „dummes Zeug“ bezeichnet. Der 18-Jährige habe sich zur Tatzeit vermutlich in einem mittelgradigen Rauschzustand befunden, sagte der Sachverständige Michael Becker vor dem Landgericht Göttingen. Die Version des Angeklagten, wonach er keinerlei Erinnerung an das gravierende Tatgeschehen habe, sich aber danach wieder an Details erinnern könne, sei mit einem solchen Zustand nicht vereinbar. „Hier mauert er“, sagte der Psychiater. Der 18-Jährige soll die 17-jährige Schülerin Denise im April vergangenen Jahres während einer Disco-Veranstaltung im Hardegser Ortsteil Asche getötet haben. Zunächst soll er sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und dann zu einem Kellereingang geschleift zu haben. Als sie wieder zu sich kam, soll er sie mit einem Stein und einem Terrakottatopf erschlagen haben. Über die Gründe für das Schweigen des Angeklagten könne er nur spekulieren, sagte Becker. Zudem fand es der Gutachter wenig glaubhaft, dass die Eltern nichts vom regelmäßigen Drogenkonsum ihres Sohnes mitbekommen haben wollen. „Wenn man nichts sehen will, sieht man’s nicht“, sagte er. Der Angeklagte sei ein introvertierter Einzelgänger und Muttersohn. Er lebe in seiner eigenen Welt nach seinen eigenen Regeln. Aufgrund seiner Selbstbezogenheit habe er es bislang nicht geschafft, eine feste Beziehung einzugehen. Er sei „ein großer unreifer Junge“ mit ängstlichen, unsicheren und narzisstischen Persönlichkeitszügen. Auch über ein mögliches Tatmotiv des Angeklagten könne er nur spekulieren, sagte der Gutachter. Mit dem vorhergehenden Alkohol- und Drogenkonsum allein lasse sich diese nicht erklären, dies habe nur eine katalysierende Rolle gespielt. Eine mögliche These sei, dass ihn seine Mutter nie für voll genommen habe. Möglicherweise habe auch Denise sich ihm gegenüber überlegen gezeigt. Der 18-Jährige habe dann die Aggressionen, die er gegenüber seiner Mutter hege, auf sie projiziert und „alle Wut, die vielleicht der Mutter galt, an ihr rausgelassen“. Aufgrund seines Alkohol- und Drogenkonsums sei nicht auszuschließen, dass er in seiner Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt gewesen sei. Eine günstige Prognose konnte der Gutachter für den Angeklagten nicht abgeben. Solange der 18-Jährige mauere, sei auch keine sozialtherapeutische Maßnahme möglich. Wenn er nicht an sich arbeite, werde er auch nicht in den Genuss von Lockerungsmaßnahmen kommen und müsse die komplette Strafe absitze. Möglicherweise sogar noch mehr: Auch im Jugendstrafrecht ist inzwischen eine nachträgliche Sicherungsverwahrung möglich, wenn ein verurteilter Straftäter weiterhin als gefährlich gilt. 

Quelle: Göttinger Tageblatt vom 16. Februar 2009, Disco-Mord: Gutachter zweifeln an "Blackout" von Heidi Niemann


Tägliche Zwiesprache am Grab der Tochter

Letzte Ruhestätte von Denise: Anette und Detlef Lehmann gehen täglich zum Grab ihrer Tochter.

Jeden Abend geht Detlef Lehmann noch einmal vor die Tür. Sein Ziel ist immer das gleiche: der Friedhof in Gladebeck. Dort geht er zu einem Grab, das mit Engeln, Blumen und Gestecken geschmückt ist, und zündet einige Kerzen an. „Denise hatte immer Angst im Dunkeln“, sagt er. Auch Anette Lehmann steht täglich am Grab. Häufig sieht sie, dass auch andere hier gewesen sind und Zeichen des stillen Gedenkens abgelegt haben. Die beiden haben eine Bank neben dem Grab aufgestellt. Auf der sitzen sie oft und halten Zwiesprache mit Denise. „Doch sie antwortet nicht“, sagt Detlef Lehmann. Anette Lehmann hat vor allem eine Frage: „Warum?“ Es gibt nur einen Menschen, der diese Frage beantworten könnte. Doch auch der antwortet nicht. Ständig läutet das Telefon Seit dem 20. April 2008 treibt die beiden diese Frage um, Tag für Tag, Nacht für Nacht. An diesem Sonntagmorgen wundern sie sich darüber, dass ihre Tochter Denise nicht nach Hause gekommen ist. Das ist ungewöhnlich, sie ist sonst immer zuverlässig. Am Abend war sie mit Freunden zu einer Geburtstagsfeier gefahren. Wahrscheinlich hat sie dort übernachtet, vermuten die Eltern. Ständig läutet das Telefon, Freundinnen fragen nach Denise. Am Nachmittag kommen zwei Männer, einer ist ein Verwandter, der bei der Kripo arbeitet. Detlef Lehmann begreift sofort. „Sag alles, aber nicht das“, schreit er. Abends bringt ein Polizist einen Ring. Der steckte an der Hand eines Mädchens, das am Morgen nach der Disco im Nachbardorf Asche erschlagen in einem Kellereingang lag. Der Ring bringt die furchtbare Gewissheit: Es ist Denise. Seitdem durchzuckt es Anette Lehmann jedes Mal, wenn das Telefon klingelt. Detlef Lehmann geht nie vor Mitternacht ins Bett. Er kann erst einschlafen, wenn ihm die Augen zufallen. Dabei muss er als Postzusteller früh raus. Er hat den Bezirk gewechselt. Dort, wo er früher Briefe ausgetragen hat, wohnt ein Angehöriger des jungen Mannes, der seine Tochter umgebracht hat. Detlef Lehmann hat ihn keinen Moment aus den Augen gelassen, ihn unablässig während des Prozesses vor dem Landgericht Göttingen fixiert. Dieses verwöhnte Muttersöhnchen, wie ihn der Richter in seiner Urteilsbegründung nennt, das erst alles leugnet und dann unter der erdrückenden Beweislast sagt, dass er es gewesen sein könnte, sich aber an nichts erinnern könne. „Was hat dir Denise getan?“, hat Anette Lehmann ihn angeschrien. Sie erhält keine Antwort. Fragen des Gerichts, was sich abgespielt hat in jener Nacht, lässt er an sich abprallen. Nur einmal zuckt er zusammen, als der Vertreter der Nebenklage in seinem Plädoyer sagt: „Ich halte Sie für einen Mörder.“ Neuneinhalb Jahre Jugendstrafe wegen Totschlags hat das Gericht ausgeurteilt. Die Eltern verstehen vor allem eines nicht: Warum wird ein 18-Jähriger, der wählen und Auto fahren darf, vor Gericht als Jugendlicher behandelt? Es sei höchste Zeit, das Jugendstrafrecht anzupassen und zu verschärfen, meint Detlef Lehmann. Der Bundesgerichtshof hat die Strafe für zu hoch befunden. Das macht die Eltern fassungslos. Im Januar wird das Gericht erneut über das Strafmaß befinden. Sie werden da sein. Sie haben so viele Fragen.

Quelle: Göttinger Tageblatt vom 21. November 2009, Tägliche Zwiesprache am Grab der Tochter von Heidi Niemann.

Disco-Mord: Jugendstrafe um ein Jahr reduziert

Tatort im April 2008: Hier wurde Denise L. erschlagen.

Wie der Prozess auch endete – dem Leid der Eltern des Opfers und der Wut der Mitbürger auf den inzwischen 19-jährigen Tom T. (Name geändert) konnte kein Strafmaß gerecht werden.

Gestern saß erneut eine Jugendstrafkammer über den jungen Mann zu Gericht, der am 20. April 2008 die 17-jährige Denise L. nach einer Disco in Asche totschlug. Das erste Urteil, neuneinhalb Jahre Jugendstrafe, hatte der Bundesgerichtshof (BGH) aufgehoben. Gestern reduzierte das Gericht die Strafe um ein Jahr. Es wurde damit der BGH-Vorgabe gerecht, stieß aber bei Zuhörern auf Unverständnis.

Tom T. selbst nahm das Urteil ungerührt entgegen. Auf den ersten Blick emotionslos hatte er den durch seinen Revisionserfolg neuerlichen Prozess verfolgt. Nur unter dem Tisch wippte unablässig sein Fuß.

Durch seinen Anwalt hatte er erklären lassen, er bekenne sich „verantwortlich für den Tod von Denise“ – mehr nicht. Und in seinen letzten Worten vor dem Urteil sagte er nur: „Ich muss auf jeden Fall was an mir ändern. Es ist mir klar, dass es keine Entschuldigung für die Tat gibt, deshalb versuche ich es nicht erst.“ Zu dieser Einschätzung war zuvor schon das Personal der Jugendanstalt Hameln gekommen, in der er seit eineinhalb Jahren einsitzt. Er bagatellisiere seine Tat, hieß es in ihrem Bericht ans Gericht.

Die erneute Verhandlung durch eine andere Jugendstrafkammer war erforderlich geworden, weil der BGH dem ersten, 150-seitigen Urteil vorwarf, die nicht auszuschließende verminderte Schuldfähigkeit des zur Tatzeit gerade 18-Jährigen durch Drogen- und Alkoholkonsum sowie weitere ihn entlastende Momente nicht hinreichend berücksichtigt zu haben. Es bestehe die Besorgnis, dass die Kammer „die angemessene Sanktion in Relation zur Höchststrafe verkannt“ habe, hatte der BGH geschrieben, den Schuldspruch (Totschlag) jedoch anerkannt.

Mit der Begründung, die höchste Jugendstrafe von zehn Jahren sei nur im denkbar schlimmsten Fall auszuurteilen, reduzierte das Gericht in der neuen Verhandlung die Strafe auf achteinhalb Jahre. Wie sehr noch immer der – wegen des Schweigens des Angeklagten – unfassbare Tod der Tochter die Familie erschüttert, machte ein emotionaler Ausbruch der Mutter des Opfers deutlich: „Mörder“, schrie sie den Angeklagten beim Verlesen der unerträglichen Details der Tat an.

Quelle: Göttinger Tageblatt vom 20. Januar 2010, Jürgen Gückel