Dorfstreiche in Holzerode

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Mit Kindern und Jugendlichen

Kinder können manchmal Nervensägen sein, besonders wenn sie Erwachsenen bei wichtigen Arbeiten vor den Füßen herumstehen. Ausgesprochen arbeitsreiche Tage waren die Schlachtetage, und hier waren Kinder meistens im Wege. So wurden sie weit im Dorf herumgeschickt, um eine „Sülzenpresse“ zu holen. Meistens kamen die Kinder nach geraumer Zeit lediglich mit einem schweren Stein zurück. Ähnlich verhielt es sich beim Mus-Kochen. Mus erforderte – wie auch die Wurst- Zubereitung – viel Sorgfalt und „Störer“ waren unerwünscht. So lies man sich von den Kindern aus einer entlegenen Ecke des Dorfes ausgedachte, nicht existierende Geräte wie z.B. eine „Mus-Leiter“ oder „Mus-Stiefel“ holen. Streiche der Jugendlichen waren oft grob und nicht nur zum Ärgern, sondern die „Opfer“ hatten auch mehr oder weniger große Schäden hinzunehmen. Streiche wurden natürlich im Dunkeln ausgeführt – das ist wohl auch heutzutage noch so –, um nicht erkannt zu werden. Nach mancher Sommernacht fand man umgeworfene Holzfinnen oder leere Regentonnen vor. Vor 70 Jahren war es nicht selbstverständlich, dass Wasser in ausreichendem Maße aus dem Wasserhahn lief, und so war eine gefüllte Regentonne für die Benutzung im Haus und im Garten wertvoll und sehr wichtig. Manch einem missliebigen Menschen streute man Kirsch- oder Zwetschenkerne vor die Tür, oder er konnte am nächsten Tag seine ausgehängte Zaunpforte im Dorf suchen. Bei allen Erzählungen zu Streichen wurde als Erstes über den „Braten-Klau“ berichtet. Einen literarisch belegten „Braten-Klau“ von 1864 ist auch heute noch Jedermann bekannt. Sehr viele Holzeröder können eine Episode zum „Braten-Klau“ berichten: Als z.B. Robert Finke seine Minna Krengel (Obere Str.) heiratete, ließ es sich Robert Finkes Mutter nicht nehmen, die Nacht vor der Hochzeit auf der Kellertreppe zu verbringen, um den Hochzeitsbraten zu bewachen. Findige Jungen stiegen jedoch durch ein Kellerfenster ins Haus und entwendeten trotzdem den Braten. Es ist nicht überliefert, was es statt dessen zum Hochzeitsmahl gab. Eine andere Geschichte wird über die Hochzeit von Heinrich Thiele mit Minna Tinnappel erzählt (ca. 1937). Familie Tinnappel war eine fortschrittliche und moderne Familie. Und so wurde am Polterabend bekannt, dass die Hochzeitsgäste vor dem Kirchgang mit heißen Würstchen bedient werden sollten, was etwas Neues und Besonderes war. Die Würstchen wurden in der Wurstkammer aufbewahrt, und Vater Tinnappel hatte sein Nachtlager dort aufgeschlagen, um die Würstchen zu bewachen. Trotzdem schafften es u.a. Otto Linnemann und Otto Hartmann, unbemerkt vom Bewacher, durch ein offenes Fenster in die Kammer einzusteigen und die Würstchen zu stehlen. Wie heißt es doch im Sprichwort: „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“. Ein weiterer Dorfstreich findet sich in den Aufzeichnungen der Familienchronik von Eduard Finke, der in Holzerode 1902 geboren wurde, hier aufwuchs und bis 1932 hier lebte. Die jungen Burschen zogen durchs Dorf Würste sammeln; es war Silvester-Neujahr. Wir kamen über den „Kohlhofsweg“ nach Tinnappels. Das Gros war vorne reingegangen. Mehrere Jungens, darunter auch ich, gingen durch die Hintertür ins Haus. Auf dem Tisch stand die Mittagsmahlzeit: „Brunkohl mit Schweineschwanz pp“. Die Kartoffeln dampften und luden zum Essen ein. Willi Vollbrecht (Kruse), August Thiele (Gerharts) und Karl Thiele setzten sich an den Tisch und schmausten. August Diederich und ich gingen wieder zurück und nach vorne und gleich die Treppe hoch zum Vater Tinnappel; der lag noch im Bett und hatte auch Silvester gefeiert. Kräftig haben wir ihm zugeprostet und er hat auch gut getrunken. Wir gingen auch nach unten in die Stube, wo kräftig gejodelt wurde; die Stube war rasselnd voll, auch die Tinnappels waren alle in der Stube. Keiner hatte gemerkt, dass die Jungens beim Schmausen waren. Auf einmal stand auch der „Alte Herr“ im Zimmer und schwankte. Seine Frau sagte laut: „Do bist ja dicke, datt hoot dä Jungens dekk annedan!“ Alles lachte laut, denn Wilhelm stand in der Unterhose mitten zwischen den jungen Leuten. Wir sind dann aufgebrochen. Die Mutter machte die Tür zum kleinen Zimmer auf, und als sie den Tisch sah, rief sie ganz laut: „Use schäöne Brunkohl! Ett led blaat noch dä Knoken uppen Dische!“ Die drei Jungens hatten sich nach hinten raus aus dem Staube gemacht. Auch wir sind dann schnell abgehauen. Das war ein interessanter, gelungener Streich.

Zusammengestellt und aufgeschrieben von: Monika Reinecke. Aus: Festschrift 950 Jahre Holzerode, 2005

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Holzerode