Eisenbahn in Göttingen

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Die Geschichte der Eisenbahn in Göttingen

Wohl keiner der damaligen Göttinger Zeitgenossen hat die Umwälzungen erahnt, die der 31. Juli 1854 nach sich ziehen sollte: An diesem Tag (5. Juni 2004) vor fast genau 150 Jahren wurde die Stadt an die Eisenbahn angebunden, der Bahnhof feierlich eröffnet. Am nächsten Tag bereits wurde der reguläre Betrieb nach Fahrplan aufgenommen. Das Göttinger Tageblatt widmete diesem Ereignis eine Serie Der Anschluss Göttingens an die Bahn sollte Stadtbild, Sozialgefüge und Lebensgefühl nachhaltig verändern. Das Lokomotivausbesserungswerk entstand, in der beschaulichen Universitätsstadt ließ sich eine starke Industriearbeiterschaft nieder. Die Fußgängerströme vom Bahnhof in die Innenstadt erzwangen den Durchbruch des historischen Stadtwalls. Bis heute prägt die Bahn die Stadt – und verändert das Leben der Menschen. Weil seit der Aufnahme des ICE-Verkehrs vor 13 Jahren Hannover nur eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt ist, haben seitdem nicht wenige Göttinger ihren Arbeitsplatz in der Landeshauptstadt.

Eröffnung mit Kanonen und Trompeten Von Matthias Heinzel

Bahnhof in Göttingen: Historische Aufnahme

Vor 150 Jahren brach für Göttingen das Zeitalter der Eisenbahn an: Im neu errichteten Bahnhof der Stadt lief der erste Zug ein. Fast jedoch wäre der Zug der damaligen Zeit an Göttingen vorbei gefahren – mit wohl fatalen Folgen für die Entwicklung der Stadt. Als der Göttinger Bahnhof am 31. Juli 1854 eröffnet wurde, waren immerhin schon neunzehn Jahre vergangen, seitdem die erste Lokomotive in Deutschland, der heute noch berühmte „Adler“, im Jahr 1835 von Nürnberg nach Fürth gedampft war. Der Jubel über den Anbruch des technischen Zeitalters war groß in der Stadt. Auf dem Weg dorthin mussten jedoch einige Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Zwar erwähnte ein hannoversches Gesetz vom 8. September 1840 eine Bahn „zwischen Hannover und der südlichen Grenze des Königreichs auf Northeim, Göttingen usw.“, dann jedoch tat sich so lange Zeit nichts, dass Magistrat und Bürgervorsteher-Collegium zu Göttingen am 8. Juni 1844 eine „gehorsamste Petition an die hochverehrliche Stände-Versammlung des Königreiches Hannover“ richtete. Weil Kurhessen den Bau einer Bahn von Frankfurt nach Kassel plane, hieß es dort, müsse die im Süden des Königreiches entstehende Lücke zügig geschlossen werden. Dann aber erwog das Königreich Hannover für den südlichen Landesteil eine Trasse, die Göttingen buchstäblich hätte links liegen lassen: von Nörten über Marienstein, Parensen, Harste, Emmenhausen, Erbsen, Lödingsen, Adelebsen, Güntersen, Imbsen, Varlosen, Dankelshausen, das Schedetal, Volkmarshausen, Gimte bis nach Hann. Münden mit dem Bahnhof am linken Fuldaufer. Göttingen hätte als schwachen Trost später eine Stichbahn von Nörten bekommen, die sich noch später weiter nach Eisenach hätte ausbauen lassen. Noch schlimmer für Göttingen wäre allerdings eine zuvor erwogene Variante der so genannten Südbahn durch das Wesertal bis Münden gewesen. Eine Ironie der Eisenbahngeschichte: Bei den Planungen für die ICE-Strecke sind ganz ähnliche Überlegungen angestellt worden. Zu alledem ist es – zum Glück für Göttingen – nicht gekommen, der Kampf der Stadtväter für eine direkte Verbindung nach Hannover wurde belohnt. Während sich Göttingen klar zu den Gewinnern der endgültigen Trassenführung zählen konnte, gab es andererseits Verlierer. So lief die Strecke an der Stadt Einbeck mit ihrer beachtlichen Wirtschaftskraft vorbei. Auch Osterode hatte eine Zeit lang gehofft, an die Bahn angeschlossen zu werden – ebenfalls vergeblich. Die Enttäuschung andernorts spielte am 31. Juli in Göttingen nicht die geringste Rolle: Mit großem Pomp wurde die Eröffnung des Bahnhofs zelebriert. Um acht Uhr Morgens nahm in Alfeld der Sonderzug nach Göttingen Fahrt auf. Als sich der Zug mitsamt dem königlich hannöverschen Innenminister Göttingen näherte, erklangen auf dem Marktplatz und vor der Universitätsaula Festgesänge. Die alten Göttinger Stadtkanonen schossen Salut, das Trompeterkorps der Northeimer Garde-Kürassiere schmetterte Begrüßungsfanfaren. Um 14.30 Uhr begann das Festmahl in einem Zelt vor dem Bahnhofsgebäude. Die historischen Quellen vermelden, dass dabei nicht nur gegessen, sondern auch nicht gerade wenig getrunken wurde. Die auswärtigen Gäste konnten per Sonderzug um 19.30 Uhr wieder nach Hause fahren – eine neue Zeit hatte begonnen. Einen Tag nach der feierlichen Eröffnung des Bahnhofs wurde der gut 58 Kilometer lange Streckenabschnitt Alfeld – Göttingen fahrplanmäßig in Betrieb genommen. Die Strecke zwischen Hannover bis Alfeld wurde bereits seit 1. Mai 1853 befahren. Der Fahrplan sah täglich drei Abfahrten von Göttingen aus in Richtung Norden vor – um 5.15, um 9 und um 18 Uhr. Die Fahrzeit nach Hannover betrug in dieser Anfangszeit etwa dreieinhalb Stunden – eine dramatische Verbesserung gegenüber den bisherigen Verkehrsmitteln. Die Entwicklung, die dadurch einsetzte, sollte das Bild der Stadt binnen kurzem grundlegend verändern.