Franz Josef Degenhard

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Der Anwalt und Liedermacher Franz Josef Degenhard veröffentlichte 1983 auf seiner Langspielplatte „Lullaby zwischen den Kriegen“ ein Lied über die Universitätsstadt an der Leine.

Göttingen

In dieser Stadt, my love, müßt man reiten

in einem Flatterumhang, so wie ein Husar,

am Gänselieselbrunnen aus dem Sattel gleiten

und sich zu denen setzen mit dem bunten Haar,

mit ihnen Bier aus Dosen trinken, schweigen

und sich erinnern an die Nächte im August:


Da spielten hier Harmonika und Geigen,

und um den Brunnen tanzten wir in nackter Lust.

Die Ära Adenauer ging zu Ende,

wir sangen laut von einer freien Republik,

und viele träumten sich die Bündnis-Wende

aus noblem Prinzenstolz und Schmuddelkinderglück.


Ich hab mein Lied in dieser Stadt gesungen,

mich hat das Tageblatt berotzt und vollgespritzt,

nannt’ mich den schmierigen Proletenjungen.

Das hat mir nicht nur bei Genossen sehr genützt.

Hier gab es Lehrer, die auf Schüler schossen,

in meiner Robe brüllte ich hier vor Gericht,

mit der Gitarre habe ich zurückgeschossen.

Hier war ich Trauzeuge, doch traute man mir nicht.

Und hier sang Barbara von blonden Knaben

und auch von Rosen und von der Melancholie,

die die Verliererkinder an sich haben,

bis Mescaleros kommen und befreien sie.


Ich lauf zu Fuß im Wind über den Graben.

Zum Beispiel schleifen wollte Hans von hier die Stadt,

weil eine Freundin hatten wir begraben,

die sich den goldenen Schuß im Schnee geschossen hat.

Geh’ in den Bismarckturm und laß mich führen,

der blinde Rentner schnarrt so wie ein Corpsstudent,

zeigt Bismarcks Säbelschläger für Mensuren

und Band und Mütze und ein blutbeflecktes Hemd.

Ich renne raus und steh vor einer Mauer,

daran gesprüht in Rot: „Rache für Christian Klar“.

Ich merke hier noch immer viel genauer,

daß dieses Land nicht bleiben wird wie es mal war. Franz Josef Degenhard, Göttinger Vademecum