Göttinger Accouchierhaus

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Einst Geburtsklinik für arme Frauen: An diese erinnert nun eine Tafel am Accouchierhaus

Das Göttinger Accouchierhaus war die erste universitäre Geburtsklinik im deutschen Sprachraum.

In dieser 1791 gegründeten Einrichtung konnten arme Frauen unter ärztlicher Aufsicht ihre Kinder zur Welt bringen. Das erfüllte zum einen eine fürsorgliche Funktion. Zum anderen mussten sich die meist mittellosen Frauen als Übungs- und Anschauungsobjekte für die medizinische Ausbildung der Ärzte zur Verfügung stellen, wenn sie betreut werden wollten. Da sich das Accouchierhaus als eine Lehr- und Forschungsanstalt der Geburtshilfe verstand, mussten die Frauen Tests mit neu entworfenen Geburtszangen oder Saugglocken über sich ergehen lassen. Diese Geburten dienten damals vor allem dem Ziel, den Geburtsablauf zu erforschen und die Geburtshilfe zu perfektionieren.

In Erinnerung an diese Frauen und an diese Zeit enthüllten der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Cornelius Frömmel, und die kommissarische Gleichstellungsbeauftragte der Göttinger Universitätsmedizin, Carmen Franz, eine Gedenktafel an der Fassade des Gebäudes in der Hospitalstraße. Frömmel äußerte sich kritisch zur damaligen Praxis: „Was zunächst wie etwas rein Menschenfreundliches aussieht, nämlich sich sorgen um eine gute Geburt, hatte durchaus ein anderes Gesicht: Für die Frauen war eine Geburt im Accouchierhaus auch erniedrigend.“ Heute könnten die Patientinnen frei entscheiden, ob sie bereit sind, bei den Themen aus Forschung und Lehre mitzuwirken. Franz sagte, die Gedenktafel für längst vergessene Frauen sei ihr eine Herzensangelegenheit.

Geburten waren ursprünglich die Domäne von Hebammen. Mit der Einrichtung des Accouchierhauses verlagerte sich die Geburtshilfe auch in ärztliche Hände. Seit 1989 befindet sich in dem Gebäude das musikwissenschaftliche Seminar der Georg-August-Universität.

Göttinger Tageblatt vom 8 Juli 2011