Göttinger Erhebung

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Die Göttinger Erhebung ist eine Skulptur des Bildhauers Andreas Welzenbach.

„Göttinger Erhebung“ vor der Kornmarktpassage

Siegerentwurf von Andreas Welzenbach: tischartiger Sockel im Chippendale-Stil (links) und Rauschenplatt, vereinfacht (rechts).

Und der Gewinner ist: Andreas Welzenbach aus Hüttlingen in Baden-Württemberg. Der Diplom-Bildhauer setzte sich mit seinem Entwurf „Göttinger Erhebung“ beim Skulpturenwettbewerb Kornmarktpassage durch. Insgesamt waren 20 Beiträge eingegangen.

Lob und Urteil der Jury

Sein Entwurf „Göttinger Erhebung“ erfülle „in jeder Hinsicht die Kriterien der Auftraggeber“, heißt es in der Begründung: „Stellvertretend für andere Volkshelden nimmt Welzenbach das Beispiel des relativ unbekannten Göttinger An- und Aufrührers Johann Ernst Arminius von Rauschenplatt (1807-1868), der 1831 den Göttinger Aufstand anführte, und kombiniert ihn mit dem Vorgang der Auf- und Abwertung, des sich Erhebens und Erhobenwerdens dieser Heldenfiguren im Laufe der Geschichte.“

Zugleich korrespondieren und kontrastieren

In seinem Konzept stelle der Künstler zwei Skulpturen gegenüber, die in Form- und Materialgebung zugleich korrespondierten und kontrastierten: „Rechts Rauschenplatt in historisierender, vereinfachter Formsprache auf Sockel mit abgesenkter, aber nur scheinbar ausfahrbarer Hubstange. Links der tischartige Sockel im Chippendale-Stil auf ausgefahrener Hubstange.“

Hohe kombinatorische Phantasie

Die achtköpfige Jury habe weiterhin „die hohe kombinatorische Phantasie und zugleich geschlossen-skulpturale Auffassung des Figurativen in dem Konzeptentwurf“ überzeugt. Welzenbach, der bereits zweimal in Göttingen ausstellte, nehme bewusst kontrastiv Bezug auf den Ort Marktplatz und die Plastiken Gänseliesel und Lichtenberg. Seine Darstellung historischer Figuren und Vorgänge sei nicht nur witzig-grotesk, sagte die Jury. Sein ironisches Hinterfragen des Denkmal-Gedankens und der heroischen Geschichtsauffassung relativiere auch „auf witzige Art und Weise historische Ideologien“.

Stadtgeschichte und Bürgertum als Bezugspunkte

Den Skulpturenwettbewerb hatte die Stadt mit der Eigentümerin (die gleichzeitig auch als Sponsorin fungiert) eines der ältesten denkmalgeschützten Gebäude in der Innenstadt im August bundesweit ausgeschrieben. Aufgabe war die künstlerische Gestaltung zweier Skulpturen aus witterungsfesten, umweltverträglichen Materialien für den Eingangsbereich der Kornmarktpassage vor dem Alten Rathaus. Thematisch sollten die Arbeiten Bezug nehmen auf den stadtgeschichtlichen Kontext und die in Göttingen ausgeprägte Tradition des selbstbewussten und kritischen Bürgertums.

30000 Euro

Für die Umsetzung und den Ankauf des preisgekrönten Entwurfs sowie für die Vergabe weiterer Preisgelder stellte die erwähnte Hauseigentümerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, 30 000 Euro bereit. Den zweiten und dritten Preis errangen die Göttinger Gerhard Haase und Ludwig Kolb.


Enthüllung

Schwarzer Ritter in Playmobil-Optik trifft leeren Hocker auf Stelze: Die Stadt Göttingen hat ein neues Kunstobjekt in markanter Lage – und schon jetzt ist klar, dass es für heftige Diskussionen sorgen wird. Die Rede ist von der „Göttinger Erhebung“.

Vorsichtiger Applaus

Zwei mannshohe Skulpturen aus Bronze und Stahl, die am Donnerstag vor der Kornmarktpassage am Alten Rathaus enthüllt wurden. Gut 20 Bürger wohnten der Prozedur bei. Es gab vorsichtigen Applaus.

Die „Göttinger Erhebung“ ist das Ergebnis eines Skulpturenwettbewerbs, den die Stadt gemeinsam mit einer Göttinger Bürgerin ausgeschrieben hatte, die gleichzeitig als Sponsorin fungiert. Sie stellte 30 000 Euro zur Verfügung, will aber anonym bleiben. Eine Jury hatte unter 20 eingereichten Beiträgen das Werk des Bildhauers und Künstlers Andreas Welzenbach aus Hüttlingen in Baden-Württemberg ausgewählt.

Anführer der Göttinger Revolution

Es zeigt auf der einen Seite den relativ unbekannten Anführer der „Göttinger Revolution“ von 1831, Johann Ernst Hermann von Rauschenplatt, auf einem Schemel – freilich „karikaturhaft“ dargestellt, wie der Künstler betonte. Auf der anderen Seite befindet sich ein Schemel auf einer Art Hubstange. Diesen Sockel habe er bewusst leer gelassen, sagte Welzenbach. Er müsse noch besetzt werden.

Unmut auf den Marktplatz brüllen

Von wem, das ließ er offen. Es könnte aber bald laut werden am Alten Rathaus. Das Skulpturen-Ensemble solle Bürgern nämlich die Chance bieten, „ihren Unmut kundzutun“. Daher weise die Rauschenplatt-Figur auf Mundhöhe auch eine Öffnung auf, durch die man seinen „Unmut auf den Markplatz brüllen“ könne. Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck ließ diese Chance ungenutzt verstreichen, als sie dem Künstler und der Sponsorin dankte. Aber sie hatte ja auch nichts zu meckern. Sie sei ein Fan von gegenständlicher Kunst, die auffalle, provoziere – und das sei gegeben. Schließlich sei das Thema des Wettbewerbs „der streitbare Göttinger Bürger“ gewesen.

Wenig streitlustig

So richtig streitlustig waren die Anwesenden aber nicht. „Ich finde es witzig, dass man da durchsprechen kann“, sagte Jamie Lee Kolwe (11) und rief „Hallo“ durch Rauschenplatts Mund. Ein Mann fand das Ensemble „ganz nett“. „Echt gut“, sagte hingegen ein älterer Herr. „Das Gesamtkonzept gefällt mir.“ Er wusste auch schon, wen er auf den leeren Sockel setzen würde. „Lichtenberg, der war auch ein Kritiker.“

  • Quelle: Andreas Fuhrmann, "Frustabbau dank der 'Göttinger Erhebung'", Artikel im Göttinger Tageblatt vom 20. Juli 2012.