Gauß-Weber-Telegraf

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Carl Friedrich Gauß

1833 erfanden und installierten die Göttinger Physiker Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber den ersten elektromagnetischen Telegrafen der Welt.

Wohl Ende März/Mitte April 1833 spannte Wilhelm Weber unter größeren Anstrengungen einen Doppeldraht von etwa 1,1 km Länge an einem Bindfaden von seiner Arbeitsstelle, dem Physikalischen Kabinett, über einen Kirchturm der Johanniskirche und das Accouchierhaus zur Arbeitsstelle von Gauß in der Neuen Sternwarte.

Erste Versuche der Zeichenübermittlung fanden gegen Ostern 1833 statt.

Im August 1833 teilte Gauß einem Kollegen in einem Brief mit: „Unsere große galvanische Kette (6000-7000 Fuß Draht) ist schon lange ungestört bestehend und schon oft haben wir mit bestem Erfolg ganz kleine Phrasen einander telegraphisch signalisiert.“

Die Leitung blieb mehrere Jahre hängen, wurde verschiedentlich erneuert und ab einem unbestimmten Zeitpunkt auch über das Magnetische Observatorium geführt, bis ein Blitzschlag am 16.12.1845 für ein Ende der Experimente sorgte.

Weber war zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Jahren nicht mehr in der Stadt und Gauß‘ Interesse richtete sich auf andere Schwerpunkte.

Der Inhalt der ersten jemals telegrafierten Botschaft der Welt ist nicht überliefert. Der Legende nach lautete sie schlicht: „Michelmann kömmt“, womit Weber Gauß angekündigt habe, dass der Wärter im Physikalischen Kabinett Michelmann unterwegs zur Sternwarte sei. Die Übermittlung der Nachricht habe so lange gedauert, dass Michelmann persönlich noch vor ihr bei Gauß eingetroffen sei. Obwohl einiges gegen diese Version spricht, hat Weber ihr nie widersprochen. Die Wissenschaft hält es heute für nachgewiesen, dass die Übermittlung der ersten Telegrafiebotschaft viereinhalb Minuten gedauert hat, und vermutet, dass ihr Inhalt ein ernster Text in der Art des an anderer Stelle von Gauß benutzten: „Wissen vor Meinen / Sein vor Scheinen“ gewesen ist.

Die Strecke des ersten elektromagnetischen Telegrafen wurde im Februar 2006 mit der von Measurement Valley aufgebauten Laserinstallation, dem Gauß-Weber-Laser, optisch zu neuem Leben erweckt. Im November 2007 wurde ein Laser dauerhaft auf dem Dach der Volksbank installiert.

Funktionsweise des Telegrafen

Der Gauß-Weber-Telegraf bestand aus Sender, Leitung und Empfänger. Beim Sender, der im Physikalischen Kabinett stand, wurde eine Spule durch einen Hebel auf einem langem Magnetstab auf und ab gezogen, wodurch kurze Stromstöße entstanden. Diese wurden über eine Drahtleitung zum Empfänger in der Neuen Sternwarte übertragen. Dort wurde der Strom durch eine weitere Spule geleitet, wodurch er einen waagerecht aufgehängten Magnetstab in geringe Bewegungen versetzte, die durch Spiegel und Fernrohr gut sichtbar gemacht wurden. Je nachdem, ob die Induktionsspule am Sender nun auf oder ab bewegt wurde, schlug der Magnetstab am Empfänger nach rechts oder links aus. Um aus der Reihenfolge dieser Bewegungen eine Botschaft ver- und entschlüsseln zu können, vereinbarten Gauß und Weber einen binären Links-Rechts-Code, der Buchstaben und Zahlen als unterschiedliche Folgen von jeweils vier solcher links-rechts-Ausschläge festlegte.

Im Gegensatz zum amerikanischen Erfinder Samuel Morse waren Gauß und Weber nicht an der Vermarktung ihrer Erfindung interessiert und beobachteten wenig später den weltweiten Erfolg ihres Mitstreiters.

Für Gauß war der elektromagnetische Telegraf vielmehr der Beginn seiner bedeutenden Forschungen zum Erdmagnetismus. Dennoch hatten Gauß und Weber eine Erfindung hervorgebracht, die die Welt revolutionieren sollte. Ihre Technologie veränderte gemeinsam mit dem aufkommenden Eisenbahnwesen entscheidend das Verkehrs- und Wirtschaftsleben des 19. Jahrhunderts und legte den Grundstein für die moderne Nachrichtentechnik.

Nachdem Gauß und Weber die Übertragung von Signalen ermöglicht hatten, gaben sie den Anstoß für moderne Telekommunikation und Rundfunktechnik mittels Übertragung von Sprache und Bildern.

Heute alltägliche Technologien wie die Datenfernübertragung (DFÜ) – die unter anderem zentraler Bestandteil der heutigen messtechnischen Anwendungen ist – oder intelligente Navigationssysteme wie GPS haben ihren gemeinsamen Ursprung in der bahnbrechenden Erfindung von Gauß und Weber.

Heute sind nur noch wenige Reststücke vom weltberühmten Gauß-Weber-Telegrafen erhalten. Die Originalapparaturen wurden von den beiden Forschern ständig für weitere Arbeiten verändert und umgebaut. Im Museum der Göttinger Sternwarte existiert heute nur noch ein Reststück des Originaldrahtes von 1833 (mit Echtheitszertifikat!). Einen funktionstüchtigen Nachbau des Gauß-Weber-Telegrafen - 1967 von Ausbildern des Fernmeldeamtes Göttingen hergestellt - gibt es im sogenannten Gaußhaus zu sehen. Das 1833 vollständig eisenfrei errichtete Holzhaus diente Gauß und Weber als magnetisches Observatorium und wurde 1902 auf das Gelände des damals neuerbauten Geophysikalischen Instituts gebracht, wo es heute vom Verein "Wiechert'sche Erdbebenwarte Göttingen e.V." unterhalten und genutzt wird.

An der Südseite der Sternwarte erinnert eine Gedenktafel an die bahnbrechende Erfindung des Gauß-Weber-Telegrafen.

Links

Gauss-Gesellschaft
Wiechert'sche Erdbebenwarte