Gedenktafel zur Entlassung jüdischer Professoren und Professorinnen an der Georg-August-Universität

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In der Aula der Universität befindet sich eine Gedenktafel, die am 18. April 1989 zum 56. Jahrestags des Rücktritts von James Franck enthüllt wurde und namentlich 53 Professoren und Professorinnen gedenkt, die während des Nationalsozialismus entlassen oder vertrieben wurden (vgl. Thieler/ Renken 2019a). Im Zuge der Aufarbeitung der Universität Göttingen wurden weitere 42 Wissenschaftler*innen identifiziert (vgl. Uniinform 2018). Am 18. November 2017 wurde im Rahmen der Gedenkveranstaltung der verfolgten Wissenschaftler*innen im Nationalsozialismus eine weitere Gedenktafel enthüllt. Die Tafel erinnert an das Schicksal von 95 Göttinger Wissenschaftler*innen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft aus politischen und rassistischen Gründen verfolgt und entlassen wurden: „Auch heute gilt es daran zu mahnen, dass die Freiheit der Wissenschaft und die Unabhängigkeit der Universität keine unpolitische ist. Sondern, dass sie den Werten einer offenen und demokratischen Gesellschaft verpflichtet sein muss.“ (Renken 2017).

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In der Zeit des Nationalsozialismus wurden an der Georg-August-Universität 53 Hochschullehrer*innen entlassen, darunter bedeutende Wissenschaftler*innen wie Max Born, Richard Courant, Emmy Noether, Herman Nohl und viele mehr. Von ihnen emigrierten 35 Leute, was einen Anteil von 66% ausmacht (vgl. Szabó 2000: 52). Während der Aufarbeitungsphase wurden weitere 42 Wissenschaftler*innen identifiziert. Einigen von ihnen wurde der akademische Titel aberkannt. Doch wie kam es dazu? Zunächst ein kurzer historischer Abriss:

Die NSDAP in Göttingen

Bereits Ende der Weimarer Republik gab es in Göttingen starke Tendenzen zur Unterstützung der NSDAP. Der Stimmanteil für die Göttinger NSDAP war über dem Reichsdurchschnitt. Bei den Reichstagswahlen 1932 erreichte die NSDAP in Göttingen 51%, im Deutschen Reich waren es 37,4%. Die Gründer der NSDAP in Göttingen gehörten einem universitären Milieu an, welches vor allem nationalkonservativ war. Vor allem die Professoren- und Studentenschaften waren der neuen Staatsform der Weimarer Republik „überwiegend feindlich eingestellt“ (vgl. Thieler 2004: 8). Durch diese Feindseligkeit konnte die NSDAP in Göttingen schnell wachsen. 1929 gründete sich der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB), der überwiegend gegen linke und liberale Studentengruppen wetterte. Im Sommer 1934 kam es zu Ausschreitungen zwischen Göttinger Studentenverbindungen und der NSDStB.

Die Ideologie der Georg-August-Universität

In den 1920er Jahren waren die Professoren und Professorinnen überwiegend deutschnational-konservativ eingestellt, somit auch z.T. immer antisemitisch. Die Studentenschaften haben ab Ende der Weimarer Republik die politische Rechtsentwicklung verstärkt und somit einen Nährboden für den Nationalsozialismus in Göttingen geschaffen. Die Georgia Augusta gehörte in den 1930er Jahren zu einer der mittelgroßen Universitäten mit einem Lehrkörper von 238 Personen und 30.000 Studierenden. Sie galt als ‚Arbeiteruniversität‘, war sozial elitär und bei der gehobenen Schicht beliebt (vgl. Georg-August-Universität Göttingen 2019a). Innerhalb kürzester Zeit erreichten die Verbindungen in den Jahren 1932/1933 ihren Mitgliedschaftshöhepunkt, ca. 80% der Männer gehörten einer Verbindung an, die große ideologische Nähe zur NSDStB aufwiesen (vgl. ebd.). Dennoch gab es auch politisch linksdenkende Dozenten und Studentengruppen, so zum Beispiel Leonhard Nelson oder Hannah Vogt. Sie leisteten jedoch 1933 nur vereinzelt Widerstand gegen die nationalsozialistische Gleichschaltung (vgl. ebd.). Anfang 1933 hatte die Universität einen Weltruf inne, „an ihr forschten zahlreiche renommierte Wissenschaftler wie der Nobelpreisträger Max Born“ (Thieler 2004: 9). Auch genossen die Wissenschaftler*innen und Studierende im Bürgertum soziales Prestige (vgl. Thieler 2004: 9). Mit der Machtübernahme im Januar 1933 veränderte sich dann nicht nur die politische Situation, „sondern auch das wissenschaftliche und personelle Profil der Universität grundlegend“ (Thieler 2004: 9). Im gesamten Deutschen Reich wurden die staatlichen Institutionen Orte einer ‚personalpolitischen Säuberung‘, was auf dem ‚Gesetz zur Widerherstellung des Berufsbeamtentums‘ seine rechtliche Grundlage fand (vgl. Thieler 2004: 10). Die ‚Säuberung‘ stand unter dem Vorwand, die Verwaltung vereinfachen zu wollen, tatsächlich gab es aber nun die Möglichkeit „politisch unliebsame Personen willkürlich in den Ruhestand“ versetzen zu können (Thieler 2004: 10). Im Zuge der Gleichschaltung wurde an der Universität das ‚Führerprinzip‘ durchgesetzt. Der Rektor galt somit als weisungsbefugter ‚Führer‘. Während der NS-Herrschaft hatte die Universität Göttingen vier Rektoren. Der erste Rektor war Friedrich Neumann. Er trat das Amt 1933 zeitglich mit dem Eintritt in der NSDAP an. Er war bis 1938 Rektor, danach Prorektor bis 1943 (vgl. Georg-August-Universität Göttingen 2019a). Neumann galt als regimetreu und hat ohne Bedenken die Universität nationalsozialistisch ausgerichtet. 1945 wurde Friedrich Neumann seines Amtes enthoben, mit dem Entnazifizierungsverfahren 1949 als ‚Mitläufer‘ eingestuft und ein Jahr später galt er als ‚entlastet‘. 1954 wurde er ordnungsgemäß emeritiert und starb schließlich im Alter von 89 Jahren 1978 in Göttingen (vgl. ebd.).

Entlassung der Professoren und Professorinnen an der Georg-August-Universität

Die Universität hat sich nahezu widerstandslos unterworfen, was dadurch erkennbar wurde, dass die personalpolitische ‚Säuberung‘ reibungslos durchgeführt werden konnte. Die ‚Säuberung‘ beruhte auf dem ‚Gesetz zur Widerherstellung des Berufsbeamtentums‘ (BBG), welches am 07. April 1933 verabschiedet wurde. Im Rahmen dieses Gesetzes wurden 53 Hochschullehrer*innen entlassen, darunter bekannte Persönlichkeiten wie Max Born, Richard Courant, Emmy Noether, Herman Nohl, Nikolaus Pevsner, Wolfgang Stechow und Gerhard Leibholz (vgl. Georg-August-Universität Göttingen 2019a, Szabó 2000: 53). Die ersten Dozenten, die von dem neuen Gesetz betroffen waren, waren der Physiker Max Born und die Mathematikerin Emmy Noether. Beide wurden wegen des BBG ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit in den Ruhestand entlassen. § 1 erweiterte den Personenkreis, die unter das Beamtenrecht fielen, zunächst so, dass zum Kreis der staatlichen Hochschullehrer nun auch Honorarprofessoren, nichtbeamtete außerordentliche Professoren und Privatdozenten gezählt wurden. Unter dem Vorwand, die Weimarer ‚Parteibuchbeamten‘ aus ihren Ämtern entfernen zu wollen, wurde im BBG die Kategorie der ‚nationalen Zuverlässigkeit‘ eingeführt, durch die es möglich war, willkürlich die Mitglieder der SPD, KPD und die liberalen Parteien aus der Beamtenschaft zu entfernen oder bei nur passiver Mitgliedschaft Beförderungen zu verhindern und § 2 des BBG zielte auf die Entlassung von kommunistischen und anderen ‚Parteibuchbeamten‘, denen pauschal unterstellt wurde, ihre Ämter nur durch die parteipolitische Unterstützung erhalten zu haben (vgl. Georg-August-Universität Göttingen 2019b). § 3 regelt die Versetzung in den Ruhestand oder die Entlassung für jüdische Beamte „insofern sie nicht vor dem 1. August verbeamtet oder Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg waren“ (ebd.) Der Kern des Gesetzes ist jedoch § 4: „Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Staatsdienst entlassen werden“ (ebd.) Zwar unterwarf sich die Universität widerstandslos dem Gesetz, doch gab es auch Protest von einzelnen Personen, allen voran James Franck. James Franck war ein jüdischer Physiker und galt im Jahre 1933 (noch) als ‚Frontkämpfer‘, weswegen er nicht zu den Personen zählte, die entlassen wurden. Zusammen mit seinem Schwiegersohn Arthur von Hippel, seiner Assistentin Hertha Sponer, Freunden und Kollegen Max Born, Richard Courant, Hermann Weyl und Otto Neugebauer diskutierten sie, wie man dem Unrecht des NS-Regime entgegentreten könnte. Letztendlich leistete nur James Franck Widerstand, indem er den Mut aufbrach, sich mit einem Brief an den Rektor der Universität Göttingen und die Presse wandte, in dem er seinen Rücktritt bekannt gab, um somit „ein öffentliches Zeichen des Protests zu setzen“ (Szabó 2000: 47). Die Göttinger Kollegen zeigten sich hingegen nicht solidarisch, ganz im Gegenteil, sie begrüßten die "beschleunigten Reinigungsmaßnahmen“. In einem Artikel des Göttinger Tageblatts haben 42 Göttinger Hochschulprofessoren eine Gegenerklärung verfasst, in dem sie James Francks Schritt als einen „Sabotageakt“ bewerten, welche die Politik der neuen Machthaber kritisiere (ebd.).

Aberkennung der akademischen Grade

Nicht nur, dass die Professoren und Professorinnen entlassen wurden, einige von ihnen mussten sogar ihren Doktortitel abgeben. Die Ausgrenzungspolitik erhielt somit noch einmal eine Steigerung. Zwischen den Jahren 1935/1936 und 1944/1945 sind 72 Fälle bekannte, in denen entweder durch Strafurteile verschiedenster Vergehen (Hochverrat, Rassenschande, Abtreibung etc.) oder wegen Ausbürgerung der Titel entzogen wurde (vgl. Thieler 2004: 20). Betroffen waren u.a. Max Born und Ludwig Quidde, beiden wurde der Doktortitel wegen Ausbürgerung aberkannt. Oft sind die Personen vor weiterer Verfolgung geflohen. Die betroffenen Personen erlitten bereits vorher schon Demütigung und folglich auch eine Erschwerung des Lebens, woran die Entziehung des Doktortitels anknüpfen sollte (vgl. ebd.). Hinter dieser Ausgrenzungspolitik standen zwei Intentionen: Zum einen konnten die Nationalsozialisten „ihre Intellektuellenfeindlichkeit mit der intendierten Ausgrenzung politischer Gegner und jüdischer Bürger verbinden“ (Thieler 2004: 20). Dadurch konnte die Universität ihre Zugehörigkeit zum NS-Regime noch einmal verdeutlichen. Zum anderen vollzog die Universität Göttingen die Entziehung des akademischen Grades linientreu und nach dem Willen des Regimes; Spielräume, die sie hatte „nutzte sie nicht zugunsten ihrer ehemaligen Absolventen, sondern unterstützte die Diskriminierung der jeweiligen Person“ (ebd.). Im November 1933 wurde in der Promotionsordnung ein Passus eingefügt, dass bei Aberkennung der Staatsangehörigkeit die Entziehung des Doktortitels ermöglichte, dies zielte zunächst auf die ins Ausland geflohenen politischen Gegner ab. Weiterhin reichte nun die Feststellung aus, dass ein Absolvent „eines Doktortitels einer deutschen Hochschule´ nicht mehr `würdig´ sei“ (ebd.), um den Doktortitel zu entziehen. Mit der Radikalisierung der Verfolgung jüdischer Bürger*innen stieg auch der Entzug der Doktortitel an - pro Semester gab es ca. sechs Fälle. Mit dem Beginn der Deportationen im Herbst 1941 sank diese Zahl wieder rapide ab (vgl. Thieler 2004: 26).

Umgang der Georg-August-Universität nach 1945

Nach der Kapitulation setzten die Alliierten die NS-Gesetzgebung außer Kraft. Dennoch blieben manche Verurteilungen durch die NS-Gesetzgebung bis in die 1960er Jahre bestehen. Entziehungsopfer konnten nur auf dem ‚Gnadenweg‘ ihren Titel wieder zurückerlangen (vgl. Thieler 2004: 77). Die Universität Göttingen verhielt sich in ihrer Aufarbeitungsphase sehr passiv und bürokratisch, „sie erklärte Entziehungen nur für nichtig, wenn der Betroffene selbst an die Universität herangetreten war“ (Thieler 2004: 77). Die Anzahl der Personen, die tatsächlich an die Universität herantraten, war äußerst gering. Einige führten aber ihren Titel auch aufgrund der eigenen Überzeugung, ohne eine Bestätigung der Universität zu verlangen. Bei den Entziehungen, die aufgrund der Ausbürgerungen stattfanden, blieb die Universität tatenlos, so zum Beispiel auch bei Max Born, „der nach seiner Entziehung des Doktortitels sogar den Nobelpreis für Physik hatte, gab es keine offizielle Titelrückgabe“ (Thieler 2004: 78).

Ehrenbürger Hermann Göring

Einen aktuellen Anlass stellt der Fall Hermann Göring da. Hermann Göring, ab 1935 Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, war Ehrenbürger der Universität Göttingen. 1939 erhielt Göring die Ehrenbürgerschaft von der Universität Göttingen. Im Jahre 2015 distanzierte sich die Universität von Ehrungen, die sie in der NS-Zeit ausgesprochen hatte. Der Beschluss umfasst drei Ehrendoktoren und fünf Ehrenbürger. Der Verleih der Ehrenbürgerschaften und der Ehrendoktorwürde erlöschen mit dem Tod der Person, von daher seine eine förmliche Rücknahme nicht notwendig gewesen (vgl. Spiegel Onine 2015).


Quellen: