Gunther Hampel

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Gunther Hampel 2011
Gunther Hampel Ende der 60er Jahre

Gunther Hampel ist ein Jazz-Musiker Göttingen.

Ein Reisender durch Zeit und Raum – begleitet von der Musik

Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen. Aber ich musste schnell noch unter die Dusche. In meinem Beruf zählt jede Minute“, entschuldigt sich der Mann, der an der Haustür steht und sich in schnellen Bewegungen mit einem Handtuch über das lichter werdende, schwarz gefärbte Haar fährt. Gleichzeitig läuft er mit schnellen Schritten eine Treppe hinauf, schließt eine Wohnungstür auf und sagt: „Nehmen Sie Platz, ich muss noch kurz ...“ Weg ist er.

So muss das Leben eines Weltstars wohl sein: von einem Termin zum nächsten hetzen, durch die Welt jetten und zwischendurch die Fragen von Journalisten beantworten. Es ist das Leben von Gunter Hampel. Der Jazzmusiker ist mit 74 Jahren weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen. Schon der Raum, in dem er einen Platz anbietet, zeugt davon: CDs stapeln sich auf einem Tisch, auf dem Boden stehen Plattenkisten und Koffer für weitere Tonträger. An den Wänden lehnen großformatige Bilder, die Hampel gemalt hat. Kleinteilige, knallbunte Motive.

Auf einem altmodischen Teppich ist Platz für vier Sitzgelegenheiten, in der Mitte ein Tisch, übersäht mit Flyern, Katalogen und Bildern verschiedener Plattencover. Unter den wild verteilten Zetteln: das Schwarz-Weiß-Bild, das die legendäre „The 8th of July“ prägt, die Platte, mit der Hampel 1969 sein eigenes Label „Birth“ gegründet hat – und ein Meilenstein in der Geschichte des europäischen Jazz. 1969 war auch das Jahr, in dem Hampel Göttingen verließ – ohne jedoch jemals der Stadt den Rücken zuzukehren. „Göttingen ist mein Zuhause, nach wie vor“, sagt er, „selbst wenn mein Arbeitsplatz der Globus ist.“

Aufgewachsen ist Hampel am Maschmühlenweg. Die Eltern führten einen Dachdeckerbetrieb, eine kleine Firma mit wenigen Mitarbeitern. „Mein Vater war eigentlich kein Dachdecker, sondern ein Musiker“, erinnert sich Hampel. „Wenn er Klavier gespielt hat, ist die Sonne aufgegangen, auch wenn es geregnet hat.“ Aus seiner Begabung konnte er nie mehr als ein Hobby machen.

Im Zweiten Weltkrieg übernahm die Mutter die Firmengeschicke, erinnert sich Hampel. In ihrem Beisein erlebte er, wie Bomben über dem Henschel-Werk in Kassel abgeworfen wurden, in dem seinerzeit Panzer vom Typ „Tiger“ hergestellt wurden. „Ich schrie, meine Mutter fiel in Ohnmacht“, schildert er ein Ereignis, das sich in seiner Erinnerung eingebrannt und seine politische Einstellung geprägt hat. Hampel wurde Pazifist. Zur Bundeswehr musste er dennoch. Wie er hätte verweigern können, erfuhr er erst während des Wehrdienstes.

Hampel war neun Jahre alt, als die Amerikaner in Göttingen einmarschierten. Ein Glücksfall für den Jungen, wie sich später herausstellte, in einer von Leid und Entbehrungen geprägten Zeit. Denn nur deswegen konnte er einen Schlüsselmoment erleben, der von großer Bedeutung sein sollte: „Irgendwann stand ein schwarzer GI auf unserem Hof. Ich lief mit meinem Akkordeon herum und spielte irgendeine Melodie“, berichtet Hampel. Der GI habe seine Gitarre geholt, die Akkorde zu dem herausgehört, was das Kind spielte und sei mit eingestiegen. „Damals hatte ich meinen ersten Jam.“

Der Jazz war in Deutschland angelangt und hatte Hampel schon als Kind ergriffen. Seine erste Band gründete der 1937 geborene Göttinger im Jahr 1953. Dennoch sollte er, so der Wunsch des Vaters, nicht Musiker werden, sondern Architektur studieren. „Brotlose Kunst“, lautete der Einwand. Hampel gehorchte. Er ging nach Braunschweig, um dort zu studieren. Doch bei aller Liebe zur Architektur, die in ihm noch immer vorhanden sei: Der Wunsch nach einem Leben als professioneller Musiker blieb. Er erfüllte ihn sich 1958.

Allerdings behielt der Vater in einer Sache recht: Reich wurde Hampel nicht mit der Musik. Doch wie heute auch noch, sah er auch damals schon die Musik nicht als einen Beruf zum Geldverdienen, sondern als Berufung.

Mit dem Album „Heartplants“ ging Hampel erstmals Wege, die in der späteren Musikkritik als „erste Versuche eines europäischen Jazz“ bezeichnet werden. Gemeinsam mit anderen beschloss er, einen Treffpunkt für Jazzer in Göttingen einzurichten – mit einer Tanzfläche, denn die Musik sollte mitreißen und zum „Mitmachen“ animieren. Das „Centre“ am Rosdorfer Weg entstand. Auf einer ehemaligen Kegelbahn richteten die jungen Künstler mithilfe einiger ausgedienter Sofas und ein paar Kerzen in Weinflaschen einen Raum ein, der in den kommenden Monaten eines der wichtigsten Kulturzentren werden sollte. Neben Hampel traten dort und im Jungen Theater, das seinerzeit eng mit dem „Centre“ verbandelt war, unter anderem die Autoren Peter Rühmkorf und Peter Handke, aber auch der spätere Komponist der Tatort-Melodie Klaus Doldinger auf.

Von Dauer war die Einrichtung des „Centre“ allerdings nicht. Die in den Ohren des Bürgertums „schräge“ Musik, die „wilden“ Kunstaktionen und Happenings und ein Publikum, das aus „Hippies“ bestand, brachten dem „Centre“ bald schon den Ruf eines Drogenumschlagplatzes ein. Hampel, der vollkommen abstinent von jedweden Drogen lebt und sich sehr bewusst ernährt, sieht den damaligen Drogenkonsum mit Abstand, als eine Zeiterscheinung, die in ihrem Kontext eben passiert ist. „Das Wichtige in den 60ern war das neue Bewusstsein“, sagt Hampel distanziert – auch die eigene drogeninduzierte Bewusstseinserweiterung betreffend. Im Grunde habe man Kunst machen wollen. Auch er selbst habe einige Male mit Drogen experimentiert – um dann festzustellen, dass es sich hierbei um reine Zeitverschwendung handele.

Und Zeit hatte Hampel schon damals nicht. In den späten 60er Jahren tourte er mit dem Drummer Laurie Allan, der später in der Prog-Rock-Band „Delivery“ spielte, dem Bassisten Arjen Borter und John Mc Laughlin, der bis heute siebenmal von den Lesern des Jazz-Magazins „Down Beat“ zum Gitarristen des Jahres gewählt wurde. Zwei Jahre lang spielte die hochkarätige Besetzung auf verschiedenen Festivals. Der Höhepunkt der Konzertreihe: Der Auftritt bei den Internationalen Essener Songtagen 1968. „Kennen Sie die ,Mothers of Invention‘?“, fragt er, während er davon erzählt. „Vor denen haben wir damals gespielt.“ Und vor 8000 begeisterten Menschen, wie später berichtet wird.

Trotz des Renommees finden die Musiker keinen Musikvertrieb. Doch sich dem Schicksal zu fügen, wäre für den Idealisten Hampel keine Option gewesen. Er gründet sein eigenes Label: „Birth Records“. Dessen Logo zeigt das chinesische „Yin und Yang“-Symbol, das für entgegengesetzte Kräfte steht, die gemeinsam ein vollkommenes Ganzes bilden. Ein Symbol der Verbundenheit zu Jeanne Lee, die nicht nur Jahrzehnte lang Hampels Partnerin auf der Bühne, sondern auch im Leben war? „Ja, das Zeichen war auch die Idee meiner Frau.“ Sagt er, und nennt sie auch elf Jahre nach ihrem Tod noch so.

Ihr Tod sei ein tiefer Einschnitt in seinem Leben gewesen, sagt er, „es wäre auch schlimm, wenn nicht“. Die tiefere Bedeutung habe aber die Zeit gehabt, die er mit ihr verbringen durfte, und die er immer wieder erlebt, wenn er seine Kinder treffe, Ruomi und Cavana. Beide sind sie den Eltern in ihrer Liebe zur Kunst gefolgt, Ruomi als Rapper, Tänzer und Videokünstler, Cavana als Sängerin. „Sie ist die einzig würdige Nachfolgerin meiner Frau“, sagt Hampel ernst und anerkennend.

Nicht nur die eigenen Kinder haben in seinem Leben eine wichtige Bedeutung. Er gibt Workshops im In- und Ausland, in denen er das musikalische Interesse der Kinder wecken will und ihren Mut, sich auszuprobieren. Talent schreibt er jedem zu, doch sei es auch notwendig, das Handwerk zu beherrschen. Dies eröffne die Möglichkeit zur Improvisation, die dann die Individualität ausmache – und die sei ihm wichtig. Nur auf diese Weise und durch die Offenheit anderen Stilrichtungen gegenüber sei es möglich gewesen, dass Hampel neue Wege gehen konnte, die in einer Zusammenarbeit mit der „Jazzkantine“ sogar massenkompatibel wurden – was einige Jazzer Hampel bis heute als Frevel nachtragen. Hampel selbst sieht das anders: Die Zeit mit der Jazzkantine, die er in alter Jazzer-Manier mit scharfem „tz“ ausspricht, sei fruchtbar gewesen, der Kontakt zum Hip Hop habe ihm neue Möglichkeiten eröffnet, bis heute arbeite er mit Rappern und Breakdancern.

Musiker, die solche Chancen nicht nutzten, perfekt spielen könnten, aber keine Freiheit zur Improvisation hätten, bezeichnet Hampel hingegen als „dressierte Affen“, als „Soldaten“ – nicht abwertend, sondern mitleidig klingt das aus seinem Mund.

Die Freiheit hat ihren Preis. Dass seine finanziellen Mittel sich in Grenzen halten, gibt Hampel unumwunden zu. Doch er sei auch niemand, der Luxus benötige. Eher fehle es ihm an Zeit. Das, was er verdient, steckt er direkt wieder in die nächste Produktion, um schnellstmöglich neue Ideen festzuhalten.

So kommt es, dass Hampel auch mit 74 Jahren noch immer durch die ganze Welt reist. Er pendelt beispielsweise regelmäßig zwischen Göttingen und New York, gibt Konzerte, nimmt neue Platten auf und gibt Interviews. Er produziert junge Bands und hält Vorträge an Musikhochschulen. Müßiggang sieht anders aus. Dennoch wirkt Hampel keineswegs gestresst oder überarbeitet, seine Augen sind wach, er wirkt, als sei er ständig auf der Suche nach neuem Input. Ein Ende seines Schaffens ist nicht abzusehen.

„Ich muss arbeiten“, sagt Hampel. Und: „So lange es mich gibt, wird es neue Musik von mir geben.“ Sein Job sei es, Monumente zu schaffen, Stücke, die man in 100 Jahren immer noch hören könne. Das klingt nicht eben bescheiden, entspricht aber dem, was bereits um Hampel herum passiert. 1997 wurde ihm der Niedersächsische Staatspreis verliehen, 2007 die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen. Für sein Lebenswerk wurde Hampel 2007 mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet, 2009 folgte schließlich das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Hampel berichtet über seine Preise wie auch über die meisten Erlebnisse in Nebensätzen. Viel mehr Zeit widmet er manchmal philosophisch, manchmal esoterisch anmutenden Gedanken über das Sein, den „Spirit“, der durch eine besondere Lebensweise erlangt werden könne, über Gemeinschaft und Kreativität, über Individualismus, den Glauben an ein höheres Wesen, über die Bedeutung eines wachen Geistes – und über die relative Größe Zeit, die im intensiven Gespräch mit ihm wie im Fluge vergeht. Der Titel eines seiner Alben lautet „Time is now“. Wie passend.