Gustav Ickler

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Gustav Ickler

Gustav Ickler war ein nationalliberaler Politiker. 1912 konnte er sich in Göttingen gegen einen Sozialdemokraten durchsetzen. Dazu Klaus Wettig:

Ein stets umkämpfter Wahlkreis

Als die Wahlkreisarchitekten 1871 die Wahlkreise zuschnitten, in denen bei der ersten Reichstagswahl am 3. März 1871 die Abgeordneten für das neu gegründete Deutsche Reich gewählt werden sollten, konnten sie nicht ahnen, dass die Wahlergebnisse ihres in Südniedersachsen gebildeten Reichstagswahlkreises Kontinuität bis in unsere Tage zeigen. Zum Reichstagswahlkreis 162, die Nr. 12 in der nach der Annektion des Königreichs Hannover durch Preußen 1866 gebildeten Provinz Hannover, wurden die Landkreise Duderstadt, Göttingen, Hann. Münden und der Stadtkreis Göttingen zusammen gefügt, dies ist mit kleinen Veränderungen durch die Kreis- und Gemeindereform 1972 auch der heutige Bundestagswahlkreis Göttingen. Soviel Kontinuität findet sich in der deutschen Wahlgeschichte selten.

Auffällig war der Wahlkreis Göttingen von Anfang an durch die erbitterte Konkurrenz zwischen Nationalliberalen und Welfen, die als Anhänger des 1866 vertriebenen hannoverschen Königs mit einer Oppositionspartei zur bismarckschen Politik antworteten. Über diesen Konflikt schreibt der hannoversche Journalist Flathmann von der führenden liberalen Tageszeitung „Hannoverscher Courier“: „In der Provinz Hannover bildeten sich zwei Hauptgruppen von Wählern, dies ich bei den Parlamentswahlen heftig befehdeten: Auf der einen Seite der nach der Annexion vielfacher Privilegien verlustig gegangene frondierende hannoversche Adel mit seinem Anhang, auf der anderen Seite das nationalgesinnte, intelligente Bürgertum…“ Im Wahlkreis 162 stellte dieses Bürgertum die Mehrheit in den Städten Göttingen und Hann. Münden, auf dem Lande sorgte der Landadel für politische Mehrheiten zugunsten der welfischen Partei. Eine Sonderstellung nahm über vier Jahrzehnte der Landkreis Duderstadt ein, dessen Wählerschaft zu über 90 Prozent katholischen Glaubens ist und dem Zentrum folgte. Wenn das Zentrum keinen eigenen Kandidaten aufstellt, stimmen sie gegen die Liberalen, die sie als Kirchenfeinde ansehen, und für den Welfen. Kommt es zu einer Stichwahl, wählen sie immer im 2. Wahlgang den welfischen Kandidaten.

Wie hart der Konflikt zwischen der preußischen Regierung und den Anhängern des Welfenhauses ausgetragen wird, belegt die Internierung einiger Welfenanhänger während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, als die

preußische Regierung aktive Welfenanhänger internieren lässt, weil sie deren Kollaboration mit Frankreich vermutet.

Die Vorherrschaft der welfischen Vertreter im Reichstag, zunächst Reinhard von Adelebsen vom Gut Friedland, gefolgt von Götz von Olenhusen vom Gut Olenhusen (1884-1912), wird nur einmal unterbrochen, als der nationalliberale Tiermediziner Prof. Esser 1887 für drei Jahre in den Reichstag einzieht.

Ihm hilft bei der Wahl sein katholischer Glaube, der den Widerstand des „ultramontanen“ Eichsfelds abmildert, wie sein Wahlerfolg kommentiert wird.

Die Sozialdemokraten begnügen sich lange mit Zählkandidaten, die ihren wenigen Anhängern die Chance zur Wahl eines eigenen Kandidaten geben. Da die schwache Partei ihre Kandidaten – besonders in Preußen – nicht vor beruflichen und wirtschaftlichen Nachteilen schützen konnte, musste sie Kandidaten suchen, die solchen Nachteilen ausweichen konnten: Mitarbeiter der zunächst geringen Zahl von Parteidruckereien und –zeitungen, Setzer, Drucker, Redakteure, Gewerkschaftssekretäre, oder Gastwirte eines Verkehrslokals der Sozialdemokraten. Diese wenigen Unangreifbaren kandidierten häufig in mehreren Wahlkreisen, was das Reichstagswahlrecht erlaubte.

Der erste Zählkandidat in Göttingen war der Bremer Gastwirt Frick, von dem wir nur wissen, dass er in mehreren Wahlkreisen antrat, überall erfolglos, aber die Fahne der Partei hielt er hoch. Seine Wahlergebnisse lassen die Sozialdemokratie als politische Sekte erscheinen: 1874: 79; 1877: 197; 1878: 76; 1881: 43 Stimmen. 1884 tritt dann erstmals der Kaufmann Wilhelm Pfannkuch aus Kassel an. Als er 1893 zum letzten Mal kandidiert, hat er die sozialdemokratischen Stimmen auf 3950 Stimmen gesteigert. Der gelernte Tischler Pfannkuch macht andernorts politisch Karriere. Da die Kandidatur in mehreren Wahlkreisen möglich war, wird er erstmals 1884 in Hamburg in den Reichstag gewählt. 1919 wird er Alterspräsident der Nationalversammlung. Eine herausragende Aufgabe erhält er als Geschäftsführer der Magdeburger „Volksstimme“, die er in der Weimarer Republik zu einer führenden Tageszeitung entwickelt.

Die reale Stärke der SPD wird erst nach dem Fall des Sozialistengesetztes 1890 sichtbar, als die Partei nicht nur in der kurzen Wahlkampfzeit legal offen auftreten kann, sondern ihre Existenz und ihre Arbeit nur noch geringen Beschränkungen unterliegt: den üblichen Schikanen gegen Kritiker der kaiserlichen Regierung durch Polizei und Unternehmer.

Schon 1890 ist Götz von Olenhusen in der Stichwahl nur erfolgreich, weil ihm die 3.000 Stimmen für Pfannkuch aus dem 1. Wahlgang nun zufallen. Seitdem gilt, wie Flathmann in seiner Untersuchung über die Reichstagswahlen feststellt: „In den Stichwahlen haben die Sozialdemokraten bisher ohne Ausnahme zu Gunsten des welfischen Candidaten votiert und diesem damit sehr häufig zum Siege verholfen; es kann ohne die nachdrückliche Unterstützung der Sozialdemokratie heute kaum noch ein Welfe in den Reichstag kommen.“

Diese in vielerlei Hinsicht merkwürdige Wahlkoalition wird in unserem Reichstagswahlkreis noch verstärkt durch das Wahlverhalten der Zentrumswähler. Das im Kulturkampf gegen Bismarck entstandene Zentrum hat als Partei der katholischen Bevölkerung außerhalb des Landkreises Duderstadt nur wenig Anhänger, denn in der Stadt Göttingen und Münden liegt der katholische Bevölkerungsanteil damals unter 10 Prozent. Meistens verzichtet das Zentrum auf eigene Kandidaten und ruft zur Wahl des Welfen-Kandidaten auf.

In der Stichwahl zwischen den beiden höchstnotierten Kandidaten kommt ein Sozialdemokrat erstmals 1903. Jedoch unterliegt Berthold Heymann gegen Götz von Olenhusen. Auch Heymann war ein Zählkandidat in mehreren Wahlkreisen. Seine weitere politische Karriere findet in Württemberg statt, wo er nach der Novemberrevolution 1918 sogar kurzzeitig Kultusminister wird, 1933 flieht er vor der nationalsozialistischen Verfolgung in die Schweiz.

Dass Heymann das SPD-Ergebnis verbessern kann, ist eine Folge des veränderten Wahlrechts ab 1903. Bis dahin musste jede Partei selbst für ihre Stimmzettel sorgen, die im Wahllokal in die Urne zu werfen waren, und es gab keine Wahlkabinen. Die geheime Wahl war damit eine Farce, denn die Mitglieder des Wahlvorstandes konnten über die Stimmzettel die Wahlentscheide registrieren. Die soziale Kontrolle des Wahlverhaltens war damit außerhalb der Städte Göttingen und Hann. Münden gesichert, denn nur dort waren die Wahlbezirke groß und die Chancen für Sanktionen geringer. Das galt nicht für den Landkreis Duderstadt, wo das Abweichen von der ausschließlichen Zustimmung zum Zentrum nicht geduldet wurde, ebenso galt dieses nicht für die Landgemeinden, wo der Landadel seine Pächter und Landarbeiter am Wahltag kontrollierte.

Auch der Wahlkampf unterlag vielen Beschränkungen für die Sozialdemokraten. Die lokalen Medien „Göttinger Tageblatt“ und „Göttinger Zeitung“ unterstützten die nationalliberalen Kandidaten, diese Haltung nahm im Landkreis Münden auch die „Mündenschen Nachrichten“ ein, nur die kleinere Zeitung „Mündener Tageblatt“ berichtete über die SPD. Im Landkreis Duderstadt verfolgte die „Südhannoversche Volkszeitung“ eine lupenreine Zentrumslinie. Berichte über die SPD gab es nicht. Erst ab 1919 konnte die SPD mit der Gründung des „Volksblattes“ einen gewissen Ausgleich erreichen.

Wahlkampf hieß vor 1918 Propaganda von Mund zu Mund. Die elektronischen Medien existierten noch nicht, selbst Telefon hatten nur einige hundert Wähler im Wahlkreis. In Preußen war die Plakatierung durch Parteien durch Polizeirecht eingeschränkt. Wahlversammlungen auf dem Lande wegen geringer Mobilität kaum möglich, denn ein Auto besaß kaum einer der Kandidaten. Allenfalls die an den Bahnstrecken liegenden Orte konnte man aufsuchen.

In der Reichstagswahl 1912, deren 1. Wahlgang am 12. Januar stattfand, ging die Welfenpartei geschwächt, da der Bund der Landwirte erstmals mit einem eigenen Kandidaten aufwartete. Von Olenhusen konnte sich nur auf die Welfen und seine Bundesgenossen vom Zentrum stützen, in dessen Fraktion er im Reichstag stets hospitierte, da seine Partei keine Fraktionsstärke erreichte. Die Nationalliberalen präsentierten mit Gustav Ickler einen Idealkandidaten: Ickler war kein Professor oder Unternehmer wie seine Vorgänger. Der Vorschlosser Ickler bei der Reichsbahn war Arbeiter, wenn auch bei einem Staatsbetrieb – der Eisenbahnhauptwerkstätte, dem späteren Reichsbahnausbesserungswerk. Politisch wurde er dem linken Flügel der Nationalliberalen zugerechnet. Sein politisches Profil wirkte auch auf Anhänger der Sozialdemokraten, sodass am Abend des 12. Januar die Überraschung perfekt war: Nicht Götz von Olenhusen befand sich in der Stichwahl, sondern Ickler und der Sozialdemokrat Kurt Mey. Auch der in Hannover arbeitende Gewerkschaftssekretär Mey war nur als Zählkandidat nach Göttingen gekommen. Mey lag mit 7.986 Stimmen vorn, Ickler folgte mit 7.138 Stimmen, von Olenhusens 6.236 Stimmen brachten ihn nicht in die Stichwahl. Die 2.946 Stimmen für den Kandidaten des Bundes der Landwirte warfen ihn aus der Konkurrenz. Seine Reichstagskarriere endete nach 26 Jahren.

Die Stichwahl am 22. Januar mit der erstmaligen Konkurrenz eines Nationalliberalen mit einem Sozialdemokraten entschied Ickler knapp für sich: er gewann 10.470 Stimmen, auf Mey entfielen 9.098 Stimmen. Entscheidend war, dass die Treue der Sozialdemokraten zugunsten der Welfen-Kandidaten in früheren Stichwahlen jetzt von den welfischen Wählern nicht honoriert wurde. Die politische Differenz zur SPD war zu groß, sodass die Wahl von Ickler naheliegender war. Auch vom Zentrum und dem Bund der Landwirte profitierte Ickler wegen der Distanz dieser Wähler zur Sozialdemokratie.

Gustav Ickler gehörte dem Reichstag bis 1918 an. In der Weimarer Republik schloss er sich der linksliberalen DDP an, wirkte jedoch nur noch lokalpolitisch. Der unterlegene Kurt Mey setzte seine politische Arbeit in Hannover fort, erleidet nach 1933 Verfolgungen durch die Nazis und wird 1944 im Rahmen der „Aktion Gewitter“, die sich nach dem Attentat auf Hitler gegen Nazigegner richtet, in das KZ Neuengamme eingeliefert, dort stirbt er am 24. Oktober.

Das welfische Lager besteht, wenn auch geschwächt, in der Weimarer Republik weiter als Deutsch-Hannoversche Partei. Nach 1945 gründen die Reste dieser Strömung die Deutsche Partei, die landespolitisch durchaus Bedeutung hat, mit Heinrich Hellwege sogar von 1955 bis 1959 den Ministerpräsidenten stellt und in Bonn ein treuer Koalitionspartner Adenauers ist, bis ihre Reste 1960 in die CDU eintreten.