Hochwasser in Göttingen

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Drei Tage Hochwasser in der Universitätsstadt

Anfang Februar 1909 schneit es in Göttingen noch stark. Plötzlich tritt Tauwetter ein. Es wird deutlich wärmer und beginnt stark zu regnen. Bäche und Flüsse schwellen schnell an und treten über die Ufer. Ein Hochwasser ereilt vom 4. bis 6. Februar die Region und auch die Stadt Göttingen.

Der Bahnhofsvorplatz beim Hochwasser 1909.

Dörfer werden überschwemmt, der Eisenbahnverkehr wird zum Teil unterbrochen, da die Schienen unter Wasser stehen. In Weende überschwemmt die Lutter einen Teil des Dorfes. In Göttingen ergießt sich die Leine in die Stadt, die binnen weniger Stunden überflutet wird. Rosdorfer Weg, Wiesen- und Bürgerstraße, Neustadt, Waageplatz, Goetheallee, Anger-, Garten- und Groner-Tor-Straße werden teilweise meterhoch überspült. Viele Haushaltsgegenstände schwimmen auf dem Wasser umher. Die Schulen an der Bürgerstraße werden geschlossen. Schulkinder, die morgens noch zur Schule gegangen sind, werden auf Anweisung des Magistrats mit Wagen nach Hause gebracht. Aus der Knaben-Mittelschule (heutige Voigt-Realschule) an der Bürgerstraße werden die letzten Kinder erst am frühen Abend um 17.30 Uhr geborgen. Das öffentliche Leben kommt teilweise zum Erliegen. Die städtische Brauerei muss den Betrieb einstellen, da die Kessel unter Wasser stehen. Im Hof schwimmen die Fässer umher. Gegen Abend ist in den meisten Häusern das Heizungsmaterial aufgebraucht, so dass die Öfen ausgehen. Der Telefonverkehr in der Stadt ist an manchen Stellen gestört. In einer Zigarrenfabrik wird eine große Menge Tabak vernichtet. In den Überschwemmungsgebieten werden die Kellervorräte vernichtet. Aus den Abortanlagen steigt der Unrat in die unteren Wohnräume. In manchen Häusern kampieren Ziegen, Schweine, Kaninchen und Hühner in Wohn- und Schlafzimmern. An den Hilfsaktionen sind neben Militär und Feuerwehr auch Studenten beteiligt. Einige machen sich allerdings auch ein Vergnügen daraus, auf Flößen durch die überschwemmten Straßen zu gondeln. Abends kommen 24 Pioniere aus Münden, denen mit einem Extrazug Boote folgen. Mit diesen fahren die Pionieren in den überfluteten Straßen umher und bringen den Einwohnern frisches Wasser, Lebensmittel und Heizmaterial. Gerüchte, dass drei Kinder ertrunken sein sollen, bestätigen sich nicht. Menschen kommen bei dem Hochwasser in Göttingen nicht zu Schaden, aber es ertrinkt viel Kleinvieh in den Ställen.

Das Wasser zieht sich zu

Als sich das Wasser in Göttingen allmählich zurückzieht, bleibt ab dem 5. Februar Schlamm auf den Bürgersteigen zurück. Das Pflaster ist stark ausgespült. Die Anlagen am Bahnhof und am Langensalza-Denkmal „sind gänzlich vernichtet“. Am alten Marienfriedhof an der Otto-Frey-Brücke sind die Gräber teilweise bloßgelegt und die Grabsteine weggeschwommen. Hann. Münden ist von dem Hochwasser ebenfalls schwer betroffen. Fulda und Werra führen Eisschollen, Baumstämme, Gartenzäune, Wagen und verendetes Vieh mit sich. Der Tanzwerder gleicht einem großen See. Der Weserstein verschwindet in den Fluten, nur Bäume und Häuser ragen heraus. Der an der Werraseite gelegene Teil Hedemündens steht unter Wasser. Auch in Northeim werden mehrere Straßen überspült. Im Göttinger Tageblatt erscheint ein „Aufruf an die Bürgerschaft“, der von Oberbürgermeister Georg Friedrich Calsow unterzeichnet ist. Zur Linderung der Not würden neben Bargeld Kleider, Betten und Lebensmittel benötigt, heißt es in dem Aufruf. Schnell kommt eine größere Spendensumme zustande. Der entstandene Schaden ist enorm. Die Überschwemmung im Februar 1909 führt dazu, dass der Hochwasserschutz intensiviert wird. Ein Hochwasserbett für die Leine wird geplant. Die schwierigen Arbeiten beginnen aber erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und ziehen sich bis 1924 hin. Dennoch kommt es auch in den späteren Jahrzehnten immer wieder zu starken Schäden durch Hochwasser. Ganz ausschalten lassen sich die Elemente eben bis heute nicht.


Immer wieder starke Schäden

In der Geschichte Göttingens gab es viele Hochwasser, unter denen das von 1909 herausragt. Doch auch andere Überflutungen richteten erhebliche Schäden an. Hier sind einige schwere Überschwemmungen der vergangenen Jahrzehnte dokumentiert:


Reißende Sturzbäche

• Juli 1956: Am Nachmittag des 14. Juli entladen sich schwere Gewitter mit wolkenbruchartigen Regenfällen über der Region. Die Regenfälle halten bis Sonntagnachmittag an. Das Tageblatt berichtet, dass sich in kurzer Zeit kleine Rinnsale und Wege in reißende Sturzbäche verwandeln. Bäche und vor allem die Leine steigen über die Ufer. Die Landstraße zwischen Stockhausen und Obernjesa, die Eisenbahnlinie bei Obernjesa, die Bundesstraße 27 zwischen Friedland und Göttingen stehen zum Teil bis zu einem Meter unter Wasser. Schutt und Geröllmassen und in Reckershausen sogar Kopfsteinpflaster werden von den Bergstraßen heruntergespült und blockieren an vielen Stellen die B 27. Bei Groß Schneen wird sie unterspült und bricht ein. Mehrere Straßen werden gesperrt. In Elkershausen bildet die Dorfstraße zwölf Stunden lang einen großen See. Auf den Feldern entstehen teils schwere Schäden; das Vieh kann aber meistens gerettet werden. In Göttingen ist die Stegemühle vom Wasser eingeschlossen. Am Weg zum Kehr wird eine große Weide unterspült und stürzt auf die Straße. Nur wenige Tage später gehen am 20. Juli wieder schwere Regenfälle nieder. Bereits ausgepumpte Keller laufen erneut voll.


„Schreckensnacht“

• Juni 1961: „Schreckensnacht über Südhannover“ titelt das Tageblatt am 3. Juni. Zuvor geht ein Unwetter „mit nicht enden wollenden Gewittern“ über dem südhannoverschen und nordhessischen Raum nieder. In Geismar gleicht der Mittelberg laut Tageblatt einem Bachbett. In Grone werden Gerüstteile und Steine über die Straße geschwemmt; der Rehbach wird zu einem riesigen See, der Sportplatz und die umliegenden Gärten sind überflutet. In Weende laufen zahlreiche Keller voll. Auch in das Filmtheater „Sternchen“ dringt das Wasser ein. Auf der B 27 zwischen Stockhausen und Niedernjesa wird eine Brücke über dem Wendebach weggeschwemmt. Die Gegend zwischen Waake und dem Södderich steht unter Wasser. In Reinhausen reißt ein angeschwollener Bach eine 60 Zentimeter dicke Mauer weg. Neben Reinhausen sind Reiffenhausen, Diemarden, Bremke und Wöllmarshausen besonders stark betroffen. Einiges Kleinvieh stirbt, aber auch ein Rind kommt in den Fluten um. Menschen kommen in der Region nicht zu Schaden, aber in Norddeutschland sterben acht Menschen durch Blitzschlag oder das Hochwasser.


Kanaldeckel hochgespült

• Juni 1969: Gleich an mehreren Tagen vom 14. bis 19. Juni gibt es schwere Gewitter über Südniedersachsen. In Göttingen werden Keller, Garagen und Baugruben überschwemmt und Kanaldeckel hochgespült. Betroffen sind unter anderem das Industriegebiet, Grone und Geismar. In Reinhausen steht ein Gehöft unter Wasser. In Duderstadt werden Felder und Straßen überflutet.


Katastrophenalarm

• Juni 1981: Schwere Gewitter mit sintflutartigen Regenfällen führen dazu, dass in den Landkreisen Göttingen, Northeim und im Werra-Meißner-Kreis Katastrophenalarm ausgelöst wird. Herberhausen ist durch Sturzbäche zwischenzeitlich von der Außenwelt abgeschnitten. Im Landkreis werden Wohnungen, Keller, Ställe, Bahngleise, Straßen und Felder überflutet, es gibt Erdrutsche. Das Krankenhaus St. Martini in Duderstadt steht teilweise unter Wasser. Viele Schulen in den Kreisen Northeim und Göttingen bleiben einen Tag lang geschlossen. Einiges Kleinvieh ertrinkt. Als in Northeim ein Rhumedamm bricht, stehen weite Teile der Stadt unter Wasser.


Überflutete Felder

• September 2007: Lang anhaltende Regenfälle am Ende des Monats führen am 29. September zu Hochwasser. Felder werden überflutet, Keller laufen voll, es gibt Unfälle durch Aquaplaning, viele Straßen sind unpassierbar. Im Kreis Göttingen sind am schwersten betroffen: Lödingsen an der Schwülme, Landolfshausen an der Suhle, Diemarden an der Garte, Rosdorf am Luhbach und Niedernjesa an der Leine. Dort sind Straßen bis zu 50 Zentimeter hoch überflutet. In Lödingsen ist es bereits das dritte Hochwasser seit Pfingsten. In Landolfshausen und Rosdorf werden auch die Schützenhäuser teilweise überflutet. In Göttingen müssen zahlreiche Keller im Blümchenviertel und in Holtensen leer gepumpt werden. Die Merkelstraße und Jheringstraße sind zeitweise überschwemmt.