Horst Kern

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Horst Kern

Der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Horst Kern war von Oktober 1998 bis Dezember 2004 Präsident der Georg-August-Universität Göttingen.


Bilanz seiner Amtszeit: Universitätspräsident Horst Kern über das Amt und die Stiftung, über Rückgrat und Achillesferse

"Mannschaft zusammen, die etwas bewegen will und kann"

Seine Amtszeit war gekennzeichnet von großen Veränderungen an der Georg-August-Universität. Seit sechs Jahren ist Prof. Horst Kern Präsident der Georgia Augusta - nur noch wenige Tage: am 31. Dezember endet die Präsidentschaft des 64-jährigen Soziologen.

Schon bei seinem Amtsantritt im Oktober 1998 hatte sich Horst Kern viel vorgenommen. Der Organisationssoziologe, seit 1977 Professor in Göttingen und von 1995 bis 1997 Vizepräsident der Universität, stellte für seine erste Wahlperiode bis 2002 Profilbildung, Transparenz, Globalhaushalt, Internationalität und Attraktivitätssteigerung der Göttinger Universität obenan.

Der Globalhaushalt wurde 2000 realisiert. "An Transparenz haben wir sowohl im Akademischen wie auch im finanziellen und administrativen Bereich gewonnen. Internationalität drückt sich unter anderem in der Zahl ausländischer Studierender aus, hier sind wir ein gutes Stück vorangekommen. So ist die Zahl auf über 12 Prozent gestiegen, unter den Neuimmatrikulierten sind es sogar bis zu 24 Prozent. Die internationalen Forschungskontakte sind vorangekommen. Für unsere Größenordnung nehmen wir einen Spitzenplatz in internationalen Studienprogrammen ein. Und wir haben auch insgesamt eine positive Entwicklung der Studentenzahlen, obwohl heute schneller studiert wird. Daraus kann man schließen, wir sind attraktiv. Insbesondere gilt das für unsere kleinen aber feinen Studiengänge Molekularbiologie, Neurowissenschaften, Mediävistik oder International Economics. Wenn wir in Molekularbiologie auf 20 Plätze jährlich 500 Bewerbungen weltweit erhalten, dann zeigt das, dass wir wirklich attraktive Studiengänge entwickelt haben. Das schlägt sich in der Masse nicht nieder, weil diese Programme, so könnte man es sagen, Elitestudiengänge sind."

Ausbalanciertes Verhältnis

Geplant war, "die Verwaltung zu reorganisieren mit neuen Strukturen und neuen Aufteilungen in der Wahrnehmung von Aufgaben". Das hat sich nach Ansicht von Kern auch deshalb als notwendig erwiesen, weil in seine Amtszeit "eine sehr große Veränderung, an der viele mitgewirkt haben" fiel: Die Überführung der Georg-August-Universität in eine Stiftung Öffentlichen Rechts. "Es war ein sehr intensiver, komplizierter Prozess bis zur Stiftungsgründung im Januar 2003", sagt Kern rückblickend. Bereits bei seinem Amtsantritt habe er das Ziel gehabt, "das Verhältnis zwischen Universität und Staat wieder in die Balance zu bringen". Dieses über eine Stiftungskonstruktion zu erreichen, ermöglichte jedoch erst ein neues Gesetz im Jahr 2002, das Jahr, in dem Kern auch für weitere zwei Jahre wieder zum Präsidenten gewählt wurde.

"Die Stiftung ist ein guter Schritt in die richtige Richtung zu mehr Selbstverantwortung der Universität. Die Achillesferse der jetzigen Konstruktion ist jedoch das Fortbestehen des Angewiesenseins der Universität auf die Finanzhilfe des Landes. Ungefähr 80 Prozent unserer Mittel sind nach wie vor Landesmittel. Die Stiftung ist ein Ansatz, diese Relation zu verändern. Dadurch, dass wir als Stiftung gegenüber nichtstaatlichen Geldgebern eigenständig dastehen, stehen wir glaubwürdig dafür, dass diese Mittel nicht in den großen Haushalt des Landes einfließen, sondern für die Universität gebunden sind. Aber die Ersetzung der staatlichen Finanzhilfe, auch nur eines relevanten Teils, durch hinzugeworbenes Kapital ist ein ganz, ganz langer Prozess", erläutert Kern.

Ein entscheidender Vorteil der Stiftung ist die volle Berufungskompetenz der Universität. Kern: "Über Berufungen entscheidet heute das Präsidium und der Stiftungsrat muss mit der Entscheidung einverstanden sein. Ist er es nicht, beginnt das Verfahren erneut. Früher erhielt das Ministerium drei Vorschläge von der Universität und wählte eine Person aus, ohne Rückbindung mit der Universität. Jetzt ist es eine Frage unseres Sachverstandes und des Sachverstandes von außen, den die Mitglieder des Stiftungsrates einbringen. Und was für Berufungen gilt, gilt beispielsweise auch für das Gebäudemanagement. Die Kompetenz lag früher bei der staatlichen Bauverwaltung mit ihren Hierarchien. Jetzt liegt die Kompetenz bei uns: wir bringen ein Projekt auf den Weg und es wird von unserer Bauverwaltung von der Planung bis zur Ausführung betreut. Alles bleibt in einer Hand".

Schon im Jahr ihrer Gründung zeigte sich die "Achillesferse" der Stiftungsuniversität sehr deutlich. Die neue CDU/FDP-Landesregierung verringerte die Zuschüsse für alle Hochschulen. Für Kern die schwierigste Zeit seiner Präsidentschaft: "Es waren nicht die Einsparungen allein, sondern die Plötzlichkeit, mit der sie über uns hereinbrachen. Wir hatten bereits seit Jahren bedeutende Einsparungen geleistet, die aber mit der Erwartung, dass ein Ende in Sicht sei. Wir hatten eine feste Zusage der Landesregierung, die bis 2006 den Etat von 2001 garantiert hatte. Die neue Landesregierung hat 2003 dann die erneuten Sparauflagen gemacht - das hat alle Planungen durcheinander gebracht. Enorme Belastungen waren das für die gesamte Universität, für das Präsidium und auch für mich".

In der Zeit hat Kern aus seiner Kritik keinen Hehl gemacht. Erstmals gab es in der Aula der Universität ein gemeinsames Tagen von Stadtrat, Kreistag und Uni-Senat. Verabschiedet wurde eine gemeinsame Resolution gegen den Sparkurs. Demonstrationen in Göttingen und Hannover folgten. Und dennoch erfolgte die Kürzung der Landesmittel mit Konsequenzen für alle Fakultäten bis hin zu Schließungen von Instituten.

Wirkliche Schwierigkeiten

"Was da passiert ist, hatte ich bis dato nicht für möglich gehalten", kommentiert Kern die Erkenntnisse, die wissenschaftliches Fehlverhalten an der Universität aufdeckten. Die Veröffentlichungen zur Vakzinetherapie bei Nierenzellkarzinomen und der klinische Heilerfolg an einem Neurodermitis-Patienten des Universitätsklinikums mit Hilfe einer so genannten "Blutreinigungssäule" hatten bundesweit Aufsehen erregt und mussten zurückgezogen werden.

Dieses und der Sparkurs waren "wirkliche Schwierigkeiten. Viel Freude und Befriedigung hat mir dagegen gegeben, dass wir insgesamt, im Präsidium, im Senat und im Stiftungsrat, im Verhältnis zu den meisten Fakultäten immer einen Konsens gefunden haben trotz aller Konflikte und der schwierigen finanziellen Situation, die mit sich gebracht hat, dass viele enttäuscht wurden".

An seinen Arbeitsplatz in der Aula am Wilhelmsplatz sei er immer gerne gegangen. "Positiv in Erinnerung sind mir die guten Erfolge der neuen Studiengänge, die Kooperation mit guten Partnern vor Ort, wie den Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, die Gründung der neuen Forschungszentren. Das Allerwichtigste: wir konnten hervorragende Leute nach Göttingen holen. Wir haben eine Mannschaft zusammen, die vieles bewegen kann und will. Insgesamt haben wir ein sehr gutes personelles Rückgrat. Dazu habe ich versucht, meinen Beitrag als Präsident zu leisten".

Die Universität habe ihm als Wissenschaftler "sehr gute Entfaltungs- und Arbeitsmöglichkeiten geboten", sagt Kern und verweist dabei auf die Verpflichtung, etwas zurückzugeben. "Das habe ich mit der Übernahme des Präsidentenamtes sehr gerne gemacht".

Quelle: Angela Brünjes, Göttinger Tageblatt, 27. Dezember 2004