Integrationszentrum

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Historisches Luftbild des Grenzdurchgangslagers

Friedland wurde durch das Grenzdurchgangslager weltweit bekannt. Friedlands Lage am Grenzpunkt zwischen der britsischen, amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone prädistinierte den Ort für das Lager. Auf dem Gelände des ausgelagerten landwirtschaftlichen Versuchsanstalt der Universität Göttingen errichtete die britische Besatzungsmacht am 20. September 1945 das Flüchtlingslager. Tausende Flüchtlinge, Vertriebene oder Soldaten waren während der Nachkriegsjahre auf der Suche nach Angehörigen oder einer neuen Heimat.


Die Stallgebäude wurden nach und nach um Blechbaracken, den so genannten Nissenhütten, erweitert. Das äußere Erscheinungsbild des Grenzdurchgangslager hat sich gewandelt. Mit der zeit wichen die Nissenhütten Holzbaracken und einigen Massivbauten.


Integrationszentrum Niedersachsen

Wegen rückläufiger Zahlen von Spätaussiedlern und Immigranten setzte im April 2006 eine Diskussion um die Zukunft des Grenzdurchgangslagers ein. Die FDP-Landesfraktion sprach erstmals von einer Schließung. Entscheidender Grund für den Rückgang von Spätaussiedlern und jüdischen Immigranten sind die seit dem 1. Januar 2005 geltenden Bestimmungen, nach denen die Spätaussiedler bereits in ihren Herkunftsländern den Nachweis von grundlegenden Deutschkenntnissen erbringen müssen.


Ende 2006 steht fest, dass das Grenzdurchgangslager Friedland zum Integrationszentrum Niedersachsen wird. Spätestens ab 2008 soll es durch sechsmonatige Integrationskurse für Aussiedler ausgelastet sein. Auch bayerische Spätaussiedler werden für ein halbes Jahr für die Kurse nach Friedland kommen, um Sprache und Landeskunde zu lernen. Das Land Rheinland-Pfalz plant, sich ebenfalls dem Modell anzuschließen.

Das Lager in Zahlen

Mit 155 Stellen ist das Grenzdurchgangslager der größte Arbeitgeber der Gemeinde Friedland. Ende 2004 waren aber nur 143 Mitarbeiter beschäftigt.

Für Personalkosten standen 2004 rund 5,1 Millionen Euro zur Verfügung. Weitere 800000 Euro gab das Lager für Tranporte aus - hauptsächlich für die Fahrten der Neuankömmlinge in ihre neuen Wohnorte. Weitere 250000 Euro werden für bauliche Unterhaltung ausgegeben. Noch einmal 25000 Euro kostet die Kfz-Unterhaltung.

Erhebliche Summen gehen in die Bewirtschaftung. So müssen etwa 370000 Euro für Strom, Gas, Wasser und Müllabfuhr ausgegeben werden. Allein die Reinigungsmittel schlagen mit 70000 Euro zu Buche. Weitere 100000 Euro kostet die Reinigung von Bettwäsche und Dienstkleidung. Post und Telefon stehen mit 25000, das Büromaterial mit 90000 Euro im Etat. (GT November 2005)

2008

Die Zahl der Spätaussiedler aus Ländern der früheren Sowjetunion hat im ersten Quartal 2008 einen historischen Tiefstand erreicht. Von Januar bis März trafen nur noch 600 Menschen im Grenzdurchgangslager Friedland ein. Im ersten Quartal 2007 hatte die Zahl noch doppelt so hoch gelegen. Grund für den anhaltenden Rückgang ist das Zuwanderungsgesetz. Danach müssen nicht nur deutschstämmige Aussiedler, sondern auch deren Partner deutsche Sprachkenntnisse nachweisen, wenn sie in die Bundesrepublik übersiedeln wollen. Den bisherigen Minusrekord hatte es 2007 mit etwa 6000 gegeben.

Schicksale in Zahlen

Gut vier Millionen Menschen sind im Grenzdurchgangslager Friedland angekommen. Hinter dieser Zahl verbergen sich mehr als vier Millionen Schicksale - von den Flüchtlingen und Evakuierten der ersten Tage bis hin zu Spätaussiedlern.

Spätheimkehrer bis 1973

Die Statistik des Lagers führt alles säuberlich auf: Allein rund 900000 Flüchtlinge und Evakuierte schleuste das Lager von 1945 bis 1947 durch. Weitere 265506 Evakuierte kehrten bis 1954 von West nach Ost zurück. Heimkehrer aus Kriegsgefangenschaft wurden in den ersten beiden Jahren nur etwas mehr als 50000 gezählt. Danach steigerten sich die Zahlen bis 1948 auf durchschnittlich 150000. Erst im Jahr 1973 wurden die letzten Spätheimkehrer registriert. Insgesamt kehrten 567277 Menschen aus Kriegsgefangenschaft über Friedland zurück.

Ab 1950 setzte die Aussiedlung und Rückführung Deutscher aus Polen und der Sowjetunion ein. Die Statistik unterschied zunächst nicht zwischen jenen, die nach dem Krieg aus den russisch oder polnisch besetzten deutschen Ostgebieten noch vertrieben wurden, und jenen, die wie die heutigen Spätaussiedler seit Generationen als Deutsche in der Sowjetunion lebten. Insgesamt sind bis heute rund 2,15 Millionen Aussiedler registriert, davon knapp 930000 aus den Staaten der früheren UdSSR.

Fast 12000 Ausländer durchliefen in den 60 Jahren das Lager, davon allein 3555 Ungarn, die während des Aufstandes 1956 aus ihrer Heimat flüchteten. Seit 1998 werden auch jüdische Emigranten aus den GUS-Staaten aufgenommen, insgesamt bisher 4220 Menschen.

Boat-People und Tamilen

Weiteren Flüchtlingen aus Krisengebieten wurde geholfen, etwa 1973 ersten Asylbewerbern aus Chile. 1978 kamen die ersten Boat-People, Menschen, die aus Vietnam flüchteten und von internationalen Helfern in internationalen Gewässern vor ihrer Heimat aus überfüllten Booten gerettet wurden. 1984 mussten Tamilien aus Sri Lanka aufgenommen werden, 1990 dann rund 370 Albaner.

In den Jahren vor der deutschen Wende stieg die Zahl der Friedland-Gäste noch einmal sprunghaft an. Bereits 1988 kamen fast 15000 Deutsche ins Lager, die die DDR über Ungarn oder Tschechien verlassen hatten und in die Bundesrepublik flohen. 1989 waren es noch einmal 14364, 1990 weitere 9473. Damals musste gar die Friedländer Turnhalle geräumt werden, um allen Menschen Aufnahme zu bieten. (GT September 2005)


Statistik der Lagerküche

Für rund 280000 Euro kauft die Küche jährlich Lebensmittel. Beachtliche Zahlen kommen zusammen. 268450 Brötchen, 9825 Weißbrote und 8480 Graubrote wurden 2004 verspeist. Marita Holzigel hat für die Tageblatt-Leser ausgerechnet, welche Massen sonst noch verbraucht wurden:

15,625 Tonnen Kartoffeln und 2,460 Tonnen Nudeln wurden gegart, dazu 75960 Eier verbraucht. Zu den 7554 KiloWurstwaren kamen weitere 1988 Wurstportionen für die Lunchpakete (je 25 Gramm). Dazu 175600 Käseecken sowie 46560 Stück Frischkäse und 3924 Kilogramm Scheibletten.

Beim Fleischverbrauch spiegeln sich Essgewohnheiten wider: Überwiegend Rindfleisch (4417 Kilogramm) und Geflügel (3214). Nur 270 Kilogramm Schwein, 475 Kilo Lamm sowie 3900 Portionen Fisch weist die Statistik aus. Auch der Hang zu Kohlgemüse wird klar: 1360 Kilo Weißkohl und 1240 Kilo Suppengemüse, dazu 840 Kilo Karotten und 150 Kilo Spargel pro Jahr. Getrunken wird viel Tee (612 Kilo), Milch (5492 Liter) oder Instant-Kaffee (294 Kilo), aber nur wenig Bohnenkaffee (120). Zum Nachtisch und ins Lunchpaket gab es jede Menge Äpfel (19628 Kilo) sowie 2422 Kilo Bananen. (GT November 2005)