Jüdisches Lehrhaus Göttingen

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Lernnachmittag: Petra Hangaly, Olga Markova und Eva Tichauer Moritz (von links) bearbeiten ein Thema

Das Jüdische Lehrhaus Göttingen ist eine jüdische Bildungseinrichtung mit Sitz in Göttingen und führt die Bezeichnung: „Jüdisches Lehrhaus Göttingen e.V.“ Zweck des Lehrhauses ist die Förderung und Durchführung von Bildungsangeboten, und zwar insbesondere die Pflege und Vermittlung jüdischen Kulturgutes: Bildung, Lehre und Traditionspflege sowie jüdische Wissenschaft; dazu zählen auch interreligiöse Begegnungen und Gespräche, kulturelle Veranstaltungen, Tagungen, Konferenzen, Vorträge, Kurse, Lehrgänge, Arbeitsgemeinschaften, Exkursionen, Studienreisen und Ausstellungen sowie weitere geeignete Maßnahmen. Das Jüdische Lehrhaus ist als gemeinnützig anerkannt (Vereinsregister Göttingen: 8 VR 2632; Finanzamt Göttingen 20/206/19789).

Eröffnung

Das Jüdische Lehrhaus Göttingen wurde am 16. Juni 2002 im Beisein des Schirmherrn, Ministerpräsident Sigmar Gabriel, im Alten Rathaus in Göttingen eröffnet. Die Förderung und Durchführung von Bildungsangeboten ist der Zweck des Lehrhauses,wobei insbesondere die Pflege und Vermittlung jüdischen Kulturgutes im Mittelpunkt stehen: Dazu gehören die Bildung, Lehre und Traditionspflege sowie die jüdische Wissenschaft; zudem werden auch interreligiöse Begegnungen und Gespräche, kulturelle Veranstaltungen, Tagungen, Konferenzen, Vorträge, Kurse, Lehrgänge, Arbeitsgemeinschaften, Exkursionen, Studienreisen und Ausstellungen sowie weitere geeignete Maßnahmen im Rahmen des Jüdischen Lehrhauses angeboten.

Als Königinnen des Hauses gelten Frauen im orthodoxen Judentum. Ihnen obliegt die verantwortungsvolle Aufgabe, daheim auf die Einhaltung jüdischer Gebote zu achten. Diese Position empfindet die Vorsitzende des Vereins Jüdisches Lehrhaus Göttingen, Eva Tichauer Moritz, als Ausdruck überholter Rollenbilder. Sie selbst ordnet sich der konservativen Strömung innerhalb des Judentums zu.

Die Konservativen stehen zwischen den Orthodoxen und der dritten großen Fraktion, den Reformern. Die Orthodoxen glauben, dass Gott dem Moses auf dem Berg Sinai die Thora (die fünf Bücher Moses) Wort für Wort offenbart hat. Als Wort Gottes sei die Thora und jedes ihrer 613 Gebote bindend, erklären sie. Zugeständnisse an den Zeitgeist, etwa in der Frage der Geschlechterrollen, halten die Orthodoxen für unmöglich.

An dieser Position begann im Zeitalter der Aufklärung eine Gruppe von Juden zu zweifeln. Eine kritische Analyse der Thora führte sie zu dem Schluss, dass es mehrere Autoren gegeben hat. Geschichtliche Studien zeigten ihnen, dass die Vorstellung von der wörtlichen Offenbarung der Thora erst in der Zeit des Hellenismus unter den Paruschim (Pharisäer) aufkam. Aus der Paruschim-Bewegung entwickelte sich das rabbinische Judentum. Die Auseinandersetzung mit diesen Forschungsergebnissen empfinden die Orthodoxen als Zumutung.

Aufklärerisch gesinnte Juden haben beginnend mit dem Gelehrten Moses Mendelssohn das theologische und liturgische Erbe ihrer Religion auf den Prüfstand gestellt. Diese Diskussion wurde anfangs vor allem in Deutschland geführt: damals das intellektuelle Zentrum der jüdischen Welt. In Seesen gründete der Pädagoge Israel Jacobsohn 1810 die erste Reform-Gemeinde.

Die Reformer machen sich für eine Assimilation stark. Ihre Gemeinden lehnen sich an christliches Brauchtum an: Chor- und Orgelmusik fanden Eingang in ihre Gottesdienste. Die Reformer hinterfragen die strikte Einhaltung von Bekleidungsvorschriften und der Speisegebote. Als die erste Synode der Reformjuden 1844 in Braunschweig die Aufgabe des Hebräischen als Gebetssprache beschloss, hatten die Reformer den Bogen überspannt. Das meinte jedenfalls der damalige Dresdener Rabbiner und spätere Leiter des einflussreichen Jüdischen Theologischen Seminars in Breslau, Zacharias Frenkel (1801-1875).

Frenkel begründete die konservative Strömung des Judentums. Diese fühlt sich dem aufklärerischen Geist der Reformer verpflichtet, will aber die Gebote der Thora streng einhalten. Die Konservativen treten für die Gleichberechtigung der Frauen ein. Rabbinerinnen und Kantorinnen ordiniert das 1886 in New York gegründete Jüdische Theologische Seminar allerdings erst seit 1983.

In Göttingen kam es 1895 zum Bruch zwischen Reformern und Orthodoxen, schreibt Peter Wilhelm in seinem Buch "Die Synagogengemeinde Göttingen, Rosdorf und Geismar 1850-1942" (Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1978). Damals wurde die 1874 eingeweihte Synagoge in der Unteren Masch 10 erweitert. Strenggläubige Mitglieder stellten 1000 Mark für den Einbau eines Reinigungsbades, einer Mikwe, zur Verfügung. Der Vorstand nahm das Geld an, lehnte aber den Einbau ab. Reinigungsbäder seien religiös veraltet und allgemein störend. Der Vorstand verwendete das Geld für eine größere Orgel. Empört trat daraufhin die kleine Gruppe der Strenggläubigen aus und gründete die israelitisch-orthodoxe Gemeinde Göttingen. Die Reformer versuchten dies juristisch zu verhindern: vergeblich. Ein halbes Jahrhundert später löschten die Nazis beide Gruppen aus. Anfang der neunziger Jahre machte der Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion eine Neubelegung jüdischen Gemeindelebens in Göttingen möglich.

"Die Gemeinde war zunächst konservativ ausgerichtet", berichtet Tichauer Moritz. Sie amtierte damals als Vorsitzende. Nach ihrer Ablösung orientierte sich die Gemeinde neu. Die meisten der russischen Juden fühlen sich nach der langen Zeit der verhinderten Religionsausübung in ihrer Heimat von den liberalen Vorstellungen der Reformer stärker angesprochen.

"Mit fortschreitender Assimilation droht der Verlust der kollektiven Identität", warnt Tichauer Moritz. Sie gründete im Juni 2002 mit Gleichgesinnten den Lehrhaus-Verein, um den Erwerb von Grundkenntnissen als Basis eines bewussten Judentums zu fördern.

Der Verein orientiert sich an Franz Rosenzweig, der von 1920 bis 1927 in Frankfurt am Main das Freie Jüdische Lehrhaus leitete. Rosenzweig hatte vor der Entscheidung gestanden, seine Assimilation mit dem Übertritt zum Christentum abzuschließen. Weil er wissen wollte, was er verlässt, begann er, die Thora zu studieren. "Das Lehrhaus in Göttingen ist, wie das von Rosenzweig, unabhängig von Gemeinde und Rabbiner", betont Tichauer Moritz. Es soll sich, von der Basis getragen, frei entfalten und jeder Richtung offen stehen. Niemand soll mit Lösungen nach Hause gehen, sondern mit dem Bewusstsein, dass der Text verschiedene Deutungen zulässt, so Tichauer Moritz. Jeder müsse seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen.


Zehnjähriges Bestehen

Mit einem Festprogramm hat das Jüdische Lehrhaus am Sonnabend, 16. Juni 2012, sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Zu den Referenten zählten neben Rabbinern und Kantoren unter anderem die Dichterin Hilde Domin, der frühere israelische Botschafter Avi Primor und der Schauspieler Michael Degen.

  • Quelle: Jörn Barke, Artikel aus dem Göttinger Tageblatt vom 3.7.2012.


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