Kirchliche Zugehörigkeit von Holzerode

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Die älteste urkundliche Erwähnung unseres Dorfes in der Gründungsurkunde für das Nörtener Petersstifts im Jahre 1055 weist darauf hin, dass Holzerode kirchlich und politisch im Herrschaftsbereich des Mainzer Erzbischofs lag, denn andernfalls hätte er nicht darüber verfügen und den Ort an Nörten übertragen können.

Kirche

Wann und wie Holzerode aber in Mainzer Besitz gelangt ist, wissen wir nicht. Der kirchlichen Gliederung nach gehörte Holzerode ab 1055 zum Nörtener Stift, dessen Propst um 1100 bereits die Befugnisse eines „Archidiakons“ wahrnahm. Der Archidiakon ist der regionale Vertreter des Mainzer Erzbischofs und nimmt einen Teil von dessen Rechten und Pflichten wahr: dies sind hauptsächlich die Disziplinaraufsicht, das geistliche Gericht, die Visitation der Kirchen in seinem Sprengel, dem „Archidiakonat“. Das Nörtener Archidiakonat umfasste zwölf Erzpriestersitze (sedes) mit insgesamt rund 250 Pfarreien sowie fünfzehn Stiften und Klöstern.

Holzerode lag, wie Spanbeck, Reyershausen und die Burg Plesse, in der Sedes Nörten, die etwas mehr als 30 Pfarreien umfasste. An dieser kirchlichen Zuständigkeit änderte sich auch durch den Übergang von Holzerode in den Besitz der Herren von Plesse vor 1322 nichts. Holzerode besaß im Spätmittelalter einen Kirchenbau, der aber nicht den Rang einer Pfarrkirche hatte, sondern lediglich eine Kapelle war und zusammen mit Oberbillingshausen zunächst unter der Zuständigkeit des Pfarrers von Unterbillingshausen stand. Erst durch die Reformationszeit wandelten sich die kirchlichen Verhältnisse. Die Herren von Plesse waren seit dem Jahre 1447 durch einen Erblehnsvertrag mit den Landgrafen von Hessen verbunden und hielten seitdem enge politische Verbindungen nach Hessen. Diese engen Beziehungen führten dazu, dass Dietrich IV. von Plesse, als er nach dem Beispiel der größten benachbarten Stadt, Göttingen, im Frühjahr 1536 die evangelische Predigt in seiner Herrschaft einführen wollte, den hessischen Landgraf Philipp den Großmütigen um Entsendung eines Predigers bat. Landgraf Philipp war einer der ersten und entschiedensten Anhänger der Reformation unter den Landesherren. Bei dem aus Hessen entsandten Prediger handelte es sich um den Niederländer Petrus Wertheim, der zuvor in Münster und als Feldprediger Philipps von Hessen gewirkt hatte. In der Sakraments- und vor allem in der Abendmahlslehre wich Wertheim von der lutherischen Theologie ab, und der Reformator riet dem Edelherrn von Plesse auf dessen Nachfrage eindringlich, sich von Wertheim zu trennen und an seiner Stelle lutherische Prediger ins Land zu rufen. Petrus Wertheim blieb aber zunächst in den Diensten der Herren von Plesse; im Auftrag Dietrichs des Jüngeren war er an der Gründung der Pfarrei in Spanbeck beteiligt und berichtete darüber im Plesser Zinsregister von 1541: „Die Pfarre zu Spanbeck ist aufgerichtet durch Dietrich, den jüngern Edelherrn zu Plesse, im Jahre 1540 und zwei Dörfer dazugelegt mit Namen Oberbillingshausen und Holzerode und mit einem evangelischen Prädikanten versehen, mit Namen Herr Johann von aus Kassel. Dieser ist der erste Prädikant gewesen auf dieser neuerrichteten Pfarre.“

Der neuberufene Pfarrer Johann Capito, gebürtig aus Kassel, war zuvor Pfarrer im hessischen Wolfhagen gewesen, und nach Wolfhagen wechselte nun Petrus Wertheim – ein plessisch-hessischer Personalaustausch. Die kirchliche Orientierung der Herrschaft Plesse nach Hessen und damit zur reformierten Form des evangelischen Bekenntnisses blieb also für die Pfarrei Spanbeck bestehen, während die übrigen plessischen Pfarrer eher lutherisch orientiert waren. Erst als nach dem Aussterben der männlichen Linie der Herren von Plesse im Jahre 1571 die Herrschaft Plesse an die Landgrafen von Hessen fiel, festigte sich die kirchliche Bindung an die hessisch-calvinistische Ausprägung der Reformation.


Durch Visitationen hessischer Superintendenten ab 1572 bemühte sich Landgraf Wilhelm IV. darum, dass alle Pfarrer des neuen hessischen Amtes Plesse im reformierten Sinne predigten. Aber erst seinem Sohn, Landgraf Moritz dem Weisen, gelang es dann im Zuge der sogenannten Zweiten Reformation ab 1607, das reformierte Bekenntnis hier tatsächlich durchzusetzen, indem widerstrebende Pfarrer einfach aus dem Amt entfernt und durch calvinistische ersetzt wurden. Seither bildeten die „Plessedörfer“ – bis heute! – eine reformierte Exklave im lutherischen Umland.

Autor: Peter Aufgebauer. Aus: Festschrift 950 Jahre Holzerode, 2005