Ludwig Quidde

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Ludwig Quidde
Quiddes Wohnhaus in der Goetheallee 8

Ludwig Quidde wird am 23. April 1858 in Bremen geboren. Er ist der älteste Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. 1869 tritt er in die Sexta des bremischen humanistischen Gymnasiums ein, das er 1876 mit einem vorzüglichen Abitur beendet. 1877 schreibt er sich an der Universität Straßburg ein und belegt die Fächer Philosophie, Nationalökonomie und Geschichte.

Schon im Jahr darauf wechselt Quidde nach Göttingen und beginnt sich hier in die spätmittelalterliche Verfassungsgeschichte einzuarbeiten. Ein Thema, das ihn vor allem hinsichtlich der Bedeutung für seine Zeit nicht mehr loslassen soll.

1881 veröffentlicht Quidde seine erste, allerdings anonym erschiene, Schrift „Die Antisemitenagitation und die Deutsche Studentenschaft“. Die bringt ihm zwei Auflagen, aber auch einige Duellforderungen ein. Im gleichen Jahr promoviert Quidde an der Georg-August-Universität mit der Arbeit „König Siegmund und das Deutsche Reich von 1410 bis 1419. – Die Wahl Siegmunds“ zum Doktor der Philosophie.

Im Jahr 1885 übernimmt er die selbstständige Leitung der Reichstagsakten-Edition in Frankfurt am Main. Es handelt sich hier um die Sammlung der Dokumente der Deutschen Reichstage seit 1376. 1887 wird er Außerordentliches Mitglied der Historischen Kommission der Bayrischen Akademie der Wissenschaften. Später arbeitet er an der Edition der Reichstagsakten von Königsberg aus weiter.

Im Jahr 1888 gründet Quidde hier die „Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“, die in kurzer Zeit, besonders durch einen mustergültigen Bibliographie- und wissenschaftlichen Nachrichtenteil, zu einem guten Ruf gelangt. 1890 wird Quidde Professor und damit leitender Sekretär des Preußischen Historischen Instituts in Rom. Zwei Jahre später kehrt er nach München zurück. Seit dieser Zeit nimmt Quidde regelmäßig an den Sitzungen des Rates des Internationalen Friedensbüros in Bern teil und ist Leiter der deutschen Delegation auf den Weltfriedenskongressen, die bereits seit 1889 regelmäßig abgehalten werden.

1893 tritt er in die Deutsche Volkspartei ein. Mit seiner zweiten politischen Schrift „Der Militarismus im heutigen Deutschen Reich“, die er im selben Jahr veröffentlicht, beginnt sein pazifistisches Engagement.

Zwei Jahre nachdem er sich der bürgerlichen Friedensbewegung angeschlossen hat, gründet Quidde 1894 die Münchener Friedensvereinigung und wird durch seine Aufrufe gegen den Krieg zwischen Briten und Buren in Südafrika bekannt. Im selben Jahr endet seine Karriere als Historiker abrupt, als er unter dem Titel „Caligula. Eine Studie über den römischen Cäsarenwahn“ eine Satire auf den deutschen Kaiser Wilhelm II. veröffentlicht.

Schon früh entdeckt Quidde eine geistige Verwandschaft zwischen dem deutschen Kaiser und dem römischen Terrorkaiser Caligula. Dann fällt dem Historiker durch Zufall ein Foto des deutsche Kaisers mit der eigenhändigen Unterschrift „Oderint, dum me metuant“ (Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten) in die Hände – ein Lieblingswort des schrecklichen Caligula. Diese Parallele ist für Quidde der letzte Anlass zu seiner Schrift, die bis 1926 bereits in 31 Auflagen erscheint.

Was vordergründig wie eine Charakterstudie über den tyrannischen römischen Kaiser aussieht, wird bald als schonungslose Abrechnung mit der Person von Kaiser Wilhelm II. erkannt. Aber die Angriffe auf den wagemutigen Autor in konservativen Zeitungen steigern nur die Auflage. Quiddes 1889 gegründete Zeitschrift jedoch wird boykottiert. Zwei Jahre später muss er wegen Majestätsbeleidigung sogar für drei Monate ins Gefängnis. Im selben Jahr, 1896, wird er wegen der Caligula-Studie auch seines Amtes als Leiter der Edition der Reichsakten enthoben, wird aber 1898 wieder eingesetzt.

1895 wird Quidde Vorsitzender des Bayrischen Landesausschusses der Deutschen Volkspartei und 1907 in den Bayrischen Landtag gewählt, zunächst für die nationalliberale Deutsche Volkspartei, später für die Fortschrittliche Volkspartei. Im selben Jahr organisiert er den 16. Weltfriedenskongress in München, der als Modellkongress in die Geschichte der bürgerlichen Friedensbewegung eingeht.

1902 wird Quidde Mitglied des Präsidiums der Deutschen Friedensgesellschaft, von 1914 bis 1929 leitet er diese Organisation. 1919 und 1920 gehört er außerdem als Mitglied Deutschen Demokratischen Partei der Nationalversammlung an. Hier tritt er als Vertreter des linken Flügels der Partei für eine engere Verbindung zur SPD ein. Bei allem Engagement vermag Quidde jedoch nicht, Erscheinungen, die Ausdruck der sich verschärfenden Klassenkampfsituation sind, zu deuten. 1924 veröffentlicht Quidde die den Versailler Vertrag unterlaufenden deutschen Rüstungsbestrebungen und entgeht nur knapp einer Anklage wegen Landesverrats. Seine Chancen auf eine Anstellung sind damit jedoch endgültig vertan. Sein Vermögen hat er während der Inflation verloren.

Im Oktober 1930 tritt der Pazifist Quidde aus der Friedensgesellschaft aus. Sein Verhalten in den letzten Jahren der Weimarer Republik zeigt, dass er dem immer stärker werdenden Faschismus gänzlich verständnislos gegenübersteht. In den ersten beiden Jahren der faschistischen Herrschaft – Quidde war inzwischen nach Genf ins Exil gegangen – versucht er, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mittel des Protests nach Deutschland hinein zu wirken. Er verkörpert in dieser Anfangszeit des Exils praktisch die Stimme des deutschen Pazifismus. Seine Gesinnungsfreunde in Deutschland sind verstummt. Andere, die fliehen konnten, kämpfen im Exil oft um die elementarsten Lebensbedingungen. 1935 gründet Quidde ein Hilfskomitee, das sich unter dem Namen „Comité de secours aux pacifistes exilé“ um pazifistische Emigranten bemüht.

Seine Haltung im Exil veranlasst die Machthaber in Deutschland, den inzwischen über Achtzigjährigen auf der Liste 196 von 1940 auszubürgern. In der Emigration in der Schweiz gerät Quidde zunehmend in Widerspruch zu der sich radikalisierenden Friedensbewegung.

1927 erhält Quidde gemeinsam mit Ferdinand Buisson den Friedensnobelpreis. Damit wird unter anderem Quiddes Einsatz für den friedlichen Ausgleich der ehemaligen Kriegsgegner Frankreich und Deutschland anerkannt. Die Auszeichnung ist zugleich eine gewisse internationale Entschädigung für seine politisch schwierige Position in der Weimarer Republik.

Ludwig Quidde stirbt am 4. März 1941 in Genf. An seinem ehemaligen Wohnhaus am Theaterplatz 9 wird für ihn eine Gedenktafel angebracht. Im Norden von Weende wird 1985 ein Weg nach ihm benannt.

Literatur