Mennoniten

Aus Wiki Göttingen
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wieder und wieder ist die Geschichte der Glaubensgemeinschaft der Mennoniten eine Geschichte von Wanderung und Vertreibung. Regelmäßig gerieten die Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft mit der Obrigkeit in Konflikt, da sie Eid und Kriegsdienst verweigerten.

Ein weiteres Hauptmerkmal der Freikirche verweist auf ihren geschichtlichen Ursprung: die Ablehnung der Säuglingstaufe, an deren Stelle die Glaubenstaufe von Jugendlichen oder Erwachsenen treten sollte. Die Wurzeln der Mennoniten liegen in der Täuferbewegung der Reformationszeit.

Nahezu überall wurden die Täufer anfangs blutig verfolgt: Bedeutende Vertreter wurden ertränkt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Auf dem Reichstag zu Speyer 1529 stellten die Reichsstände die Wiedertaufe unter Todesstrafe. Ein in Münster 1534/35 errichtetes Regime der Täufer schadete dem Ansehen der Bewegung. Die Stadt fiel nach 16-monatiger Belagerung durch Truppen des Fürstbischofs.

Die Mennoniten erhielten ihren Namen nach dem friesischen Priester Menno Simons. Er verließ 1536 sein Amt, ließ sich wiedertaufen und sammelte im Verborgenen die nach der Katastrophe von Münster verunsicherten Taufgesinnten. Diese wurden zur Abgrenzung von den Münsteranern Mennoniten genannt. Auf Grund von Verfolgung wanderten die Mennoniten in ganz Europa umher. Im 17. Jahrhundert setzte auch eine Massenauswanderung nach Nordamerika ein. 1683 gründeten Krefelder Mennoniten und Quäker die Siedlung Germantown in Pennsylvania. Mennoniten aus Russland wanderten im 19. und 20. Jahrhundert nach Nord- und Südamerika aus.

Die Geschichte der Mennoniten-Gemeinde Göttingen beginnt mit den Flüchtlingsströmen aus dem Osten am Ende des Zweiten Weltkriegs. Während der letzten Kriegsmonate hatten viele Mennoniten aus der Sowjetunion und aus Westpreußen Zuflucht im weiteren Umfeld von Göttingen gefunden.

Ihre Geburtsstunde erlebte die Göttinger Gemeinde in Rittmarshausen. Dort wurde bereits im Juli 1945 der erste Gottesdienst gehalten. Im November wurde in Göttingen die Gemeinde offiziell gegründet.

Die Gemeinde umfasste ein weites Gebiet: Es gab Predigtstellen in Braunschweig und Peine, im Raum Salzgitter, in Mehle, Hildesheim, Bielefeld, Detmold, Rinteln, Bebra, Hersfeld und Kassel. Ende der vierziger Jahre zählten zur Gemeinde laut eigenen Angaben knapp 1300 Gemeindemitglieder an 193 Orten. Prediger aus Westpreußen waren im Gemeindedienst tätig.

In Göttingen wurde während der Nachkriegszeit im Auftrag des nordamerikanischen mennonitischen Hilfswerks eine Mahlzeit pro Tag an bedürftige Studenten ausgeteilt. An Tuberkulose erkrankte Studenten bekamen besondere Pakete.

Ab 1951 unterstützte der russlanddeutsche mennonitische Theologiestudent Gerhard Hildebrandt als Prediger den Ältesten Ernst Crous. 1957 wurde Hildebrandt zum Ältesten ordiniert und übernahm die Gemeindeleitung.

Im Laufe der fünfziger Jahre ging die Mitgliederzahl der Gemeinde stark zurück. Ein Teil der Mennoniten wanderte nach Kanada und Paraguay aus, ein Teil ging nach Uruguay. Außerdem entstanden in der Bundesrepublik mennonitische Siedlungen in Wedel, Espelkamp, Bechterdissen, Backnang, Neuwied und Enkenbach.

In den achtziger Jahren bildete sich in Wolfsburg mit Unterstützung aus Göttingen ein Hauskreis, der aus Familien bestand, die aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen waren. Als weitere mennonitische Familien aus der Sowjetunion hinzukamen, entstand in Wolfsburg eine eigenständige Gemeinde. Auch in Göttingen gab es Zuwachs durch Mennoniten aus der Sowjetunion.

Die Göttinger Gemeinde hat laut Prediger Werner Wiebe heute 61 Mitglieder, die sich etwa je zur Hälfte auf Göttingen und die noch bestehende Predigtstelle in Braunschweig verteilen. In Göttingen werden die Gottesdienste in einem Nebenraum der Baptistenkirche gefeiert. Dort wird auch getauft. Anders als bei den Baptisten werden die Täuflinge aber nicht untergetaucht, sondern besprengt. Die Täuflinge seien im Durchschnitt etwa 15 bis 16 Jahre alt, so Wiebe. In Braunschweig finden die Gottesdienste im Gemeindehaus einer evangelisch-lutherischen Gemeinde statt.

Weil sie von Anfang an den Kriegsdienst abgelehnt haben, werden die Mennoniten zusammen mit den Quäkern und der Kirche der Brüder als "historische Friedenskirche" bezeichnet. In Deutschland wurde jedoch das Prinzip der Kriegsdienstverweigerung nicht konsequent durchgehalten: In beiden Weltkriegen kämpften und starben auch Mennoniten. Die deutschen Mennoniten respektieren in dieser Hinsicht die Gewissensentscheidung des Einzelnen. In Deutschland verweigere heute wieder der weit überwiegende Teil der Mennoniten den Wehrdienst, so Wiebe.

Mennoniten-Gemeinden sind in Lehre und Lebensgestaltung autonom. Eine besondere - wenn auch nicht unbedingt repräsentative - Gruppe innerhalb der Mennoniten sind die konservativen Amischen, die ein Siedlungszentrum im US-amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania haben. Sie bewegen sich mit Kutschen fort und lehnen moderne Erfindungen wie etwa Autos oder elektrischen Strom ab. Bekannt wurde diese Glaubensrichtung auch durch den Hollywood-Film "Der einzige Zeuge" mit Harrison Ford in der Hauptrolle. Der Film spielt zu einem großen Teil in einer Amischen-Siedlung.



Weblinks