Mike Wagner

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Probiert Techniken, Farben und Stilrichtungen aus: Mike Wagener findet den Weg in die Kunst.

Mike Wagner kommt aus Duderstadt. Weil er keinen Sport mehr betreiben konnte, widmete er sich der Kunst.

„Wie ein Besessener“: Vom Sport zum Malen

Sport war die große Leidenschaft von Mike Wagener. Er spielte Fußball, Tischtennis und machte Leichtathletik. „Zuerst habe ich alles ausprobiert. Ich wollte wissen, was mir liegt. Später wurde mir klar, dass ich nur richtig gute Leistung bringen kann, wenn ich mich für eine Sportart entscheide“, sagt Mike. Der Sprint habe ihn besonders gereizt, also trainierte er mindestens viermal in der Woche für den Leistungssport.

„Elf Jahre lang war ich besessen vom Training und von Wettkämpfen“, erzählt der junge Gerblingeröder, der gerade Abi am Eichsfeld-Gymnasium Duderstadt (EGD) macht. Bei seinem Berufswunsch spielte der sportliche Aspekt ebenfalls eine Rolle, „ich wollte zur Polizei oder so“, schildert er seine einstigen Zukunftspläne.

Dann brach der Schüler zusammen. „Ich bekam keine Luft mehr. Ich hatte mehrere solcher Anfälle. Als Folge wurde ich sechs Mal operiert“, erzählt er. Die Ärzte äußerten den Verdacht auf Morbus Wegener, eine Krankheit, bei der Blutgefäße entzünden, unter anderem in Lunge und Luftröhre. „Der erste Anfall kam am Neujahrstag 2011. Danach war ich bis auf ein paar kurze Unterbrechungen monatelang im Krankenhaus“, beschreibt Mike seinen Leidensweg.

Die Ärzte sind sich bis heute nicht sicher, an was er wirklich erkrankt ist, aber nach endlosen Behandlungen mit Tabletten, Kortison und Inhalationsmitteln half schließlich nur die Chemotherapie, die nicht ausschließlich bei Krebs eingesetzt werde, erklärt Mike. Dass er vor einem Jahr dem Tod sehr nah war, weiß er auch. „Zu den Ärzten hatte ich ein freundschaftliches Verhältnis, weil ich so oft dort war, jeder war nett zu mir“, sagt der Schüler. Aber geprägt wurde er in dieser Zeit von Todesangst, Wut und Verzweiflung. „Es ging mit mir richtig in den Keller. Meinen Sport konnte ich natürlich nicht mehr ausüben. Ich hatte auch keine Lust mehr nachzudenken, ich konnte nur rumsitzen und nichts tun“, beschreibt er die dunkelste Phase seines Lebens, die auch seine Familie sehr belastet hat.

Nachdem die Chemotherapie anschlug, ging es Mike körperlich besser. Aber im Krankenhaus stellte sich Langeweile ein, und er fing an, ein paar Bilder zu malen. Kunst mochte er schon in der Schule, empfand seine Leistungen aber nicht als überdurchschnittlich. Sein Onkel habe von den Bildern von Bob Ross erzählt, und Mike ließ sich inspirieren von poppigen Farben und weiten Landschaften. Er malte hinter schneebedecktem Hochgebirge einen rosa Himmel oder einen blühenden Baum vor eisiger Landschaft. „Das hat mich fasziniert, ich wollte ausprobieren, was geht. Aber so ganz war dieser Stil nicht mein Ding“, erzählt er.

Dann wurde das Internet durchforstet, und es wurden Bücher angeschafft und studiert: Techniken, Malstile, Künstler und Farben. „Ich hatte schon im Sport einen Hang zum Perfektionismus, das kann manchmal nerven, und das hat sich jetzt vermutlich auf die Malerei übertragen“ sagt der Abiturient.

Am EGD hängen vor den Kunsträumen besonders gelungene Werke von Schülern, und so fragte Mike seine Kunstlehrerin Christine Boes, ob er vielleicht ein Bild dazu hängen dürfe. „Ich wusste nicht, dass er zu Hause malt“, sagt die Lehrerin. Sie ließ sich ein paar der Werke zeigen und war begeistert. „Mike probiert alle möglichen Stile aus, hantiert mit Farben, malt über große Flächen, aber am erstaunlichsten ist, dass alle Werke technisch und handwerklich hochwertig sind“, schildert Boes ihre Überraschung. So schlug sie vor, eine ganze Ausstellung mit Mikes Bildern im EGD zu organisieren, die dann einige Wochen in der Schule zu sehen war.

„Ich habe mich über das Angebot natürlich total gefreut, aber ich hatte nur 15 Bilder, und ich dachte, das würde nicht reichen für eine Ausstellung“, sagt Mike. 15 Bilder – das schaffen einige Künstler in einem angemessenem Zeitraum trotz widriger Lebensumstände. Mike hatte allerdings erst in den Herbstferien angefangen zu malen, und vor den Weihnachtsferien konnte er schon 15 Werke vorweisen. Nach Weihnachten hatte er schließlich 28 Bilder für die Ausstellung, oft großrahmig und alle bis ins Detail sorgfältig gearbeitet.

„Manchmal kann ich mich mit einer Sache beschäftigen wie ein Besessener. Das ist wie eine Droge“, beschreibt er seinen Ehrgeiz. Die Vielfältigkeit seiner Werke hat sich weiterentwickelt, einige Portraits sind dabei, entfremdet durch Stil und Farbgebung und dennoch plastisch, lebendig, ehrlich. „Man lernt bei jedem Bild dazu“, sagt Mike bescheiden lächelnd. Er gesteht: „Ich hätte niemals gedacht, dass ich mal eine Ausstellung mache.“

Kunst sei für ihn jedoch jetzt noch reizvoller als früher Sport, „man hat mit Farben, Stil, Technik und Themen viel mehr Möglichkeiten“, sagt er. Aber am meisten freut ihn, nach seiner Zeit „im Keller“ einen neuen Inhalt, neue Lebensfreude und neue Perspektiven gefunden zu haben: „Jetzt will ich erstmal Abi machen. Aber danach könnte ich mir gut einen künstlerischen Beruf vorstellen, vielleicht Design. Das hätte ich vor einem Jahr definitiv nicht gedacht.“ Und er will versuchen, andere Künstler zu treffen, Ratschläge anzunehmen, zu lernen und sich weiterzuentwickeln.