Museum Friedland

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Zeitzeugen-Interviews als Zentrum des Museums

Zeitzeugen werden Gedächtnis der Nation: Redakteur Arnold Gralinksi (l.) befragt den einstigen Ungarn-Flüchtling Tibor Kesztyüs.

Er hat als Nachbarsjunge mit der ungarischen Fußball-Legende Ferenc Puskás gespielt. In Göttingen verstärkte er 05 in den besten Zeiten: in der damals höchsten Spielklasse, der Oberliga Nord. Und er machte eine beeindruckende akademische Karriere als Sprachwissenschaftler und Fachmann für die ungarische Geschichte.

Jetzt sitzt Tibor Kesztyüs hier und spricht vor laufender Kamera über seine Stunde Null in Deutschland. Er ist einer von Millionen, die das Tor zur Freiheit durchschritten, die im Grenzdurchgangslager Friedland ein neues Leben gegannen – und die über den Neustart im Museum erzählen werden.

Der Ungar, der 1956 während des Ungarnaufstands seine Heimat verlassen musste, als Fußballer deshalb international gesperrt wurde und dann bei Göttingen 05 und VfL Wolfsburg wieder durchstartete, ist ein Zeitzeuge. Von ihnen werden dutzende, vielleicht hunderte in den nächsten Jahren vor laufender Kamera erzählen, wie es damals war im Lager Friedland.

Zentraler Baustein

Damit beginnt das künftige Museum zu leben, noch vor dem ersten Spatenstich. Das Zeitzeugenzentrum soll zentraler Baustein werden. Auf rund 200 Quadratmetern werden in mehreren Themenpavillons 50 ausgewählte Lebensläufe aus fast 70 Jahren des Bestehens des Lagers zu sehen und zu hören sein. Ein jeder ausgewählte Zeitzeuge auf einem eigenen Bildschirm und dokumentiert mit Objekten der dort vorgestellten Biografie. Neben Kriegsflüchtlingen und Spätheimkehrern werden es Ungarn-Flüchtlinge wie Kesztyüs, Boatpeolpe aus Vietnam, Tamilen, Iraker oder jüdische Immigranten sein, die über ihren Neuanfang in Friedland berichten.

Heimkehrer

Aber auch Zeitzeugen wie Charlotte Sinnreich. Die 82-Jährige war von März 1953 bis 1959 als Fürsorgerin der Caritas im Lager. Sie hat damals Menschen wie Kesztyüs betreut, sie beraten, mit Kleidern versorgt. Und sie weiß zu erzählen, wie der damalige katholische Lagerpfarrer „Bettelbriefe“ schrieb, die sie eintütete und die besonders reichlich Ernte einfuhren, als 1955 die letzten Heimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft kamen.

Das alles erzählt sie Redakteurin Sonja Lüning, die in dieser Woche mit ihren Kollegen vom „Gedächtnis der Nation“ dreienhalb Tage lang fast 20 Zeitzeugen hörte. Denn das niedersächsische Innenministerium, das das Museum plant, kooperiert mit dem Verein des ZDF-Historikers Guido Knopp und dessen Stern-Kollegen Hans-Ulrich Jörges. Der Verein dokumentiert bundesweit Zeitzeugen zu allen erdenklichen Themen der deutschen Geschichte, um ausgewählte Beiträge im Internet (gedaechtnis-der-nation.de) zu veröffentlichen. Um allein die Zeitzeugen für Friedland aufzunehmen, wird der beim ZDF stationierte Truck, ein rollendes Fernsehstudio, in den kommenden zwei Jahren wohl noch bis zu 20 Wochen in Friedland filmen.


Quelle: Artikel von Jügren Gückel im Göttinger Tageblatt vom 1. Juni 2012.

Foto von Christina Hinzmann.


Vorbereitungen

Zeitzeugen im Scheinwerferlicht: Theologie-Professor Manfred Jusuttis erzählt über Flucht und Ankunft in Friedland.

Das Museum Friedland nimmt Gestalt an. Gerade hat das Land Niedersachsen den alten Bahnhof gekauft. Inzwischen ist auch ein Internet-Auftritt (museum-friedland.de) in der Testphase. In der kommenden Woche will Innenminister Uwe Schünemann (CDU) die Homepage der Einrichtung offiziell freischalten.

Und auch die erste Veranstaltung im Rahmen des Lernortes Friedland ist schon geplant: Am 9. Oktober soll es das erste der künftig regelmäßigen „Friedländer Gespräche“ geben.

Bisher ist geplant, ausgehend vom 1890 errichteten Bahnhofsgebäude als Empfangsort des Museums, eine Kette von Pavillons zu bauen und durch diese den Besucher zu den historischen Lager-Orten wie Nissenhütte, evangelische Lagerkapelle, katholische Kirche St. Norbert und zur Statue „Griff in die Freiheit“ sowie zur Friedland-Glocke zu führen. Fünf Millionen Euro sind im Landeshaushalt für die Realisierung dieses ersten Abschnitts bis 2014 veranschlagt. Doch derzeit wird nach Tageblatt-Informationen versucht, für diesen Abschnitt noch Drittmittel einzuwerben.

Bei einem nicht öffentlichen Besuch des Ministerpräsidenten David McAllister (CDU) bei der Landsmannschaft der Russlanddeutschen vergangene Woche sprach dieser von „bis zu neun Millionen Euro“ Investitionssumme im ersten Abschnitt, falls die Einwerbung der Zuschüsse gelinge. Weitere Millionen sind nach 2014 einzuplanen, wenn die Fortentwicklung des Museums zu einem nationalen Lern- und Schulungsort zum Thema Flüchtlinge und Migration geplant ist. Ein museumspädagogisches Begleitprogramm sowie ein Medienarchiv zur Recherche ist aber bereits für den ersten Bauabschnitt geplant.

Auch die Funktion als Lernort beginnt schon im kommenden Monat: Das erste der „Friedländer Gespräche“ mit hochkarätiger Beteiligung von Wissenschaftlern steht unter dem Thema „Heimkehr nach Deutschland – Die Zuwanderung von Aussiedlern 1950 bis heute“. Einen ganzen Tag lang diskutieren deutsche und europäische Experten unter Moderation von Prof. Matthias Weber, Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa.

Dann wird es auch eine erste offizielle Führung über das Museumgelände geben. Nach Tageblatt-Informationen werden Konzepte für die künftigen Führungen gerade entwickelt. Auch die Zeitzeugen-Interviews, die bisher aufgenommen wurden, sollen dann zur Verfügung stehen. Kurze Ausschnitte der Interviews sollen bereits vorher in den neuen Internet-Auftritt eingestellt werden.


Quelle: Artikel von Jürgen Gückel im Göttinger Tageblatt vom 8. September 2012.

Foto von Peter Heller.


Bau verzögert sich

Im Spätherbst will das Land Niedersachsen mit dem Bau des Museums „Abschied, Ankunft, Neubeginn“ im Grenzdurchgangslager Friedland beginnen. Noch im Herbst 2014 sollte es eröffnet werden. Das könnte sich verzögern, sagt Jürgen Fröhlich vom Innenministerium, weil die Deutsche Bahn nicht zum Zug kommt.

Die Flächen, die das Ministerium mit dem künftigen Besucherzentrum bebauen will, sind teils tote, aufgegebene und längst abgebaute Gleise. Das Eisenbahn-Bundesamt aber gibt die Flächen derzeit nicht frei und widerspricht der Bebauungsplanung der Gemeinde Friedland.

Es seien bei der „hier durchgeführten Entbehrlichkeitsprüfung bahnbetriebsnotwendige Anlagen auf nicht entbehrlichen Flächen festgestellt“ worden, teilte die Service Immobilien GmbH der Bahn als Stellungnahme auf den Bebauungsplan der Gemeinde mit.

Kompliziertes Verfahren

Das komplizierte Verfahren, die öden Schotterflächen entlang des künftigen Museumspfades aus den Nutzungs- und Baurechten der Bahn zu entlassen, könne unabsehbar lange dauern.

Die Gemeinde hat deshalb ihre Planung zunächst nur auf das Gelände beschränkt, das nicht der Bahn gehört. Gleichzeitig wurden alle Selbstbeschränkungen gestrichen, die die Länge der Baukörper und die Bauabstände betreffen.

Auch zweistöckige Bauweise soll nun möglich sein. Denn das Land wolle bei seiner Museumsplanung nun prüfen, ob nicht ganz auf die toten Gleise verzichtet wird.

Das, so Fröhlich, könne dazu führen, dass das künftige Besucherzentrum eben in den Hang vor den Sozialgebäuden hineingebaut wird. Ob Bahngelände dann überhaupt noch nötig sein wird, ist unklar.

Bahn will weiterhin mitnutzen

Offen auch, was aus der Lärmschutzwand wird, die eigentlich entlang der Bahn das neue Museumsgelände vor durchdonnernden Zügen schützen sollte.

Die Pläne, so Bauamtsleiter Jürgen Schäfer bei der Vorstellung im Bauausschuss, seien jedenfalls so gestaltet, dass sie gegebenenfalls, wenn das Eisenbahn-Bundesamt doch die Signale für die toten Gleise auf grün stellt, verändert werden können.

Dass die Deutsche Bahn zwar verkaufswillig ist oder gar schon verkauft hat, dann aber von Erwerbern verlangt, die Immobilien weiterhin mit nutzen zu dürfen, ist kein Einzelfall.

Bahnhof 2007 an Konsortium aus Luxemburg verkauft

Der historische Bahnhof Friedland, Kernstück des Museumskonzepts und künftige Empfangsstation der Besucher, ist bereits im Jahr 2007 zusammen mit mehr als 100 ehemaligen Bahnhöfen bundesweit an ein Konsortium aus Luxemburg verkauft worden.

Im vergangenen Sommer erwarb Niedersachsen den maroden Bau von den Luxemburgern. Obwohl schon sechs Jahre nicht mehr im Eigentum der Bahn, arbeitet darin nach wie vor eine Bahnfernmeldeanlage.

Sie sei für den Bahnverkehr unentbehrlich. Immerhin wurde angekündigt, sie bis 30. Juni abzubauen, damit das Land mit Vorbereitungen zum Umbau beginnen kann. Bisher hat sich noch nichts getan.


Quelle: Artikel von Jürgen Gückel im Göttinger Tageblatt vom 8. Juni 2013.