Musikinstrumentenbauer

Aus Wiki Göttingen
Wechseln zu: Navigation, Suche

Musikinstrumentenhersteller in Göttingen ?

Die gab es im 19.Jahrhundert- und sie waren sogar sehr erfolgreich. Auch wenn Saathoff zunächst schreibt: "Göttingen war bis tief in das 19.Jahrhundert hinein eine Landstadt, in der die meisten Bürger auch Landwirtschaft trieben" und der Exportschlager die Göttinger Würste waren (Saathoff, 1940, S.83.

Der Zeitzeuge Rintel nennt schon- für 1772- die Namen: "Flügel und Claviere werden mit vieler Vollkommenheit von Krämer verfertiget. Blas=Instrumente, als Flöten, Fagotten und Clarinetten machen Eisenbrandt, Boje und Ziegler (Rintel 1794, S.201. Auch Saathoff berichtet zwei Seiten nach der o.z. zitierten Passage:" Ein wichtiger Zweig der Göttinger Industrie waren die musikalischen und chirurgischen Instrumente. Die Krämerschen Musikinstrumente wurden durch ganz Deutschland, selbst nach Russland versandt. Die später sehr berühmte Pianoforte-Fabrik von Gottlieb Wilhelm Ritmüller ist 1795 gegründet worden.." (Saathoff 1940, S,85)

Die 1736-37 eröffnete Reformuniversität und eine kluge Wirtschaftsförderung und Ansiedlungspolitik machten es möglich. Ein öffentliches Musikleben kam auf- gestützt auf fleissige akademische Musikdirektoren- Schweinitz und Forkel- und einen rührigen Stadtmusikus: Johann Michael Jaeger. Neben die Musik der "Cammern" trat die Musik der Salons und "Säale". Neu war auch "Unterhaltungsmusik", in Gastwirtschaften und Musiksälen. Musikinstrumente wurden gefragt und wurden gehandelt.


Das erste Göttinger Adressbuch von 1826 nennt, mit der Berufsbezeichnung "Instrumentenmacher" bzw. "Flöten-/Violinmacher", unter ihren Adressen, folgende Namen: Boye; Breiling; Gockeln; Hübner; Krämer,Gebr.; Krämer,Sigismund; Otto; Rittmüller; Streitwolf und Wehe (korrekt: Wehn). In den 30-er-Jahren kam noch, gemäss dem Eintrag in die Bürgeraufnahmen hinzu: Friedrich Wadsack. Einige von Ihnen kamen nicht über eine kleine, lokal bekannte Produktion von Musikinstrumenten hinaus, andere, wie Boje, Eisenbrandt, die Krämers, die Ritmüllers und Streitwolf erlangten nationale und europäische Bekanntheit. Sie entstammten alle dem Kleinbürgertum , waren in ihrem erlernten Beruf Tischler/Drechsler oder sogar Autodidakten und waren- bis auf zwei- Zuzügler in Göttingen. War es vor dem 18.Jahrhundert der Glocken- und Orgelbau, so beschäftigten sich die hier aufgeführten Instrumentenbauer mit der Produktion von Clavichorden, Klavieren, Gitarren,Harfen, Flöten und Instrumenten der Rohrblattfamilie. Mitte/Ende des 19.Jahrhundert kamen Violinen dazu (Violinbauer Otto)und wiederum Orgeln (Orgelbauer Giesecke).


1. Johann Paul Krämer (Kraemer) *1743- +1819

Der älteste Instrumentenbauer dieser Periode wird in einer "biographischen Notiz" der "Allgemeinen Musikalischen Zeitung" von 1836 beschrieben: "Seit ungefähr 50 Jahren besitzt das musikalische Publikum etwa 1150 Krämer`sche Instrumente, theils Klaviere (gemeint wohl: Clavichorde), theils Pianofortes...". Krämer stamme aus Jüchsen in Sachsen-Meiningen, und habe in Gross-Breitenbach das Tischlerhandwerk erlernt. Die "Theuerung des Jahres 1772" habe ihn bewogen nach Göttingen zu ziehen, wo er für sein Fortkommen bessere Chancen sah. Seine in den Jahren zwischen 1780 und 1790 gebauten Klaviere seien so geschätzt gewesen " wie von dem Geigenspieler die Violinen von Amati und Stradivari". Dabei sei er nicht einmal musikalisch gewesen, "allein mit Liebe für die Kunst und dem feinen musikalischen Gehör ausgestattet, wusste er seinen Instrumenten die reinste Temperatur zu geben". Geholfen habe ihm dabei die Bekanntschaft und der Umgang mit Johann Nikolaus Forkel (dem damaligen akademischen Musikdirektor und ersten Musikwissenschaftler Deutschlands). Seine beiden Söhne, Johann Christian Friedrich und Georg Adam seien früh von J.P.Krämer angeleitet worden, so dass sich die Manufaktur ab 1790 als "Joh. Paul Krämer et Sohn" und ab 1795 "Joh. Paul Krämer et Söhne" umbenannte und um die Produktion von Flügeln erweiterte. Nach dem Tod des Gründers sei die Firma unter dem Signet "Gebrüder Krämer" weiterhin erfolgreich gewesen: "Auch diese Instrumente fanden nicht nur im Inlande, sondern auch im Auslande den grössten Beyfall, so dass jährlich eine nicht geringe Zahl in`s Ausland versendet wurde". Der Artikel wurde von Musikdirektor Johann August Günter Heinroth (dem Nachfolger von Forkel) verfasst und der Wortlaut in verkürzter Form für verschiedene Einträge in den Musiklexika des 19.jahrhunderts übernommen (Allgemeine Musikalische Zeitung, 32. Jahrg.,1836, Sp.181-183). Was der Artikel verschweigt, ist ein Zerwürfnis zwischen J.P.Krämer und seinen Söhnen, die sich in Nachbarschaft des väterlichen Betriebes etablierten und dem eigenen Vater Konkurrenz machten (deshalb auch die getrennten Nennungen im Adressbuch von 1826). Der Grund dürfte in unterschiedlichen Denkarten von Vater und Söhnen in Bezug auf Neuerungen im Klavierbau liegen, vielleicht aber auch in familiären Zwistigkeiten, nachdem J.P.Krämer eine zweite Ehe (nach dem Tod der ersten Frau) eingegangen war. Von den Krämers sind diverse Instrumente erhalten geblieben, so im Städt.Museum Braunschweig, im Berliner Musikinstrumentenmuseum und auch in Göttingen (ein Clavichord im Fundus des Städt. Museums).


2. Johann Siegmund Theodor Krämer (Kraemer) *1751- +1828

Der 8 Jahre jüngere Halbbruder von J.P.Krämer hatte keine Berichterstatter und Fürsprecher, wie sein berühmterer Bruder. Auch er erlernte wahrscheinlich noch in Jüchsen (bei seinem Vater) oder in Gross-Breitenbach das Tischlerhandwerk. Wann er nach Göttingen kam (mit seinem Bruder?) ist nicht mehr feststellbar. Sein Traueintrag von St.Johannis aus dem Jahre 1799 dokumentiert jedoch: "..den 14ten Juny wurde der Junggesell Joh.Siegmund Theodorus Krämer, Instrumentenmacher hieselbst, des weyland Johann Friedrich Krämer, gewesenen Tischler Mstr. in Jüchsen hinterlassenen ehelichen 2ten Sohn mit Dorothee Sophie Kühne, des Tuchmachers in der Funk`schen Fabrik Johann Andreas Kühne ehelichen ältesten Tochter copuliert". 1803 wird er als "Einlieger" (Untermieter) bei einem Tischler in der Neustadt ("Haus Nro.819") aufgeführt.Im Göttinger Adressbuch von 1826 wird er (ohne Vornamen) in der Auflistung der "Instrumenten-macher" neben seinem Bruder genannt. Seit 1810 finden sich in den Göttinger Zeitungen seine Annoncen. Die "Departemental=Blätter" vom 15.12.1810 führen unter den Verkaufsanzeigen auf: "Bei Sigmund Krämer, wohnhaft an der Johannis=Strasse Nro. 631 sind 2 gute Claviere, welche 5 Octaven enthalten, nämlich von contra f bis ins 3gestrichen f, gegen billige Preise, zu verkaufen.." Am 6.3.1813 annoncierte er in den DB neben "Clavieren" ein "nussbaumenes Flügel=Forte`Piano"- und am 26.4.1814 im "Öffentlichen Wochenblatt" wiederum " zwey neue Claviere von ihm selbst getertiget". Seiner Adresse war hinzugefügt: "..in des Schneidermeisters Zinck Hause Nr. 631". Er hatte nie ein eigenes Haus und war anscheinend nicht sehr erfolgreich. Seiner letzten Annonce (vom 8.5.1819 im ÖWB), in der er ein "..Nussbaum=Piano in Flügelform und mehrere neue und ausgespielte Claviere" feilbietet, fehlt ausserdem der Zusatz "von ihm selbst getertiget". Nur ein Instrument von J.S.T.Krämer ist überliefert und befindet sich in der Musik-instrumentensammlung der Universität Leipzig.


3. Johann Heinrich Ziegler *1751- +1808

Ziegler stammte aus Seesen, erhielt 1782 das Bürgerrecht (das Bürgergeld wurde ihm erlassen) und der Eintrag bezeichnet seinen Beruf als Drechsler. Wir kennen seine Ausbildung nicht, wissen auch nichts über eine mögliche Lehre bei einem anderen Instrumentenbauer. Ausser der Erwähnung bei Mose Rintel und Einträgen im Schossregister (er besass ein eigenes Haus in der heutigen Jüdenstrasse)ist er nicht als Musikinstrumentenbauer ausgewiesen. Auch gibt es keine überlieferten Instrumente von ihm.


4. Johann Benjamin Eisenbrandt *1753- +1822

Der Sohn eines Drechslers aus Herzberg/Harz kam über Einbeck nach Göttingen, wo er schon bei seiner Einbürgerung 1785 den Berufsvermerk "Instrumentenmacher" trug. Er war ein erfolgreicher Produzent von Holzblasinstrumenten und konnte sich in wenigen Jahren zwei Häuser (heute: Weender Strasse und Rote Strasse) erwerben. Einer seiner 5 Kinder, der einzige Sohn Heinrich Christian, übernahm später seine Firma. Seinen Produktionsumfang schildert er in einer Verkaufsanzeige im "Hamburgischen Correspondenten" (damls die am weiten verbreiteste überregionale Zeitung Norddeutschlands) vom 2.8.1809: "Seit vielen Jahren habe ich die Ehre, wegen Verfertigung aller Blase=Instrumente mich einem geehrten musicalischem Publico zu zeigen und manchem grössten Kenner nach Wunsch zu befriedigen; jedoch suche ich noch unermüdet, alle Instrumente zu vervollkommnen und wo auch nur möglich Verbesserungen darüber anzustellen, und hierdurch fand ich auch jeden Fehler...". Dann beschreibt er seine Neuerungen (Anbringen von mehr Klappen zu einem besseren chromatischen Spiel) bei Flöten im Detail. Er baue auch "Clarinetten aller Art", Bassethörner, "Serpente in Form der Fagotte; Hautbois nach jeder Bestellung, mit mehr wie gewöhnlichen Klappen"... Wie auch seine Konkurrenten Boje und etwas später Streitwolf (siehe unten) war er also bestrebt, die in dieser Zeit vehement einsetzenden Verbesserungen an Flöten und Rohrblattinstrumenten weiterzuführen und damit einen Marktvorteil zu erbringen. Mit Boje lieferte er sich noch eine Fehde, die im "Hamburgischen Correspondent" im Anschluss an die Anpreisung seiner Instrumente so lautet: "...Auch halte ich es für Pflicht, hierbey anzuzeigen, dass mir verschiedene von mir verfertigte Flöten wieder zur Hand gekommen, auf welchen ich meinen darauf gedruckten Namen ausradirt fand und statt dessen den Namen Boje auf jedem Theil erblickte. Da indessen Hr. Boje vor einigen Monaten mit Tod abgegangen, so ist er der Verantwortung hierüber in dieser Welt nicht mehr unterworfen. Übrigens hat jeder Liebhaber die reelsten Bedingungen von mit zu erwarten". Die Witwe Boje und deren Sohn antworteten einige Nummern später in der gleichen Zeitung auf diese Anschuldigung mit Entrüstung. Die Fast-Nachbarn hatten anscheinend kein gutes Verhältnis zueinander. Konkurrenzdruck gab es also auch schon vor 200 Jahren. Von der Präzision und Schönheit Eisenbrandtscher Instrumente zeugen eine Diskant-Terzquartflöte und ein französisches Kleindiskant-Flageolet in der Instrumentensammlung des Göttinger musikwissenschaftlichen Seminars im "Accouchierhaus".


5. Johann Friedrich Boje (Boye, Boie) * 1762- + 1809

Der Konkurrent von Eisenbrandt (beide produzierten Flöten und Rohrblattinstrumente zur gleichen Zeit und lebten in naher Nachbarschaft) stammte aus Stolzenau / Weser und war bei seiner Einbürgerung 1789 schon "musikalischer Instrumentenmacher". Mose Rintel nennt neben dem Beruf des Instrumentenmachers noch einen Zweitberuf: Musiklehrer (für Flöte und Violine). Er heiratete eine Göttingerin, hatte 8 Kinder, von denen der Sohn Carl Wilhelm später die Manufaktur übernahm (auch dessen Sohn blieb der Instrumentenbauertradition treu). Er erwarb zuletzt ein Haus in der heutigen Goetheallee, wo er Nachbar der Krämers, des "Musikus Knop" und J.N.Forkels war. Dort produzierte er erfolgreich Flöten der verschiedensten Art, Oboen, Klarinetten und Fagotte. Über seine Produktionspalette informierte er das "Publikum" in einer Verkaufsofferte der "Berlinischen musikalischen Zeitung" von 1793 (1.Jahrg., Nr.1, S.2), wo er auch seine Neuerungen und Verbesserungen herausstellte. Hat er wirklich an einer Eisenbrandtschen Flöte dessen Namen "ausradirt" und das Instrument als seiner Produktion entsprungen deklariert? Wenig wahrscheinlich, denn er baute gute Instrumente (mit seinem Signet, einer Lilie verziert). Auf jedem Fall veröffentlichte seine Witwe und der Sohn im "Hamburgischen Correspondent" vom 18. August 1809 eine Gegendarstellung, in der es heisst:"... Jeder Kenner, der Bojesche und Eisenbrandtsche Flöten miteinander zu vergleichen Gelegenheit gehabt hat, wird überzeugt seyn, dass unser resp. Ehemann und Vater sich herabgesetzt haben würde, wenn er einer Eisenbrandtschen Flöte seinen Namen aufgedruckt hätte. Es ist ein Glück, dass die Verleumder noch leben, und dass die Herren Eisenbrandt Vater und Sohn noch in dieser Welt von der strafenden Gerechzigkeit ereilt werden können". Von Boje sind einige sehr schöne Instrumente (Flöten und Klarinetten) sowohl im Städtischen Museum, wie auch in der Musikinstrumentensammlung der Universität zu sehen.


6. Gottlieb Wilhelm Ritmüller (Rittmüller) * 1772 +1829

Der wohl berühmteste Göttinger Instrumentenbauer war der Sohn eine Weissgerbers aus Duderstadt, Autodidakt als Produzent von Gitarren, Harfen und Klavieren jeder Art seiner Zeit, die sämtlich als gut, wenn nicht hervorragend angesehen wurden. So lautet ein Eintrag in Fétis "Biogrphie Universelle des Musiciens" von 1887 (Tôme 7-ième, p.430):"..ses guitares ont été considérées comme excellantes dans toute l`Europe.." Andere Lexika der Zeit rühmen seine Klaviere (Gerber). Er hatte zunächst Pech- und dann grosses Glück in seinem Leben. Schilling (6.Bd. 1838) schreibt:"..(Er)..litt als Kind an den Augen, so dass er sich mit nichts beschäftigen konnte. Zum Zeitvertreib lernte er das Clavier und die Harfe nach dem Gehör spielen. Als jedoch das Augenübel behoben war hatte er beide Instrumente so liebgewonnen, dass er sich entschloss, Claviere und Harfen zu verfertigen.." Dazu verhalf ihm in grosszügiger Art sein Vormund und Mentor, der derzeit in Göttingen angesehene "Mechanikus" und Senator G.Campe.Dieser stellte ihm nicht nur die Instrumente, sondern unterrichtete ihn in Mechanik und Mathematik- und vermachte ihm später sein Anwesen. Ritmüller war so erfolgreich in der Prodution von Gitarren und Klavieren, dass er seinen Söhnen Johann Wilhelm und Johann Martin, die früh in die Firma aufgenommen wurden, ermöglichte, den stattlichen "Hardenberger Hof" am Ritterplan (heute: Städtisches Museum)zu kaufen. Hier wurden bis 1890 von den Ritmüllers deren berühmte Klaviere und Flügel gebaut und in ganz Deutschland und den Nachbarländern vertrieben. Der Hardenberger Hof war aber auch Treffpunkt von Künstlern und Musikern. So trafen sich hier in den 1850-er Jahren Joh. Brahms, J.J.Joachim, H.von Bülow (der eine Enkeltochter von G.W.R.heiratete), J.O. Grimm u.a.in den Sommerferien, um zu musizieren und zu diskutieren. Leider verliess das Glück die Ritmüllers in der 3. Generation, so dass die Firma liquidiert werden müsste. Der Klavierfabrikant Schröder aus Magdeburg kaufte die Firma und produzierte unter dem Signet "W.Ritmüller & Söhne" ab 1890 weiter Klavier und Flügel. Von der Schönheit und Präzision Ritmüllerschen Kunsthandwerks zeugen noch heute Instrumente in verschiedenen Sammlungen.


7. Andreas Ludolph Breiling *1777 + 1842(?)

Breiling, einer der wenigen (2) Göttinger, fertigte weit weniger Lauten, Harfen, Gitarren und Klaviere als sein Konkurrent Ritmüller, gegen den er wahrscheinlich einen schweren Stand hatte. In Lütgendorffs Verzeichnis der Lauten- und Geigenbauer wird er aufgeführt, nicht aber in den Musiklexika der Zeit. Allerdings bezeugen Inserate im "Göttinger Wochenblatt" von 1817 und 1823 (Selbstanzeige) von damals vorhandenen Harfen und Klavieren. Bei seiner Einbürgerung 1801 ist seine Berufsbezeichnung "Instrumentenmacher", im Adressbuch von Göttingen 1826 wird er "Instrumentenmacher und Graveur" genannt. Graveur war anscheinend zuletzt die Haupttätigkeit.


8. Johann Heinrich Gottlieb Streitwolf *1779 +1837

Streitwolf war der wohl bedeutendste Göttinger Instrumentenbauer des Beginns des 19. Jahrhunderts. Er ist der einzige, der auch heute noch Erwähnung findet: Im "New Grove" (2nd.Ed. 2001, p. 571)- und man kann ihn mit Fug und Recht ein musikalisches Universalgenie seiner Zeit nennen. Er fertigte nicht nur eine breite Palette von Flöten und Rohrblattinstrumenten (von Serpenten und Oboen / Fagotten bis zu "Kontrabass"- Klarinetten, für die er Verbesserungen und Neuerungen erfand). Er war auch "Studierter", gelernter Musiker auf diversen Instrumenten, Musiklehrer, Komponist und Musikalienhändler. So berichten denn auch sämtliche Musiklexika des 19. Jahrhunderts über ihn.

Eine eingehende Würdigung seines Lebens- und Schaffensweges findet sich im "Neuen Nekrolog der Deutschen" (15. Jahrg. Weimar 1839, S.234-238) und in einer Würdigung von Heinroth in der Allgemeinen musikalischen Zeitung von 1837 ( die letzte geht, Wortwahl und Diktion entsprechend, auf die erste zurück- obwohl später veröffentlicht). Danach widmete sich der gebürtige Göttinger seit seiner Konfirmation der Musik, ging beim Stadtmusikus Jäger in die Lehre, wurde Musiklehrer (v.a.) für die damals in Mode gekommende Gitarre und war Cellist im akademischen Orchester. 1809 habe er begonnen musikalische Instrumente zu bauen "..und zwar ohne alle Anleitung, brachte es aber dennoch als ein denkender Kopf gar bald so weit, dass seine Flöten sehr gesucht wurden...". Wenig später habe er auch Klarinetten gefertigt, an denen er Verbesserungen anbrachte. Sein besonderes Interesse galt den tiefen Instrumenten der Klarinetten-Familie (um diese dem gut etablierten Kontrabass der Violinenfamilie an die Seite stellen zu können).Diese Instrumente- Bassklarinette und Kontrabass-klarinette und das chromatische Basshorn- wurden gern von Militärkapellen angenommen. Dabei entstammte er "dürftigen" Familienverhältnissen und wurde unehelich geboren. Dies wurde wettgemacht durch Lerneifer und enormen Fleiss: "..Aber in ihm wohnte eine eigenthümliche, schöpferische Kraft, die ihn niemals bei dem Hergebrachten stehen liess: Was seinem Blick dargeboten wurde, betrachtete er mit dem Auge des Denkers, und wo er Mängel fand, fühlte er den unwiderstehlichen Drang zu bessern und zu vervollkommnen..." (Nekrolog). Deshalb wohl auch schrieb er sich im besten Mannesalter als "civis academicus" an der Göttinger Universität ein, unterrichtete in Gitarrespiel und Gesang und unterhielt einen Hausmusikkreis über viele Jahre. Auch seine Arbeitsweise war- für seine Zeit- beachtlich. Er behielt sich wichtige Arbeitsgänge, wie das Ausbohren von Rohlingen und von Tonlöchern, selbst vor, systematisierte und delegierte andere Arbeitsgänge. So wurden die Klarinettenmund-stücke auswärts produziert, in Sondershausen. An den dortigen Fürstenhof unterhielt er eine besondere Verbindung und lieferte Instrumente.

An Kompositionen sind Übungsstücke für das Doppel-Flageolet, Trios für Gitarre, Flöte und Cello und Tänze und Lieder für Gitarre und Flöte/Gesang überliefert.

Er heiratete eine sechs Jahre ältere Göttingerin und hatte mit ihr zwei Söhne und zwei Töchter. Der Sohn Friedrich wurde von ihm angelernt, übernahm später die Firma, handelte mit Instrumenten und erhielt weiterhin Bestellungen "..aus Petersburg,..ferner Holland, der Schweiz und Jersey usw...". Von J.H.G.Streitwolf gibt es verschiedenen, sehr schöne Instumente in Göttingen (Städt.Museum und Sammlung des musikwissenschaftlichen Seminars).


9. Carl Wehn *1795- +1861

Wehn hatte nicht nur den weitesten Weg nach Göttingen, er musste auch mit jurstischen Hürden bei seiner Konzessionierung kämpfen. Er war als Tischlergeselle auf Wanderschaft aus "Cölln am Rhein" über Frankfurt bis nach G. gelangtund hatte 5 1/2 Jahre als Geselle bei J.P.Krämer und dessen Söhnen gearbeitet. Sein Gesuch auf eine Konzessionserteilung wurde zunächst abgelehnt, weil ihm die Gebrüder Krämer und auch Gottlieb Rittmüller die Eignung zum Instrumentenbauer abgesprochen hatten. Beim 2. Anlauf erhielt er die Zusassung, vielleicht auch aufgrund familiärer Rücksichten: Er hatte nämlich inzwischen mit der ältsten Tochter von J.P Krämer aus dessen 2. Ehe ein Kind gezeugt und der Wittwe Krämer ein Auskommen verschafft. Carl Wehn stellte verschiedene Gitarren her, die er an der Gewerbeausstellung 1844 in Hannover- und 1848 in Göttingen anbot. Eine Verkaufsannonce im "Göttinger Wochenblatt" vom 18.10.1834 lautete: " Bei Unterzeichneten sind Guitarren mit einfacher und doppelter Mechanik, für deren Reinheit wie für die dauerhafte und solide Arbeit derselbe sich verbürgt, zu haben. Auch können daselbst Claviere, Forte=Piano, Violinen und Violincells zu billigen Preisen reparirt werden. C.Wehn Rothestrasse Nro. 285".


10. Friedrich Wadsack *1807-+ 1869

Wadsack stammte, dem Bürgereintrag entsprechend, aus Offensen a. Solling, war unehelich geboren, wurde 1834 in den Göttinger Bürgerstand versetzt und heiratete im gleichen Jahr eine Göttinger Bürgerstochter (es war seine 2. Ehe von insgesamt drei Ehen). In welchem Masse er selbst Instrumente herstellte ist nicht klar. Zumindest handelte er damit. 1836 (a.3.12.1836)findet sich zum 1. mal eine Verkaufsanzeige im "Göttinger Wochenblatt": "Ich empfehle mich aufs beste gearbeitete Instrumente als Flügel, Fortepiano, Guitarren mit Mechanik und mit Wibel (!) zu billigen preisen zu vermiehten und zu verkaufen...". 1848 bot er an der Göttinger Gewerbeausstellung "2 Pianoforte von Nussaumholz, vorderstimmig, dreichörig 6 1/2 Oktaven haltend, mit deutschem Mechanismus je zum Preise von 24 Pistolen" an. (1 Pistole entsprach 5 Reichstalern)


Andere Instrumentenbauer des 19. Jahrhunderts waren: Johann Christian Luer, Joseph Gockeln, Carl Ludwig Hermann Hübener (Hübner) und die anfangs erwähnten Otto und Giesecke. Luer, Gockeln und Hübener betrieben nur einen eingeschränkten Instrumentenbau und lebten in erster Linie von Reparaturen und dem Vertrieb von Instrumenten und Musikalien.


Bibliographie (Auszug):

Allgemeine Musikalische Zeitung. Leipzig 1798-1848

Departemental=Blätter Göttingen 1803-1813

Göttingenschen Anzeigen 1803-1804

Göttingensches Wochenblatt 1823-1867

Göttingisches Wochenblatt 1814-1818

Meiners,C: Kleinere Länder= und Reisebeschreibungen, 3.Bd.Berlin 1801

Rintel, Moses: Versuch einer skizzirten Beschreibung von Göttingen und seiner gegenwärtigen Beschaffenheit. Göttingen 1794

Saathoff, Albrecht: Geschichte der Stadt Göttingen, 2.Teil. Göttingen 1940

Tecklenburg, August: Göttingen. Die Geschichte einer deutschen Stadt. Göttingen 1892

Egdorf, Burkhard: Die Göttinger Stadtmusik in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. In: GöJB 1990

Gerlach, Willi: 1800-1850 Musik in Göttingen. Nürnberg /Gerlafingen 2015 (ISBN 978-3-00-951635-1)

Gerlach, Willi: 1800-1850 Musikinstrumentenbau in Göttingen. Nürnberg / Gerlafingen 2016 (ISBN 978-3-033-05841-5

Hardege, Frohwald: Grosse Musiker in Göttingen. In:GöJB 1953

Hart, Günther: Gottlieb Streitwolf (1:Teil).In: GöMB 1979, Ausg: 69

Hart, Günther: Gottlieb Streitwolf (2. Tei).In GöMB 1979, Ausg. 70


(Artikel wird fortgesetzt).