Originale in und aus Holzerode in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Aus Wiki Göttingen
Wechseln zu: Navigation, Suche

(nach Aufzeichnungen von Eduard Finke und den Erzählungen älterer Einwohner)

In Holzerode gab es viele Originale, auch einige die gar nicht in Holzerode wohnten (z.B. Händler). Da war der „Kleine Kaffeebans Sepp“ aus Bilshausen, der mit einem kleinen Kastenwagen, bespannt mit einem Pferd, nach Holzerode kam und seine feinen Waren wie Kaffee, Tee etc. anbot. Die Frauen standen dann um den Wagen herum und suchten sich Sachen aus, die „Fernanz“ und „Bäkkers“ nicht hatten. Und da war dann noch der „Salt-Weede“ aus Ebergötzen, der hatte noch einen weit längeren Weg; der holte das Salz aus der Saline Sülbeck. Die Saline liegt bei Salzderhelden. Weede fuhr mit einem Einspännerwagen einen Tag nach Sülbeck und am anderen Tag wieder zurück. Das Salz verkaufte er scheffelweise, ein Hohlmaß, an seine festen Kunden. Die Nachkommen von Salt- Weede leben noch in Ebergötzen. Der „Blinde Josepp“, kein Händler, sondern ein Straßenmusikant, war bei den Kindern bekannt und beliebt. Er kam vom Eichsfeld aus Teistungen. Mit einer kleinen Mundharmonika zog er über die Dörfer und sang zu seiner Musik die von ihm selbst gemachten komischen Lieder. In den Liedern besang er die Vorkommnisse in der Region z.B. In Worbis hatte ein Schäfer namens Borchert seinen Herrn erschlagen, ihm viel Geld abgenommen und ihn im Schafstall verscharrt. Borchert wurde viel später zum Tode verurteilt. Zu diesem Ereignis sang Josef: „Was nützet den Borchert das viele Geld, wenn er seinen Kopf nicht behält.“ Auch über Wilhelm II hatte Josef einmal gesungen: „Kaiser Wilhelm II hatte einen kurzen linken Arm“ etc. Und darüber zu singen, hätte dem Josef leicht zum Verhängnis werden können. Letztlich sollte aus diesem Kreis der Holzerode versorgenden Händler auch „Pötte-Karken“ genannt werden. Er kam aus dem Töpferdorf Fredelsloh, trug in einem sog. „Reff“ – einer flachen Kiepe – seine „Pötte“ (Töpfe) bis nach Holzerode; er wurde stets alle los. Das waren die Originale von auswärts. Nun zu den Holzerödern: Da war zunächst die alte „Liese-Tante“ Schnur. Sie war fast 50 Jahre lang – schon seit den 80-er Jahren im 19. Jahrhundert – als Botenfrau unterwegs. Sie trug die vom Bauern gekaufte Wurst, Eier, Speck und anderes in einer Kiepe nach Göttingen. An den Waren verdiente sie nur Pfennige, denn die Bauern und ihre Kunden in Göttingen waren sehr geizig. Auf dem Rückweg brachte sie dann für die Holzeröder Waren aus Göttingen mit. Diesen Weg machte „Liese-Tante“ jede Woche mehrmals bis ins hohe Alter. Das waren schwer verdiente Pfennige. Hartmanns bei der Kirche: Die alten Hartmanns waren biedere, zufriedene Menschen. Vater Hartmann schritt einträchtig neben seinem Ochsen her und nickte immer mit dem Kopf. Die Mutter war im Haus und auf dem Felde fleißig. Hartmanns hatten ihr Land hauptsächlich gleich hinter dem alten Friedhof und im „Weustefeld“ (das Land hinter der alten Badeanstalt). Heinrich, ihr Sohn, ist im Ersten Weltkrieg zweimal im eigenen Elternhaus „eingebrochen“ und hat alle frisch geschlachteten Würste und Schinken mitgenommen. Mit dem Handwagen ist er dann nach Nörten gezogen und hat seinen „Raub“ mit der Bahn nach Hannover transportiert, wo alles verkauft wurde. Es wurde gesagt, dass ein Polizist („Gendarm“) an dem Handel beteiligt war, denn sonst hätte Heinrich das Diebesgut nicht in den scharf kontrollierten Zügen bis nach Hannover bringen können. Wilhelm Fahlbusch und sein Bruder August: Wilhelm Fahlbusch war alleinstehend, seine Frau war verstorben. Wilhelms Bruder August war gehbehindert. Er wohnte im Gemeindehaus. Bei Hochzeiten hat August immer aufgespielt und holte die Gäste von der Kirche ab. Dabei marschierte er dem Hochzeitszug voraus. Das sah immer sehr lustig aus. Die Jugendlichen riefen: „Jetzt kommt das Min-Militär von Fohlbuschens Eister her…“. Wilhelm hatte auch einmal ein Huhn geschlachtet und seinen Bruder zum Essen eingeladen. Plötzlich sagte August während das Hühnchen schon auf dem Tisch stand: „Wilhelm, Du hast ja das Huhn gar nicht ausgenommen…!“, darauf der Bruder: „Asse ma seegen, dat Hauhn aak Darm het!“ Leider wird nicht berichtet, wie das Huhn geschmeckt hat. Da er die Worte „Asse ma seegen“ ständig im Munde führte, war August auch unter diesem Spitznamen bekannt. Weitere Spitznamen gab es sehr viele in Holzerode. Familiennamen wie Finke, Kolle, Fahlbusch, Degenhardt oder Vollbrecht gab es immer mehrfach und so dienten die Spitznamen zur Erklärung, wer gemeint war. Bei den vielen Finkes hieß einer „Water-Finke“, er wohnte am Graben. Ein anderer hieß „Ulan-Finke“, da sein Großvater bei den Ulanen gedient hatte. Mitten im Dorf wohnte „Dosend-Finke“, der als Ziegelmeister immer gutes Geld verdient hatte („Tausende“??) und auf Anraten seiner Frau dies „im Sparstrumpf“ verwahrte. Die Inflation 1923 machte dann aber alles zunichte. Zu August Finke sagten die Leute „Schweizer“. Er war gelernter Melker, also ein „Schweizer“, später arbeitete er dann aber im Kalischacht in Reyershausen. Der Schweizer hatte eine Vorliebe für geistige Getränke. Erzählt wird folgende Geschichte: August Finke kam beduselt von Ebergötzen mit dem Fahrrad nach Holzerode. Unterwegs wurde er vom Polizisten Bock angehalten, weil er ohne Licht fuhr. Der Polizist stellt sich vor: „Ich bin Bock aus Waake“. Antwort von August Finke: „Und ich bin die Ziege aus Holzerode“. Die vielen Vollbrechts konnte man einerseits in die Brüdergruppe Heinrich („Schlosser-Heinken“) weil von Beruf Schlosser, Wilhelm („Bäcker-Vollbrecht“) weil von Beruf Bäcker und Karl („Smed-Karken“) weil von Beruf Schmied einordnen und andererseits in die Gruppe der fünf Brüder August („Discher- Vollbrecht“) weil von Beruf Tischler, Herrmann („Binen-Hermann“) weil die Mutter Sabine hieß, Wilhelm („Macke“), Albert („Bertchen“) und dem ältesten Heinrich. Heinrichs Sohn, der heute noch in Göttingen lebende Heini Vollbrecht, nannte man „WuZ“ nach seiner Lehrfirma. Oben am Mühlenklimp wohnte der „Struthkräuger“. Zu seinem Namensvetter Heinrich Degenhardt, der auch Gastwirt war, sagten die Leute nach dem Vornamen seines Vaters Ferdinand „Fernanz“. Die Familie Kolle gab es auch häufiger, alle mit einem Spitznamen versehen. „Jäger-Kolle“, da der Opa bei den Jägern gedient hatte. „Stötterer-Kolle“ hatte einen Sprachfehler. „Langen- Kolle“ war groß und dünn. „Jesus“ wurden drei Männer genannt, die alle einen schönen „jesusmässigen“ Bart hatten. Vater Heise und sein Sohn Heinrich wurden beide „Spinnebock“ genannt. Der Alte trug gern einen sog. „Beiderwannsrock“. Wilhelm Schnur, den Sohn der „Liese-Tante“, nannte man nur „Liese-Wilhelm“. Er wohnte oben bei der Hölle und trank viel, was die Dorfjugend ausnutzte, um ihn schwarz anzumalen. „Griene-Wilhelm“ (Wilhelm Finke) war „Single“ und griente immer, sein Bruder Karl Finke nannte man „Göbel“. Karl Kolle, der kleine langjährige „Bauernläuter“ aus dem heutigen Eichanger hieß nur „Quäke-Karl“, weil er solch eine piepsige, quäkende Stimme hatte. „Tom-te-rom-tom“ war Karl Schnur (der Onkel des heutigen Heinrich Schnur) aus dem Winkel; er trommelte gerne und oft, womit er die Leute zu Festen einlud. Karl Ernst wurde „Himmels- Pappe“ genannt, war aber auch als „Jesus“ bekannt. „Kruse-Wilhelm“ hieß so wegen seiner krausen Haare und war im Dorf gut als Musiker bekannt; auch sein Sohn Willi wird heute noch so genannt. Bürgermeister Georg Hartmann (1894–1918) wohnte in der Harzstraße 2 (heute wohnt dort Gertrud Beckmann). Er zeichnete vor dem Ersten Weltkrieg Staatsanleihen, wodurch Holzerode den halben Plesseforst als Eigentum verlor. In der Familie Ilie hießen Vater und Sohn beide Heinrich. Sie spielten Geige in mehreren Kapellen. Es war ein reiner Männerhaushalt. Tochter Lenchen wurde zur Adoption gegeben, weil die Männer nicht in der Lage waren, das Kind ordentlich zu versorgen – sie waren eben „Künstler“. Vater Ilie hat im Zweiten Weltkrieg bei Vollbrechts in der Landwirtschaft gearbeitet. Die beiden Heinriche waren sehr gute Musiker, aber auch sehr leicht reizbar. Eine Geschichte, die das belegen soll, erzählt, wie die Eltern von Gertrud Beckmann mit einem Grammophon von einer Feier nach Hause gingen und das Grammophon die Melodie spielte „Lieber Heinrich, Heinrich, komme“. Vater Ilie stürzte sogleich aus dem Haus und nahm die Verfolgung auf, drohte den Feiernden Schläge oder Schlimmeres an. Die Geschichte war mit dem Ende des Abends aber noch nicht zu Ende. Vater Ilie war ausgesprochen nachtragend. Lehrer Otto Peter, auch „Ossen-Peter“ genannt, weil sein Vater in Bovenden noch mit Ochsen ackerte, war 38 Jahre Schulleiter in Holzerode. Er konnte sehr gut zeichnen. Gertrud Beckmann erinnert sich noch, wie er einen Kleks in ihrem Heft mit wenigen Strichen in einen dekorativen Käfer verwandelte. Lehrer Peter hat auch ein Bild von der Windmühle gezeichnet, an die sich viele Holzeröder noch sehr gut erinnern können (es ist in der Festausstellung zu sehen). Er aß gerne Birnen und ging sehr oft mit seinen Schülern in die Natur, um dort den Unterricht zu machen. Im Jahre 1936 fand an den Lippbergen eine Flugschau für Segelflugzeuge statt. In diesem Zusammenhang baute er mit seinen Schülern Otto Hartmann, Wilhelm Kolle, genannt „Fokki“, und Hermann Sindram ein Modellflugzeug und startete es mit großem Erfolg bei einer Luftschau. Gebaut wurde das Flugzeug in der Gaststätte Rühling. Bauernläuter war – wie schon erwähnt – lange Jahre bis zum Kriegsende Karl Kolle, unser „Quäke-Karl“; er war ein Sohn des früheren Gemeinderechnungsführers Wilhelm Kolle. Ein Bauernläuter war der Ausrufer, der nach dem Läuten der Kirchenglocken zur Ankündigung einmal vor der Kirche und ein zweites Mal am Thie öffentliche Bekanntmachungen vorlas. Dabei überschlugen sich häufig seine Stimmbänder. Bauernläuter Karl Kolle heiratete erst sehr spät. Erst mit etwa 40 Jahren freite er die 16-jährige Paula Potschek, die aus dem Ruhrgebiet stammte. Trotz des großen Altersunterschiedes führten sie eine sehr glückliche Ehe. Nachfolger im Amt des Bauernläuters wurde „de Schauster“ Wilhelm Kolle. Der wurde von Otto Finke abgelöst, der noch bis etwa 1960 als Bauernläuter arbeitete; die letzten Jahre der Holzeröder Selbstständigkeit verbreitete der langjährige Bürgermeister bis 1972 Karl Kolle („Lippken“) die Ortsnachrichten selbst. Die Familie Rühling war seit der Gründung Besitzer der Gastwirtschaft „Zur Linde“. Der alte Wilhelm Rühling verunglückte 1930 im Wald beim Holzrücken. Dann übernahm sein Sohn Wilhelm die Gaststätte. Es gab einen Saal im ersten Stock für besondere Anlässe. Leider war der Saal oft zu klein, daher musste umschichtig getanzt werden. Gruppenweise ging es die Treppe „rauf“ und dann wurde im Saal getanzt. Bei der nächsten Musikpause mussten alle wieder über eine andere Treppe „runter“ und der nächste Durchgang konnte sich amüsieren. Die Gäste gingen dann ums Haus und stellten sich bei der nächsten Treppe wieder an. 1923 wurde umgebaut. Der neue Saal war ebenerdig und reichte für etwa 650 – 700 Leute. Der alte Saal im 1. Stock wurde zur Scheune. Bei der 900 Jahrfeier wurde allerdings nicht nur bei Rühlings auf dem Saal gefeiert, sondern auch in der Gastwirtschaft „Zum Struthkrug“ bei Fahlbuschens (heute Klengels Reithalle), die einen ähnlich großen Saal hatten. Letztlich sei noch Heinrich Thiele („Schieber Heinrich“) erwähnt. Er war Viehhändler und wohnte am Thie (heute Haus von Ernst Zech). Berühmt war er für seine Rinderwurst. Auch er liebte durchaus den Alkohol. Seine Frau Minna war des Nachts (im Nachthemd) häufig unterwegs, um ihren Mann auch manchmal in der „Kneipe“ zu suchen. Dieser ließ sich dann jedoch verleugnen. Einmal gelang es ihm den Schneeräumvertrag von Göttingen zu bekommen. Allgemeine Verwunderung: „Quatsch, mit Deinem Auto geht das doch gar nicht“. Antwort: „Aber ja, bis Juni muss er weg sein“.

Überarbeitet und ergänzt: Ulrike Libal. Aus: Festschrift 950 Jahre Holzerode, 2005

siehe auch:

Holzerode