Rudolf Christoph Eucken

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Rudolf Christoph Eucken

Rudolf Christoph Eucken (1846–1926) erhält den Nobelpreis für Literatur 1908 „…in Anerkennung seiner aufrichtigen Suche nach Wahrheit, seiner durchdringenden Kraft der Gedanken, der Weite seines Blickfelds sowie der Wärme und Eindringlichkeit seiner Darlegung, mit der er in seinen zahlreichen Arbeiten eine idealistische Lebensphilosophie gerechtfertigt und weiterentwickelt hat“.

Eucken wird am 5. Januar 1846 als Sohn eines Postmeisters in Aurich, Ostfriesland, geboren. Nach dem Abitur 1863 geht er nach Göttingen, um hier Philosophie und Klassische Philologie zu studieren, in Berlin fügt er noch das Studium der Alten Geschichte hinzu. 1866 promoviert Eucken mit einer Arbeit über den Sprachgebrauch des griechischen Philosophen Aristoteles und beschäftigt sich danach mit philosophiegeschichtlichen Themen, insbesondere mit Aristoteles und Thomas von Aquin.

Von 1867 bis 1871 arbeitet Eucken als Gymnasiallehrer in Husum, Berlin und Frankfurt am Main und wird 1871 als Ordinarius für Philosophie an die Universität Basel berufen, an der auch Friedrich Nietzsche und Jacob Burckhardt lehren. 1874 bis zu seiner Emeritierung 1920 lehrt er Philosophie an der Universität Jena – unterbrochen von einem Jahr als Austauschprofessor in den USA 1913 bis 1914.

1918 wird Eucken der erste Präsident der neugegründeten Luthergesellschaft in Wittenberg: Die Gesellschaft soll seiner Forderung nach einem auf die substanzielle Einheit ausgerichteten, ethisch verwurzelten Geistesleben, dessen absolute Form er im Göttlichen sieht, durch Forschung und Bildung nachkommen.

Nach seiner Emeritierung widmet sich Eucken der Vortragstätigkeit und der Arbeit für die seines Erachtens durch die Katastrophe des Ersten Weltkrieges noch stärker gefährdete Menschheit. 1921 gibt er zusammen mit dem chinesischen Philosophen Carsun Chang das Buch „Das Lebensproblem in China und Europa“ heraus, das der besseren geistigen Zusammenarbeit der Völker dienen soll.

Mit Rudolf Christoph Eucken erhält erstmals ein Philosoph den Nobelpreis für Literatur, obwohl man seinen Namen kaum mit Literatur oder Sprachkunst in Verbindung bringen mag. Was Eucken seinerzeit preiswürdig machte, war die humanitäre Sendung, zu der er sich berufen fühlte, war die selbst auferlegte prophetische Rolle eines Menschheitsretters.

Das erklärte Ziel seiner Philosophie ist die Bemühung um eine ideale Weltanschauung. Er lehnt jede Form des Intellektualismus in der Philosophie ab und propagiert einen (nachkantianischen) „neuen Idealismus“, den er „schöpferischen Aktivismus“ nannte. Nicht das Individuum, sondern die gemeinsame schöpferische Lebenskraft aller Menschen solle aktiviert werden, wobei die Philosophie zu dieser Lebensanschauung anhalten solle. Eucken wird damit zum Initiator der neuidealistischen Bewegung.

Nobelpreisurkunde für Eucken

Der Nobelpreis wird ihm 1908 daher auch nicht für sein literarisches Werk verliehen, sondern für seine Arbeit an jenem neuen philosophischen Idealismus. Die Betonung seiner Philosophie liegt darauf, dass das Leben der persönlichen ethischen Bemühung bedürfe, und dass der Mensch daran arbeiten müsse, die natürlichen Instinkte durch Hinwendung zum Geistigen zu überwinden. Eucken betrachtet die orthodoxe Religion nur als Zufluchtsort, der nicht in der Lage ist, eine Person in vollständige Einheit mit dem Geistigen zu bringen. Der Philosoph aus Jena wird zu einem der Wortführer der traditionsorientierten intellektuellen Elite, die im Fin de Siècle vor allem in Deutschland den Verfall von Kultur und Gesellschaft und die Entfremdung der menschlichen Arbeit durch die industrielle Technik beklagen. Eucken geht in seinem philosophischen Konzept davon aus, dass das Geistesleben nicht nur ein eigenständiges, sondern das eigentliche Leben sei, das eine neue Stufe der Wirklichkeit schaffe. Ihm geht es um eine neuartige Verbindung von Natur, Geist und All in einem Prozess, den er das „Beisichselbstsein des Lebens“ nennt. Die Vergeistigung der Welt ist die kulturelle Botschaft seiner idealistischen Lebensphilosophie. An diesen Gedanken schließen sich für ihn die Bemühung um die geistige Zusammenarbeit der Völker an. Am 15. September 1926 stirbt Eucken in Jena.

Zu seinen Ehren benennt die Stadt Göttingen 1985 einen Weg in Weende nach ihm.


Literatur

Stein, Ilse: Beisichselbstsein des Lebens. Göttinger Tageblatt, 19. September 2002.