Schüttenhoff Holzerode

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Seit Anfang des 19. Jahrhunderts ist das Schüttenhoff, ein besonderes Heimatfest in Holzerode, nachweisbar, wobei seine Wurzeln sowohl auf das mittelalterliche Schützenwesen* als auch auf die beginnende Volksbewaffnung im 17. Jahrhundert zurückzuführen sind. In jener Zeit sahen sich die Landesherren dazu veranlasst, die Bauern und Bürger mit Schusswaffen auszurüsten, um die Bevölkerung in den Dörfern und ländlichen Ansiedlungen vor den vor allem seit Ende des Dreißigjährigen Krieges herumziehenden räuberischen Banden zu schützen.

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Zwecks Ausbildung solcher „Landaufgebote“ wurden dann regelmäßig Schießübungen und als Höhepunkte auch Schützenfeste in den Dörfern abgehalten. Die damit den „Schützen“ auf dem Lande übertragende Schutz- und Wehrfunktion hatte zu diesem Zeitpunkt das schon im Mittelalter traditionelle Schützenwesen vor allem der Städte längst verloren. Die dortigen Schützenfeste mit dem Königsschießen auf den Vogel und die Scheibe, mit volkstümlichen Wettkämpfen sowie Tanz und Musik dienten jetzt nur noch der Unterhaltung und Geselligkeit. Fast alle Schützengesellschaften entwickelten sich nun zu Traditionsvereinen und die Schützenplätze wurden allgemeine Festplätze. In einigen Orten Südniedersachsens und im Gebiet der mittleren und oberen Weser nahmen die Schützenfeste jedoch spezielle Formen an, die den Funktionswandel vom 17. bis ins 19. Jahrhundert noch deutlich markierten. Als „Schüttenhöfe“ waren sie zwar auch allgemeine Schützen- und Volksfeste mit Königsschießen und Volksbelustigung; der Ablauf, das Zeremoniell und zusätzliche Programmteile verwiesen aber noch stark auf die ursprüngliche Funktion und Aufgabe der Schulung zur Wehrhaftigkeit. Im Mittelpunkt stand dabei ein symbolisches „Kriegsspiel“ der militärisch geführten und ausgerüsteten Bürger gegen die von außen eindringenden Banden. Hierbei wurde die gesamte Ortsbevölkerung mit einbezogen. Holzerode ist neben Bodenfelde und Nörten-Hardenberg einer der Orte in unserer Region, in dem dieses Fest, hier „Schüttenhoff“ genannt, seit Beginn des 19. Jahrhunderts gefeiert wurde. Den ältesten Hinweis hierauf gibt ein Kleinod an der Schützenkette der Realgemeinde aus dem Jahre 1837. Der erste Schüttenhoff in Holzerode fand aber sicherlich schon einige Jahre vorher statt. Fast 100 Jahre lang verblieb das damals alle fünf bis sechs Jahre gefeierte Fest in unveränderter Form – bis zum Jahre 1913, in dem kurz vor dem ersten Weltkrieg der letzte Schüttenhoff „alter Art“ gefeiert wurde.

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Über dieses Fest im Sommer 1913 liegen noch Zeitzeugenberichte vor. Danach stand im Mittelpunkt des Festes das Kriegsspiel, das „Barrikadenstürmen“, das am Montag des fünftägigen, von Samstag bis Mittwoch durchgeführten Festes stattfand. Der genaue Zeitpunkt des Festes wurde ca. vier Wochen vorher vom Bürgermeister – 1913 der legendäre, 34 Jahre amtierende Georg Hartmann – in einer Versammlung aller Bürger auf dem Thieplatz festgelegt (beachte die kurze Vorbereitungszeit gegenüber unseren heutigen Planungen!). Gleichzeitig erfolgte per Wahl die Vergabe der Festämter, wie z.B. der militärischen Dienstgrade. Hierzu zählten damals an der Spitze der „kommandierende Oberst“, die sonstigen Offiziere und Unteroffiziere, das Feldgericht, der Feldarzt, der Apotheker und der sonstige Stab. Für jeden Holzeröder war es eine hohe Ehre, einen der herausgehobenen Dienstgrade bekleiden zu dürfen. Der Ablauf des Festes hatte sich in den langen Jahren seit der Begründung fest herausgebildet: Samstags wurde beim Volksschießen der Schützenkönig auf dem Schießstand im „Rischen“ (heute das Gebiet zwischen Eichstraße und Eichanger) ermittelt, sonntags folgte der Festumzug für alle Aktiven, montags war Tag des „Barrikadenstürmens“, bei dem das Dorf von einer eingedrungenen „räuberischen Bande“ wieder befreit wurde, dienstags herrschte das „Regiment der Frauen“ und mittwochs war zum Abschluss „Ziegenauktion“ der Junggesellen auf dem Thieplatz. Am Donnerstag wurde gemeinschaftlich das Dorf wieder aufgeräumt. An allen Tagen galt übrigens für die Beteiligten im Dorf „Schüttenhoff-Kriegsrecht“ sowie Uniformzwang. Die politische Entwicklung der nachfolgenden schweren Zeiten in Deutschland und insbesondere auch in Holzerode – Erster Weltkrieg, die Lasten der ersten Nachkriegszeit in den 20-er Jahren mit einer weitgehenden politischen und sozialen Spaltung der Ortsbevölkerung in zwei Lager, die NS-Zeit, der Zweite Weltkrieg und dann die zweite Nachkriegszeit mit ihrer totalen Veränderung der Ortsbevölkerung – all dies ließ kein großes, freudvolles Gemeinschaftsfest mehr im Ort zu. Erst 1952 begann man wieder mit Kirmesfeiern im Herbst jeden Jahres.

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1969 kam es dann aber zur Neubegründung des Schüttenhoffes „neuer Art“, insbesondere durch den Altbürger Hermann Heinemann, der das letzte Fest vorher 1913 noch als Kleinkind miterlebt hatte. Zusammen mit dem damaligen Vorsitzenden der Realgemeinde Holzerode, Willi Finke, dem Vorstand des 1958 gegründeten Schützenvereins unter Führung des 1. Vorsitzenden Otto Heise und einigen jungen Mitstreitern wie z.B. dem Autor dieses Beitrages stellte Hermann Heinemann ein nur noch dreitägiges Programm für die Zeit vom 19. bis 21. Juni 1969 zusammen, das in die „neue Zeit“ passte und großen Anklang in der Bevölkerung fand. Von nun an feierte man diesen „Schüttenhoff“ wieder alle sieben Jahre in Holzerode, 1976, 1983, 1990 und 1998, wobei letztlich eine achtjährige Differenz gewählt wurde, um mit dem „Sechsten Schüttenhoff neuer Art“ genau in das Jubiläumsjahr 2005 zu kommen.

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Längst hat der „Schüttenhoff“ seinen ursprünglich etwas militaristischen Charakter verloren und ist ein großes „Spiel ohne Grenzen“ geworden – auch wenn im Bemühen um alte, volkstümliche Traditionen das bunte Bild der Uniformen und Zeremonien des 19. Jahrhunderts geblieben ist. Dies gilt aber auch für den Karneval am Rhein und der „Schüttenhoff“ ist nun einmal so etwas wie Holzeröder Karneval – nur eben alle sieben Jahre.

Autor: Wolfgang Buss. Aus: Festschrift 950 Jahre Holzerode, 2005


*Die allgemeine Entwicklung des Schützenwesens seit dem Mittelalter

Das Schützen- und Schießwesen hat in Holzerode eine bedeutend längere Tradition, mit der die Entwicklung des jetzigen Vereins ("Schützenverein" A.d.R.) aber nur zum Teil verbunden ist. Schon aus dem Jahre 1837 stammt das Brustschild des Schützenkleinods der Realgemeinde Holzerode, das anlässlich des in jenem Jahr in Holzerode gefeierten Schützenfestes von dem Bauern und Realgemeindemitglied Christian Lechte gestiftet wurde. Aber auch dieses Datum markiert sicherlich noch nicht den Beginn des Schützenwesens in Holzerode; es ist lediglich der Hinweis auf das Alter der „Schüttenhöfe", einer Besonderheit in der Geschichte des Schützenwesens unseres mehr als 900 Jahre alten Ortes.

Man kann davon ausgehen, dass auch in Holzerode das Schützenwesen selbst und die Schützenfeste zumindest schon seit dem beginnenden 17. Jahrhundert ein fester Bestandteil des dörflichen Lebens waren; hierüber liegen allerdings keine Quellen mehr vor. Eine Reihe von Beispielen aus dem norddeutschen Raum zeigt jedoch, dass in dieser Zeit die Landesherren die Bauernschaft in den ländlichen Bereichen dazu veranlassten, ihre Knechte mit Schießwaffen auszurüsten. Die 'Schützen', wie diese Schießwaffenträger genannt wurden, hatten die Dörfer und Ansiedlungen gegen kleinere räubernde Haufen zu verteidigen, die z.B. in Folge des 30jährigen Krieges besonders stark auftraten. Zur Übung solcher Landaufgebote wurden dann Schießübungen und Schützenfeste auf den Dörfern abgehalten.

Auf dem Lande hatten in dieser Zeit die Schützen also noch eindeutig Schutz- und Wehrfunktionen wahrzunehmen. In den Städten hatte das Schützenwesen dahingegen seinen ursprünglich militärischen Charakter schon verloren. Die dort spätestens seit dem 14. Jahrhundert auftretenden Schützengilden, -gesellschaften und -zünfte orientierten sich an den bestehenden Gilden und Zünften der Handwerker und des Handels und betonten vor allem den Aspekt der Unterhaltung und Geselligkeit.

Bei den hier schon im 15. Jahrhundert zahlreich stattfindenden Schützenfesten stand neben dem Königsschießen auf den Vogel oder die Scheibe ('Freischießen') das Volksfest mit vielfältigem Kurzweil (Kegeln, Würfelspiel, u.a.) und volkstümlichen Wettkämpfen (Steinstoßen, Springen, Laufen) im Vordergrund. Hierzu wurde nicht nur die einheimische Bevölkerung eingeladen, sondern auch auswärtige Schützengesellschaften.

Dieses seit dem späten Mittelalter so entwickelte Schützenwesen erfuhr nun erst im 18. Jahrhundert eine Veränderung. Durch die jetzt überall vorhandenen 'stehenden Heere' verloren die Schützen auch die letzten militärischen Funktionen und die staatliche Obrigkeit versagte ihnen nun vielerorts die bisherige Förderung und Unterstützung. Von Bedeutung blieben lediglich die Schützenfeste, da sie oft die einzigen Volksfeste der Bürger waren. Die Schützenplätze dieser Zeit wurden deshalb auch immer wieder als Orte beschrieben, wo jederzeit lustige Gesellschaft, wo Gesang und Musikanten, Tanz und Spiel anzutreffen war. Bis ins 19. Jahrhundert war diese Entwicklung darin so weit vorangeschritten, dass die verbliebenen Schützengesellschaften sich inzwischen zu reinen Traditionsvereinen entwickelt hatten. Nach außen hin wurde zwar noch durch militärisches Auftreten die ehemals bestehende Aufgabe der Verteidigung und des Kampfes symbolisiert, vom eigentlichen Programm her stand nun aber die Volksbelustigung und die Geselligkeit gänzlich im Vordergrund. Das Schießen selbst hatte dabei nur noch eine untergeordnete Funktion.

Diese Veränderung und der Umbruch im Schützenwesen des 18. und 19. Jahrhunderts dokumentierte sich nun besonders deutlich in einer speziellen Form der Schützenfeste, den Schüttenhöfen, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Südniedersachsen sowie im Gebiet der mittleren und oberen Weser entstanden. Hier kamen jetzt Kriegsspiele zu den normalen Schützenfestprogrammen hinzu, die zumeist die ganze Orts- bzw. Dorfbevölkerung miteinbezogen.

Eigentlich bezeichnete das Wort 'Schüttenhoff' ja nur den Schieß- und Festplatz des Schützenfestes, jetzt war es aber der Name für das im Abstand von mehreren Jahren ganz groß gefeierte Fest der ganzen Gemeinde geworden. Die den Schüttenhoff prägenden Kriegsspiele bewegten sich dabei zwischen ritualisiertem Militarismus und reinem Gaudi, wobei eigentlich nur noch nebenbei die Erinnerung an die Zeit gepflegt wurde, da man den Landesherren verteidigen musste. Das Schießen selbst und das Exerzieren mit der Büchse war zu einer reinen Scheinaufgabe geworden.

Der Zeitpunkt der Entstehung dieser Kriegsspiele ist wohl im Zusammenhang mit der allgemeinen politischen Entwicklung in Deutschland zu sehen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich als Folge der Befreiungskriege von der napoleonischen Herrschaft eine starke nationalistische Grundströmung, deren militante Züge sich nicht zuletzt auch in einer solchen — wenn auch spielerischen — Heroisierung des Soldatentums zeigten.

Holzerode ist nun neben Bodenfelde und Nörten-Hardenberg einer der wenigen Orte in Südniedersachsen, in denen seit dem 19. Jahrhundert diese Sonderform des Schützenfestes, der 'Schüttenhoff', gefeiert wird. Wieviele dieser Feste es hier gegeben hat, ist nicht mehr feststellbar. Aufgrund der Plaketten auf dem Schützenkleinod der Realgemeinde sind zwar eine Reihe von Schützenkönigen und das Jahr der Erringung ihrer Würde bekannt, es handelt sich dabei jedoch nur um die Könige, die als Realgemeindemitglieder dieses Kleinod verliehen bekamen. Die weiteren Schüttenhoff-Könige, die nicht Träger des Kleinodes waren, sind unbekannt und damit auch das Datum ihrer Feste.

In der Regel soll dieses Fest in Holzerode alle fünf bis sechs Jahre gefeiert worden sein. Der letzte große 'Schüttenhoff' alter Tradition fand im Jahre 1913 statt, und es gibt noch eine Reihe von älteren Holzeröder Bürgern, die dieses Fest als Kinder erlebt haben und über den Ablauf folgendes berichten:

„Träger des Schüttenhoffes war die Gemeinde Holzerode, unterstützt vom Kriegerverein und Gesangverein. Ungefähr einen Monat vor dem Fest führte der damalige Bürgermeister Georg Hartmann auf dem Thieplatz eine Gemeindeversammlung durch, in der er alle Gemeindemitglieder befragte, ob nicht wieder einmal ein 'Schüttenhoff' abgehalten werden sollte. Nach der Zustimmung der Mehrheit wurde dann auch sogleich der Termin festgelegt. Als nächstes erfolgte eine weitere Versammlung, in der das Fest 'verdungen' wurde, d.h. an die örtlichen Wirte vergeben wurde, die dafür sogleich eine bestimmte Summe an die Gemeinde zu zahlen hatten. Als Festplatz wurde der Thie bestimmt und auf ihm ein Zelt errichtet. Als letztes wurde dann rechtzeitig vor dem Fest eine Festversammlung durchgeführt, in der ein Festausschuß gewählt wurde und durch Wahl die folgenden Ämter für das Fest vergeben wurden:

1 Oberst, 1 Major, 1 Rittmeister, Adjutanten, 1 Feldwebel, Unteroffiziere, 8 männliche Pioniere, 16 Schützen und Schaffer. Hinzu kamen 1 Damenleutnant, 1 Damenfeldwebel, weibliche Unteroffiziere und Pioniere. Außerdem wurde noch ein Feldgericht eingerichtet, sowie 1 Feldarzt und 1 Apotheker mit Stab bestimmt.

Die weiteren Teilnehmer gliederten sich in zwei Kompanien, eine Kompanie verheirateter Männer und eine zweite aus Junggesellen.

Alle Offiziere und Dienstgrade trugen wilhelminische Uniformen, die ihrem Rang entsprachen und teils eigener Besitz waren, teils zusammengeliehen waren.

In den letzten 14 Tagen vor dem Fest wurde von allen Aktiven fleißig geübt. Auf dem Schießstand des Kriegervereins im 'Ritschen' wurde in drei Abteilungen geschossen, die sich in verheiratete Männer, Junggesellen und Allgemeinheit aufteilten.

Der Schießstand im 'Ritschen' befand sich auf dem heutigen Gebiet zwischen den Straßen Eichanger, Eichstraße und Mühlenbreite. Das Datum seiner Erbauung ist unbekannt, es liegt auf jeden Fall vor der Jahrhundertwende. Es war ein 100-m-Stand, auf dem mit Karabinern geschossen wurde. Man schoß vom heutigen Grundstück Heinrich Diederich, Mühlenbreite 2, aus in Richtung auf das Grundstück Reinhold Hahn, Eichstraße 12, wo sich die Anzeige und Deckung befand. Auf diesem Stand schossen allerdings nur die verheirateten Männer.

Deshalb wurde bei Schüttenhöffen extra ein zweiter Stand vom selben Abschußbereich aus in Richtung auf die frühere Badeanstalt hinter der Zimmerei der Firma Degenhardt/Kolle errichtet; dies war der Stand der Junggesellen.

Neben dem übungsschießen war noch das Einreiten der Pferde sowie die Ausbildung der Pioniere eine wichtige Aufgabe.

Das Fest selbst dauerte dann vom Samstag bis zum Mittwoch der folgenden Woche, wobei an allen Tagen für alle Beteiligten 'Kriegsrecht und Uniformzwang' galt.

Am ersten Tag, dem Samstag, fand das Schießen zur Ermittlung des Schützenkönigs statt. Schützenkönig wurde 1913 der Bürgermeister Georg Hartmann der neben dem Schützenkleinod als Preis eine Wiese auf dem Pfingstanger, die sogenannte Schützenwiese, zur Nutzung für ein Jahr erhielt.

Am zweiten Tag, dem Sonntag, war nach einem gemeinsamen Gottesdienst am Vormittag der Festumzug der Höhepunkt. An ihm hatten sich alle Aktiven zu beteiligen und den Schluß bildete eine Ansprache des Bürgermeisters. Abends wurde dann getanzt.

Der dritte Festtag, der Montag, war der Tag des Barrikadenstürmens. Nach dem allgemeinen Wecken erfolgte der Ausmarsch aller Aktiven bis in die Nachbarorte Spanbeck und Billingshausen, wo die dortige Bevölkerung zum Schüttenhoff nach Holzerode eingeladen wurde.

Bei der Rückkehr in den Ort stellte man dann fest, daß inzwischen das zurückgebliebene Barrikadenkommando den gesamten Ort verbarrikadiert hatte, so daß der Ort nur durch einen Sturm auf die Barrikaden zurückerobert werden konnte. Die Barrikaden bestanden dabei aus Hindernissen jeglicher Art, teils waren es Leiterwagen, gefällte Bäume oder andere feste Gegenstände, teils waren es aber lebende Gruppen (z.B. junge Mädchen). Vor dem Sturm auf eine jeweilige Barrikade wurde als erstes zwischen den Verteidigern und Stürmern die Bedingung mittels eines Parlamentärs und Schiedsrichters ausgehandelt und ein Preis für den Sieger am jeweiligen Hindernis festgesetzt.

So mußten sich nun die stürmenden Truppen mit den Pionieren an der Spitze durch den gesamten Ort kämpfen, bis sie schließlich wieder den Ort in ihrer Gewalt hatten und das Fest mit Tanz auf dem Festplatz fortgesetzt werden konnte.

Am vorletzten Festtag, dem Dienstag, führten dann die Frauen für einen Tag das Regiment. Die Männer durften an diesem Tag den Festplatz nicht betreten, wenn sie nicht eine hohe Geldstrafe zahlen wollten. Die Kriegskasse der Frauen bestand zum größten Teil aus einer Summe, die sich aus einem Pflichtbeitrag von 1,- Mark ergab, den jede Frau, die im Zeitraum seit dem vorhergegangenen Schützenfest geheiratet hatte, zu zahlen hatte. An der Spitze der Frauen standen — ähnlich wie bei den Männern — ein Offizier, ein Feldwebel und weitere Unteroffiziere. Das Regiment der Frauen endete erst um 24.00 Uhr.

In dieser Nacht wurde dann ein anderer alter Brauch gepflegt. Die Junggesellen des Ortes versuchten, sämtliche Ziegen des Ortes den Besitzern aus den Ställen zu entführen und sie dann geschlossen in einem Gatter auf dem Thie zusammenzusperren. Hier wurden sie gefüttert und gemolken und konnten nur gegen ein Entgeld gegen Mittag des Mittwochs von ihren Besitzern wieder eingelöst werden.

Den Rest des Mittwochs wurde dann zum Ausklang des Festes noch einmal auf dem Festplatz getanzt.

Der Donnerstag stand dann noch dem allgemeinen Abräumen zur Verfügung, so daß das gesamte Fest fast eine Woche dauerte."

Dieser „Schüttenhoff" war das letzte große Fest in Holzerode vor Beginn des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914. Mit diesem Datum war nun auch ein tiefer Einschnitt in der Entwicklung des Schützenwesens in Holzerode verbunden. Die Zeit der großen Schützenfeste war vorüber und es sollte 56 Jahre dauern, bis diese Tradition wiederbelebt wurde. (...)

Auszug aus der Jubiläums-Festschrift "25 Jahre Schützenverein Holzerode mit historischem Schüttenhoff, 1983"


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Göttinger Presse vom 22. Juli 1969


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Göttinger Tageblatt vom 22. Juli 1969


Wieder einmal Schüttenhoff in Holzerode

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zusammensetzung unserer Ortsbevölkerung und damit die soziale Struktur von Holzerode wiederum erheblich verändert; viele Neubürger ohne ursprüngliche Bindung an das Dorf sind zu uns gekommen und haben zusammen mit allgemeinen gesellschaftlichen Einflüssen das Leben in unserer dörflichen Gemeinschaft verändernd mitgeprägt. Das gilt insbesondere für den kulturellen Bereich, der nach dem Verlust weitgehend aller Gewerbebetriebe das öffentliche Geschehen quasi allein prägt. All dies ist ein natürlicher Prozeß; der allerdings stets auch Anstrengungen zur Integration erforderlich macht. Notwendige Anpassungen an fortschrittliche, neue Ideen und Entwicklungen müssen mit den bodenständigen Gepflogenheiten verbunden werden, damit es nicht zu einer Spaltung zwischen 'Alten' und 'Neuen', zwischen 'Bewahrung' und 'Veränderung' kommt.

Unser früher zwar recht statischer Ort mit seinen etablierten Einrichtungen sowie einem beständigen Kanon an Bräuchen und Festen hat sich im Zuge der allgemein gestiegenen Mobilität sowie einer starken Orientierung auf Medienunterhaltung, erheblich gewandelt. Vieles von den alten Strukturen ist verloren gegangen oder bedeutungslos geworden, Neues dazugekommen – angesichts unserer notorischen Zeitnot und Terminfülle aber leider auch häufig von allzu oberflächlicher und unverbindlicher Natur. Eine Reihe von alten, früher unser Dorfleben in hohem Maße gestaltenden Aktivitäten sind inzwischen insbesondere unseren jüngeren Mitbürgern schon nicht mehr bekannt. Manchmal scheint es, daß der Faden zu unserer dörflichen Vergangenheit schon weitgehend abgerissen ist: Die auch bei uns früher allgemeingültige Alltagssprache des 'Platt' ist bald vollkommen verschwunden, die traditionellen häuslichen Familienfeiern sind kalten Buffets im Restaurant gewichen und der frühere Jahreshöhepunkt in der Festkultur, die Kirmes, leidet unter geringer Beteiligung und hat erheblich an Schwung verloren – andere, sicherlich auch berechtigte individuelle Interessen stehen bei vielen im Vordergrund.

Etwas aber ist geblieben. Wenn es ins Jahr des Schüttenhoffs geht, kommt wieder ein breites Interesse für das Gemeinschaftsleben auf und damit auch der Bezug zu einer alten Holzeröder Traditionslinie, eine der wenigen, die in unserem 943jährigen Ort erhalten geblieben sind. Etwas salopp formuliert kann man vielleicht sagen: Was für die Rheinländer und sonstigen Narren der Karneval ist, ist für die Holzeröder der Schüttenhoff, nur eben nicht jährlich, sondern nur alle sieben Jahre.

Natürlich gibt es für den heutigen Schüttenhoff historische Vorbilder, die nachgewiesenen Schüttenhöffe im Ort seit Beginn des 19. Jahrhunderts und die nun schon beinahe 30jährige Tradition der vier Schüttenhöffe 'neuer Art' seit 1969.

Was früher zwar auch ein Spiel war, jedoch entsprechend dem Zeitgeist stark militärisches Ritual in den Vordergrund stellte, ist heute nur noch ein großes Spiel, ein launiges, kreatives Fest auf der Grundidee und mit den Kostümen der Vorväter und Vormütter, jedoch in den Aktionen an die Gegenwart angepaßte, beste Unterhaltung und attraktives, kommunikatives Erlebnis.

Über den besonderen Unterhaltungswert hinaus hat der Schüttenhoff aber zugleich auch noch übergeordnete Bedeutungen für den Ort und seine Menschen.

Die Tatsache, daß dieses Fest nur alle sieben Jahre stattfindet, hebt es sogleich aus der Vielfalt der üblichen Feieraktivitäten insbesondere der Vereine heraus. Es steht vergleichbar einem herausragenden Solitär in der kulturellen Ortslandschaft der sonst üblichen Aktivitäten und die Meisten möchten dieses besondere, seltene Ereignis nicht verpassen, ähnlich dem Athleten, der sich vier Jahre auf seine olympischen Spiele vorbereitet.

Damit führt dieses Fest im besonderen Maße die Ortsbevölkerung zusammen, Alt- und Neubürger können sich auf ungezwungene Weise besser kennenlernen, sowie auch so manch ehemaliger Holzeröder zu diesem Anlaß wieder einmal den Weg zurück ins Dorf findet. Das Fest kann also in erheblichem Maße über aktive Teilnahme und Begegnung zur Integration der Dorfgemeinschaft beitragen.

Letztlich bedeutet dieses Traditionsfest natürlich auch die Anknüpfung, an ein gutes Stück Holzeröder Geschichte und damit die Bewahrung eines originären Kulturgutes, das dem Ort auch einen zusätzlichen individuellen Charakter verleiht. Wir haben mit dem Sehüttenhoff ein Fest, das in dieser Art und seinem speziellen Ablauf nur bei uns so gefeiert wird. Nur selten wird heute noch bei Festen unser altes Lied "Wir sind die Holzeröder..." gesungen. In einer Welt der grenzenlosen Anonymität aber brauchen wir mehr denn je solch kleine Gemeinschaftserlebnisse aus der alltäglichen Nachbarschaft, die uns Identität und Geborgenheit geben. Mit dem Schüttenhoff pflegen wir also unsere dörfliche Tradition und stärken in diesem Gemeinschaftserlebnis wiederum ein Stück unserer gemeinsamen Heimat.

(...wird fortgeführt)

Aus: Festschrift Historischer Schüttenhoff 1998, Autor: Dr. Wolfgang Buss


"Alle sieben Jahre Überfall aufs Dorf"

Alle sieben Jahre wird er gefeiert und das seit mehr als 40 Jahren: Seit 1969 gibt es den Schüttenhoff in Holzerode wieder. Viel älter ist seine Geschichte. Schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts ist das Fest in der Ortschaft nachweisbar. Die Tradition geht auf das mittelalterliche Schützenwesen und auf die beginnende Volksbewaffnung im 17. Jahrhundert zurück.

Damals rüsteten die Landesherren die Bauernschaft und ihre Knechte mit Schusswaffen aus. Damit sollten sie die Bevölkerung in den Dörfern vor den vor allem seit Ende des Dreißigjährigen Krieges herumziehenden räuberischen Banden schützen.

Holzerode war laut Ortsheimatpfleger Wolfgang Buss nach Bodenfelde und Nörten-Hardenberg einer der Orte in Südniedersachsen, in dem das große Volksfest gefeiert wurde. Den ältesten Hinweis von dort gibt ein Schützenketten-Kleinod von 1837. Der erste Schüttenhoff sei aber sicher schon früher ausgerichtet worden, meint Buss. Bis zum vorerst letzten Fest 1913 wurde er alle fünf bis sechs Jahre gefeiert. Nur etwa vier Wochen dauerte damals die Planung.

Schon viel länger laufen die Vorbereitungen für den Holzeröder Schüttenhoff 2012 von Donnerstag, 19., bis Sonntag, 22. Juli. Der Pionierzug hat vor Wochen seine neuen Rekruten gemustert. Zusammen mit dem bisherigen Stamm sind 40 Pioniere im Alter zwischen 17 und 39 Jahren für den Barrikadensturm am Sonntag, 22. Juli, für tauglich befunden worden. Für den Einsatz zur Befreiung des Dorfes hat sich die Truppe schon an drei Übungsabenden auf dem Holzeröder Sportplatz vorbereitet. Eine vierte Übung aller Aktiven unter dem Kommando von Oberleutnant Jürgen Cohrs und Leutnant Markus Müller steht dort am Sonnabend, 7. Juli, bevor.

  • Quelle: Ute Lawrenz, "Alle sieben Jahre Überfall aufs Dorf", Artikel im Göttinger Tageblatt vom 5. Juli 2012.