Spätes Bekenntnis eines Denkmalstürmers

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Tageblatt-Redakteuer Jürgen Gückel ist für seinen Beitrag "Spätes Bekenntnis eines Denkmalstürmers" mit dem Alexanderpreis ausgezeichnet worden. Gückel schildert darin die Geschichte einer Aktion gegen das umstrittene Kolonialkriegsdenkmal in Göttingen. Gückel wurde mit dem vierten Preis ausgezeichnet.


Spätes Bekenntnis eines Denkmalstürmers

Wie Rainer Fach vor 30 Jahren den Kolonialkriegsadler vom Sockel stürzte und zersägte

Der Fall ist verjährt, die Reste sind verrostet, Gras ist darüber gewachsen. Schon 30-mal ist das Laub des Reinhardswaldes auf die Stelle gerieselt, wo er vergraben liegt: der zersägte Kolonial-Adler vom umstrittenen Göttinger Deutsch-Südwestafrika-Denkmal. Jetzt hat der, der den Bronzeblech-Vogel einst zersägte, ausgepackt.

Von Jürgen Gückel

Ja, das war ich! Rainer Fach ist rund geworden, Rentner schon, und auch nicht mehr kerngesund. Aus der Politik hat sich er 59-Jährige zurückgezogen, gehört keiner Partei mehr an. Sein privater Kampf gilt in den letzten Jahren dem Erhalt seines Gartenhauses in der Kleinen Wemme südlich von Hann. Münden mit Blick auf die Fulda. Nur noch zwei der nach dem Krieg erbauten Notquartiere in idyllischer Lage stehen. Seines wird wohl das letzte sein, das bleibt.

Die Vogelvoliere soll er demnächst abreißen. Dann will er sie auf Räder stellen und die Behörden damit ärgern. Das passt zu ihm. "Die Zelle Hann. Münden war immer fürs Praktische da", erinnert er sich an die Zeit beim Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW).

Der KBW, dessen Buchverlag er später in Frankfurt auch beruflich als Mann fürs Praktische und "Metallurg" diente, hat es im Dezember 1977 beschlossen: "Das Ding muss weg."

Das Ding, das war der Adler samt Weltkugel auf dem seit Jahren umstrittenen Kriegerdenkmal am Anfang des Friedländer Weges. Eineinhalb Jahre hatte auch der KBW mitdiskutiert. Dem Kommunistischen Studentenbund war die Inschrift "Für Kaiser und Reich" ein Dorn im Auge. Stattdessen sollte an den Völkermord an den Herero und Nama erinnert werden, dessen letzte Opfer in diesen Tagen vor 100 Jahren in der Wüste verdursteten, in die sie die deutschen Kolonialtruppen am Ende des 1904 ausgebrochenen Aufstandes getrieben hatten.

Mit Caramba durch die Nacht

Waren die Göttinger K-Gruppen auch "ein heillos zerstrittener Haufen" - wenn es eine Aufgabe gab, packte der KBW an. Was die Kaderpartei beschloss, wurde gemacht. Ein kleiner Trupp bekam den Auftrag und bereitete den Denkmalsturm generalstabsmäßig vor. Fach muss schmunzeln, wenn er an die Monate vor dem Tag X denkt: Da zogen sie über Wochen - täglich ein anderer - allnächtlich mit der Ölkanne los und träufelten Unmengen rostlösendes Caramba auf die seit 60 Jahren rostenden Schrauben des Adlers. Nach vier Wochen Ölbad bewegte sich etwas. Vorsichtig wurde jede einzelne Schraube Stück für Stück herausgedreht.

"Es hat nur gescheppert"

Dann der 7. April 1978, 2 Uhr morgens: Es war bitter kalt. Der angeblich 2,2 Tonnen schwere Koloss aus Bronze (selbst das hatte man errechnet) sollte vom Sockel gestoßen werden. Pläne, ihn zu verwerten, waren auch schon geschmiedet. Einschmelzen wollte man den Adler und in Form kleiner Medaillen zur Unterstützung des bewaffneten Kampfes in Simbabwe verkaufen. Sogar die Gussform war bereits entworfen: der fünfzackige Stern des KBW auf der einen, ein Text gegen Unterdrückung in Simbabwe auf der anderen Seite.

Es kam anders. Als der Adler stürzte, "hat es nur gescheppert". Gerade einmal 30 bis 40 Kilogramm wog der irrtümlich als massiv angesehene Vogel. Nur der Kopf war aus Messing gegossen, der Rest aus Blech angelötet, die Weltkugel aus Bandeisen gefertigt.

Dem Scheppern folgte der unbemerkte Abtranssport. Die Gruppe hatte sich eigens einen Citroen DS 21 geliehen, damals eines der geräumigsten Fahrzeuge. Rückbank raus, Adler rein. Es passte auf den Millimeter. Zwei "Blocker-Fahrzeuge", die Fahrer mit Walkie-Talkie und für den Notfall mit Straßensperren ausgestattet, sicherten die Zufahrt zum Tatort. Doch es rührte sich nichts.

Dann war es Fach allein, der sich "um den Geier" kümmerte. Im Morgengrauen kam er in Hann. Münden an. Im Reinhardswald westlich der Fulda hat er den Kolonialadler zerlegt, - mit der Bügelsäge, schweißtreibend, denn das Eisensägeblatt war stumpf. Den Kopf hat er abgesägt und die Weltkugel samt Krallen vom Körper getrennt. Den Rumpf vergrub er an einem anderen Ort als den Rest. "Es sollte keiner in der Lage sein, den Schandvogel je wieder zusammenzusetzen."

30 Jahre später hat Fach versucht, die Stellen wiederzufinden, aber der Wald sah ganz anders aus. Aus der Schonung waren hohe Stämme geworden, und "das Blech ist sowieso längst verrostet".

Nur der Adlerkopf bleibt. Den hat der KBW am 1. Mai 1978 in der Weender Festhalle unter 300, 400 Mitfeiernden versteigert - amerikanisch. Und der Staatsschutz schaute zu. Fach nennt den Namen des Beamten, der isoliert in der Ecke saß und die Linken beobachtete. Von ihm ging keine Gefahr aus. Niemand wusste, wer die Denkmalstürmer waren. "Der KBW hatte alles, nur keine Mitgliederlisten." Fotos von der Versteigerung? "Wenn da einer fotografiert hätte, hätte es was auf die Fresse gegeben."

Wer war es denn nun? Außer Fach noch neun andere, von denen er teils nur die Vornamen kennt. Einige hat er angerufen. "Die wollten damit nichts mehr zu tun haben." Einer ist inzwischen Physik-Professor, andere machten gesellschaftlich Karriere. Aber von den heutigen Polit-Größen, die zu jener Zeit in Göttingen studierten, habe damals keiner etwas gewusst.

Täglich Tageblatt gelesen

Und es hat keiner etwas gemerkt. "Wir haben uns fürchterlich geärgert, dass niemand das Ding vermisst hat." Die Wochen nach dem 7. April 1978 waren eine Ausnahmezeit, in der die Göttinger Linke täglich mit Spannung ins Tageblatt schaute, das sonst nur als "Sprachrohr der Bourgeoisie" und "Organ der herrschenden Klasse" galt. Da stand nichts. Schließlich schrieben sie selbst "völlig frustriert" einen Brief ans Tageblatt, um sich zu bekennen. Die Reaktion war mau. So hatte sich das keiner der Denkmalstürmer vorgestellt. Der Aufschrei blieb aus, die Debatte schlief ein.

30 Jahre später hat sich einer von ihnen dann doch noch erinnert. "Ist ja verjährt", sagt Frührentner Fach, lehnt sich in seinem Plastikstuhl zurück und schaut an seiner demnächst fahrbaren Vogelvoliere vorbei hinaus auf die Fulda.

Bewegte Geschichte

Das Göttinger Kolonialkrieg-Denkmal an der Ecke Geismarlandstraße und Friedländer Weg hat eine bewegte Geschichte. Mehrfach war es Ziel von Anschlägen, und über Jahrzehnte gab es Anlass für erregte Diskussionen.

· Ab Januar 1904 tobte im heutigen Namibia, damals Deutsch-Südwestafrika, der Krieg deutscher Kolonialtruppen gegen die Ureinwohner. Ein Völkermord, denn allein vom Stamm der Herero überlebten bis 1908 nur 16000 von einst 80000 Menschen.

· 1910 errichten Offiziere und Soldaten mit Unterstützung der Stadt den vier im Kolonialkrieg gefallenen Kameraden des 82. Infantrie-Regiments ein Denkmal. Sie seien "für Kaiser und Reich" gestorben.

· Drei Jahre später wird das Denkmal mit einem bronzenen Adler bekrönt.

· Zur 25-Jahr-Feier 1935 heißt es über "unser einzigartiges Afrikaner-Denkmal", der Adler warte "auf den Tag, an dem das Volk ohne Raum wieder Siedlungsland und Rohstoffland bekommen wird."

· Seit den Studentenunruhen 1968 wird das Kriegerdenkmal zunehmend kritisch gesehen. Mitte der 70er Jahre fordern linke Gruppen die Beseitigung, finden in der Politik aber kein Gehör.

Adler vom Sockel

· Am 7. April 1978 wird der Adler von Mitgliedern des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) vom Sockel gestürzt und zersägt.

· Am 1. Mai 1978 wird bei der Maifeier des KBW der Kopf des Adlers zu Gunsten der Befreiungsbewegung Simbabwes versteigert. Er bleibt für mehr als 20 Jahre verschwunden.

· Ende der 80er Jahre flammt die Diskussion um die Umwandlung des Kriegerdenkmals in ein Mahnmal gegen Kolonialismus (Vorschlag der GAL-Fraktion) wieder auf.

· 1990 endete sie ergebnislos. Auch ein zweiter Anlauf Reinhold Wittigs wird 2003 abgelehnt. Das Denkmal spiele "im öffentlichen Bewusstsein Göttingens weder früher noch heute eine besondere Rolle".

· 1999 taucht der Kopf des Adlers wieder auf. Der Berliner Historiker Joachim Zeller überbringt ihn der Student History Society der Universität Windhoek, Namibia - als Geschenk eines anonymen Privatmannes.

· Im Januar 2004 berichtet das Tageblatt von der bevorstehenden Ausstellung zum 100. Jahrestag des Herero-Krieges in Köln und Berlin. Der Adlerkopf aus Namibia gehört zu den Exponaten. Im Kommentar werden die Denkmalstürmer von 1978 aufgefordert, sich zu offenbaren.

· Im Januar 2007 will die Stadt das Denkmal mit kritischen Zusatzinformationen zum Kolonialkrieg versehen, da zerschlägt ein Unbekannter Tage vorher die marmorne Gedenktafel.

· Im Frühjahr 2007 wird die zerschlagene Platte mit einer Plexiglasscheibe geschützt. Eine Zusatztafel erinnert an den wahren historischen Hintergrund. ck


Quelle