Stolpersteine

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Stolpersteine spielen in der Erinnerungskultur eine wichtige Rolle, da sie den Erinnerungsdiskurs in die Mitte der Gesellschaft tragen. Man muss sie nicht gezielt aufsuchen, um auf Spuren einer fatalen Politik zu stoßen, sondern „stolpert“ an vielen Orten darüber. Stolpersteine sind in Messing gegossene Erinnerungstafeln, in die Name, Geburtstag und Sterbedatum eines NS-Opfers eingelassen sind. Die Steine werden von dem Erfinder und Initiator Gunter Demnig selbst am Ort des ehemaligen Geschehens eingelassen. Das Projekt besteht seit 1992 und wird sowohl in Deutschland als auch in ganz Europa realisiert. Neben dem Effekt, dass man über die Geschichte Deutschlands praktisch überall stolpert, haben Stolpersteine noch andere wichtige Funktionen, welche zur Erinnerungskultur beitragen. Die Soziologie beschreibt den Beitrag der Stolpersteine als wertvoll, da das sogenannte kulturelle und kommunikative Gedächtnis bedient wird. Dabei handelt es sich bei dem kommunikativen Gedächtnis um die mündlich übertragenen Erinnerungen, welche in das Kurzzeitgedächtnis einer Gesellschaft eingehen. Bei dem kulturellen Gedächtnis handelt es sich um Erinnerungsfiguren, welche künstlich geschaffen zur Wissensvermittlung beitragen. Somit gilt diese Art des Erinnerns als Langzeitgedächtnis einer Gesellschaft. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht erfüllen Stolpersteine vor allem pädagogische Zwecke. Zwei wesentliche sind hierbei die Gedenkstättenpädagogik und die Demokratiepädagogik. Bei der Gedenkstättenpädagogik werden zwei pädagogische Aufgaben erfüllt: zum einen erhält sie die Tradition des Erinnerns an sich und zum anderen soll es zukunftsorientiert wirken. Dies geschieht durch das Lernen und die Bildung an Ort und Stelle. Durch die Vermittlung des Geschehens und des Wissens kann ein Individuum sein Weltbild verändern und somit die Zukunft und die Gegenwart aktiv beeinflussen und gestalten. Bei der Demokratiepädagogik handelt es sich um Aktivitäten in Praxis und Wissenschaft mit dem Ziel, die Erziehung zur Demokratie zu fördern. Hierbei stehen Menschenrechte und grundlegende Normvorgaben im Vordergrund. Der zwingend pädagogische Handlungsbedarf entsteht, da Demokratie als politische Errungenschaft permanent einer Aktualisierung bedarf. Diese geschieht vorwiegend in Bildungsträgern wie Schulen. Obwohl Stolpersteine wie gezeigt wichtige Funktionen erfüllen, gibt es durchaus auch negative Kritik. Zentrale Kritikpunkte sind folgende: - Platzierung auf dem Boden - Ablehnung durch israelische Kulturgemeinde - Verharmlosung oder Verniedlichung durch die Verlegung vereinzelter Stolpersteine - Auswahl von NS-Opfer - Assoziationen mit antisemitischem Spruch - bessere Gedenkformen realisiert - Kommerzialisierungsvorwurf - Verwendung von ‚Nazi-Jargon‘

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Auch in Göttingen gab es zunächst Zweifel, ob Stolpersteine die richtige Art des Erinnerns sein können. Dabei griff die 1. Vorsitzende der jüdischen Kulturgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V. die oben aufgeführten Kritikpunkte auf. Da es nicht nur negative Stimmen die Stolpersteine betreffend gab, wurde 2012 der erste Stolperstein in Göttingen verlegt. Seither gab es in der Stadt über 40 Stolpersteine.

Quellen:

  • Assmann, Jan 2017: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: C.H. Beck.
  • Bergem, Wolfgang 2003: Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. Opladen: Leske + Budrich.
  • Hesse, Hans 2017: Stolpersteine. Idee, Künstler, Geschichte, Wirkung. Essen: Klartext.
  • Horn, Klaus-Peter 2001: Authentizität und Symbolisierung, Gedenken und Lernen. Anmerkungen zu Gedenkstätten in Deutschland und ihre Pädagogiken. In: Berg, Christa/ Dudek, Peter et al. (Hrsg.): Jahrbuch für Historische Bildungsforschung. Band 7. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.