Türmerwohnung

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Kurzes Glück: Arthur von Hippel 1927 mit seiner späteren Frau Marianne von Hippel, die nur 19 Jahre alt wurde.
Haus der Familie Hippel

Bis 1921 wachten Türmer auf dem Nordturm von St. Johannis-Kirche Göttingen über die Sicherheit der Stadt Göttingen. Nach dem Ende dieser Tätigkeit entstand dort eine Studentenwohnung, die 80 Jahre lang existierte und zu einem Göttinger Wahrzeichen wurde. Etliche Göttinger, Besucher und Touristen sind im Laufe der Jahre hinaufgestiegen.

Um die außergewöhnliche Behausung und ihre Bewohner wie den Märchenforscher Walter Scherf ranken sich viele Geschichten.

Einige Jahre lang befand sich die Geschäftsstelle der „Osthilfe Westdeutscher Schülervertretungen“ auf dem Turm befand.

Mitte der 50er Jahre sang der Jura-Student Horst Henze regelmäßig das Nachtwächterlied „Hört ihr Herrn und lasst euch sagen“ vom Turm herunter.

Anekdoten aus dem Fundus des Arthur von Hippel

Arthur von Hippel beschreibt in seinen Memoiren viele Anekdoten mit berühmten Wissenschaftlern seiner Zeit, die damals in Göttingen wirkten.

  • Prof. Walther Hermann Nernst (Nobelpreis für Chemie 1921, Erfinder der Nernst-Lampe): Er verkaufte seine außerordentliche Erfindung für eine Million Mark, kurz bevor die Tungsten-Lampe sie überflüssig machte. Dank seines so erlangten Wohlstands besaß er eines der ersten Automobile. Ich habe immer noch Nernst und meinen Vater vor Augen, wie sie in diesem hochrädrigen eigenartigen Apparat zur Jagd fuhren – Nernst am Lenkrad und mein Vater stehend neben ihm, mit einer Trompete Passanten und Tiere warnend.
  • James Franck (Nobelpreis für Physik 1925): Als Ernest Rutherford (Nobelpreis für Chemie 1908) seine Galavorlesung in der Universität gab, vergaß Franck Rutherfords Namen, als er ihn vorstellen wollte. Nachdem er sich herumgedrückt hatte mit Worten wie „der Mann, den wir alle kennen“, platzte er schließlich heraus: „Verdammt nochmal! Wie heißen Sie?“
  • David Hilbert (Mathematiker von Weltruf): Ich hatte gehört, als er sich auf dem Weg zur Universität mit meinem Vater unterhielt (sie kamen beide aus Ostpreußen), und als mein Vater empört ausrief „Aber Herr Hilbert, gestern haben Sie das genaue Gegenteil behauptet!“, antwortete Hilbert kühl: „Darf man nicht einmal seine Meinung ändern?“ Im Herbst hatte ich ihn unter einem Apfelbaum stehen sehen – unter seiner stämmigen Assistentin Frau Emmy Noether (Mitbegründerin der modernen Algebra), die Äpfel aus den Zweigen pflückte. Im schönsten ostpreußischen Tonfall rief er: „Dass sie nur nicht fallen!“ „Ich bin hier oben sicher, Herr Geheimrat“, versicherte Dr. Noether. „Ich habe aber die Äpfel gemeint“, war seine Antwort.
  • Victor Ehrenberg (Jura-Professor, in dessen Haus eine Studentenfeier stattfindet): Als der alte Herr müde wurde und wir keine Anstalten machten zu gehen, ging er zu seinem Kanarienvogel und deckte den Käfig mit den Worten zu: „Hänschen, du kannst schlafen gehen, aber ich habe liebe Gäste.“ Das beendete die Party mit schallendem Gelächter.
  • Niels Bohr (Nobelpreis für Physik 1922): Wir saßen wie angewurzelt, als Professor Bohr im größten Vorlesungssaal mit erleuchtetem Gesichtsausdruck geistesabwesend zur Tafel und zurück ging und dabei die Deckenlampe bei jedem Durchgang mit seinem Zeigestock traf.
  • Victor Moritz Goldschmidt (Mitbegründer der modernen Geochemie): Er lebte zusammen mit seinem Vater und einer Anzahl gezähmter Eichhörnchen, die ihn durch die geöffneten Fenster besuchten. Sie waren benannt nach seinen wissenschaftlichen Feinden in seinem Heimatland Norwegen. Sein Vater, der einen mächtigen Bart zur Schau trug – damals sehr unüblich – war im Freibad eine vielbestaunte Attraktion.
  • Zwei Theologieprofessoren nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft: Einer von ihnen war ein liebenswürdiger Mann, der nicht weit vom Haus meines Vaters wohnte. Als der andere, ein glühender Nazi, vorbeiging, rief ihm der erstere, der gerade seinen Gemüsegarten rodete, zu: „Geehrter Kollege, heute habe ich ganz in Ihrem Sinne gehandelt: Ich habe die ganze Familie Löwenzahn ausgerottet.“

Literatur