Thomas Sippel

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Thomas Sippel
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Thomas Sippels Schenke, der spätere Gasthof Bürgerpark

Thomas Sippel, 1770 als Sohn eines Dragoners in Kirchgandern geboren, diente 16 Jahre auf der Karibikinsel Jamaika als Soldat. Seinen Lebensabend verbrachte er als Gastwirt in Grone.


16 Jahre hatte der in englischen Diensten gestanden. Auf Jamaika war er bei der Niederschlagung des Schwarzenaufstands von 1805 dabei. Er überlebte Tropenkrankheiten und das verheerende Erdbeben von 1813, das 1300 Menschen tötete. In Ehren ausgemustert kaufte der 47-Jährige ein Lokal in Grone. Er heiratete eine 24-Jährige, mit der er drei Töchter hatte.


1833 erschienen seine abenteuerlichen Lebenserinnerungen, von denen es ein Exemplar in der Göttinger Universitätsbibliothek gibt. 339 Subskribenten, die im Anhang des Buches genannt werden, ermöglichten durch vier Groschen Vorkasse die Herausgabe des Werks. Dort berichtet Sippel, wie er auf Anordnung des Vaters als junger Mann erst einmal die Nadel und nicht den Degen zu führen lernte. Eine Ausbildung beim Korporal Regimentsschneider in Niedernjesa brach er jedoch bereits nach acht Tagen ab. Später kam er zu einem Schneidermeister nach Klein Lengden. Auch dort suchte er nach einiger Zeit das Weite.


In den kommenden Jahren verdingte sich Sippel in der Landwehrschenke bei Göttingen als Hausknecht. 1793 bot sich dem mittlerweile 23-Jährigen die Möglichkeit, die ersehnte militärische Laufbahn einzuschlagen. Er trat in Göttingen in das 9. Infantrie-Regiment ein. Während des französischen Revolutionskriegs kämpfte er in Flandern. Seine Feuertaufe erlebte er vor der Stadt Cambray. Unter französischem Kanonendonner sei er „zum thätigen Krieger geweiht worden“, berichtet der Infantrist.


Nach sieben Soldatenjahren quittierte Sippel 1800 wegen einer ungerechten Bestrafung den Dienst. In seinem Buch bekennt er, dass ihm damals eine unglücklich verlaufene Liebesbeziehung das Leben vergällt habe. Der 30-Jährige verprasste in Altona bei Hamburg sein ganzes Geld. Dann ließ er sich von englischen Werbern als Söldner rekrutieren. Mit anderen Deutschen wurde er über Cuxhaven nach England verschifft. Seine neuen Herren teilten ihn dem 60. Westindischen Regiment zu.


Gemeinsam mit 500 Rekruten trat er auf der Fregatte Ceres die fünfwöchige Fahrt nach Kingston, Jamaika, an. An Bord freundete er sich mit dem Sohn eines Amtsmanns an. Der hatte in Göttingen studiert, war aber nach dem Auffliegen einer Liebesbeziehung religiert worden. Nun wollte er in der neuen Welt von vorne beginnen. Kurz vor Ende der Schiffspassage gerieten zwei Rekruten beim Kartenspiel aneinander, erzählt Sippel. Es kam zu einer Schlägerei, bei der beide Männer über Bord gingen. Sofort wurde ein Rettungsboot herabgelassen. Doch da hatten bereits Haie die Raufbolde zerfleischt. Die Fregatte hielt vor Martinique. Schwarze kamen an Bord und boten Früchte feil. Anschließend bestiegen mit Zustimmung des Kommandeurs Indianerinnen das Schiff. Sippel, immer noch von Liebeskummer gequält, wahrte Distanz.


In Kingston machte der Söldner erneut mit Göttingern Bekanntschaft. Die Brüder Schellper gehörten der Regimentsmusik an. Sie sahen die alte Heimat nicht wieder, schreibt Sippel. Die Liebe zum Rum habe sie ins frühe Grab gebracht. Irritiert beobachtete der Söldner, dass nach dem nächtlichen Auslöschen der Lichter Frauen in die Baracken der Soldaten schlichen. Dabei kam es wiederholt zu Verwechslungen, notiert Sippel. Diese führten dann morgens zu Schlägereien unter den Soldaten.


Auch der Neue schloss nachts Bekanntschaften. Mit Wanzen. Die Alteingesessenen wussten Rat: Gegen das Ungeziefer gebe es kein besseres Mittel, als sich an den Besuch zu gewöhnen. Lästig war ein schwarzes Insekt, dass sich nach Einbruch der Dunkelheit unter die Fuß- und Fingernägel saugte. Es bildeten sich schmerzhafte Blasen, die sich entzündeten und zum Teil zum Verlust von Händen und Füßen führen konnten.


Die Sklaverei auf Jamaika schockierte den Deutschen. Als er nach der Ankunft die ersten Negersklaven beim Reinigen eines Platzes sah, brach er fast in Tränen aus. Jeweils zwei waren aneinandergekettet. Doch als 1805 eine Rebellion von Schwarzen niederzuschlagen war, tat der Söldner seine Pflicht. Der Marsch in die Unruheprovinz wurde allerdings zur Tortur. Die Bäche waren aufgrund von Regenfällen zu reißenden Flüssen angeschwollen. Die Soldaten ernährten sich tagelang nur von Früchten und Schlangen. Gelbfieber brach aus. Viele starben.


Von 1806 bis 1809 diente Sippel als Regimentsschneider. 1811 übernahm er zusätzlich die Leitung der Offiziersmesse. 1816 erkrankte er zum dritten Mal an Gelbfieber und überlebte nur knapp. Nach seiner Genesung bekam er eine Augenentzündung, durch die er halbseitig erblindete. Daraufhin riet ihm der Arzt, nach Europa zurückzukehren. Auf der Rückfahrt geriet Sippels Schiff in einen Orkan. Vier Tage lang blieb die Küche kalt. Die Passagiere ernährten sich von Schiffszwieback und Rum. 15 Mann gingen über Bord. Nach sieben Wochen stand Sippel wieder auf festem Boden. 1817 konnte er sich in Grone die Gastwirtschaft kaufen. Die schmückte ein Schild mit einem englischen Linienschiff und dem Spruch „Rule Britania, rule the Waves. Britons never shall be Slaves.“

Das Lokal, das der langjährige Karibik-Söldner Thomas Sippel 1817 erwarb, befand sich in der heutigen Martin-Luther-Straße 11 in Göttingen. Diese hieß damals Holtenser Landstraße. Das Gebäude war 1778 von Jonas Wahl erbaut worden. Die Groner kannten die Gastwirtschaft unter dem Namen Schinderkuhlenkrug. Auf der Pfarrwiese gegenüber wurde nämlich verendetes Vieh gehäutet (geschunden). Sippel übernahm das Lokal von Jonas Wahls Nachfolger Apel. In der Apelshöhe war 1811 das Corps Bremensia gegründet worden. Bundesbrüder schlugen auf dem Saal Mensuren.


Sippel gab den Krug 1849 mit 79 Jahren ab. Die Gastwirschaft hieß ab 1899 Bürgerpark. Der neue Besitzer, Heinrich Hampe, erweitere die Studenten-, Vereins- und Versammlungsgaststätte. Hampe wurde später Bürgermeister. Nach seinem Tode 1946 führte Witwe Hampe, alten Göttingern als Oma Marie bekannt, das Lokal weiter. Später übernahmen deren Kinder die Leitung. 1970 kaufte die Stadt Göttingen das traditionsreiche Haus und riss es ab.


Quelle

Michael Caspar: Karibik-Söldner verbringt Lebensabend in Grone. Göttinger Tageblatt, 4. Januar 2008.