Tontier aus der Vorgeschichte

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Bär oder Schwein: Grabungsleiter Thorsten Schwarz, Northeims Kreisarchäologin Petra Lönne und Ausstellungsleiter Gerhard Schulze mit dem rätselhaften Tier.

Rätselhaftes Tontier aus der Vorgeschichte

Ist es Bär oder Schwein? Im Zuge der archäologischen Notgrabungen vor der Erschließung des Gewerbeparks Hardegsen ist die Tonfigur gefunden worden. In der Ausstellung zur Hardegser Stadtgeschichte des Verschönerungs- und Heimatverein Hardegsen ab dem 31. August 2008 im Burgstall wird das Tier zum ersten Mal öffentlich gezeigt.

Vorsichtig, fast liebevoll, nimmt Northeims Kreisarchäologin Petra Lönne das Tontier und setzt es sich auf die Hand. Die rüsselartige Nase erinnert an ein Schwein, der Stummelschwanz könnte einem Bär gehören. Manche Betrachter haben laut Lönne auch eine Echse in der Figur gesehen, die verziert ist mit eingeritzten geometrischen Figuren. Es sind linienbandkeramische Ornamente, erklärt die Kreisarchäologin und verweist die Figur damit in die Zeit vor rund 7000 Jahren.

Und doch ist das Tier fast vollständig erhalten. Nur ein Bein fehlt und ein Ohr. Das Ohr wurde bei der Grabung abgeschlagen, bedauert Lönne. Ein viertes Bein, eigentlich etwas zu groß, wurde in derselben Grube gefunden. Wegen dieses zu langen Beins nimmt man an, dass die Skulptur auf einem Kumpf, einem Gefäß aus der Zeit, gesessen habe, gibt Lönne eine mögliche Erklärung. Der bedeutende Fund wird, frisch restauriert, in der Ausstellung Hardegser Stadtgeschichte zum ersten Mal öffentlich gezeigt. „Nach ersten Zufallsfunden durch den Landwirt Ropeter in den 30er Jahren lieferte der verstorbene Arzt und Heimatforscher Dr. Gert Bredenschey aus Hardegsen wertvolle Hinweise auf diese bedeutende Fundstelle“, erläutert Lönne zu der Grabungsfläche im Bereich des heutigen Gewerbeparks.

Durch systematische Feldbegehungen habe Bredenschey umfangreiches Fundmaterial der linienbandkeramischen Kultur und der Römischen Kaiserzeit aufgelesen. Deshalb habe die Stadt Hardegsen vor der Überbauung mit dem Gewerbepark auf Anregung der Bezirksarchäologie Braunschweig eine Magnetometer-Messung auf der gesamten Fläche durchgeführt. Dank der Messungen zeichneten sich hausbegleitende Gruben ab. So war es möglich, das Areal der bandkeramischen Siedlung einzugrenzen und die Notgrabungen im Zuge der Erschließungsarbeiten für den Gewerbepark sehr gezielt durchzuführen. Rettungsgrabungen erfolgten auch im Zuge der Verlegung und Erneuerung der Erdgashochdruckleitung zwischen Hardegsen und Lütgenrode.

Das kleine Tontier erzählt Geschichte: Die linienbandkeramische Kultur war laut Lönne in dieser Region die erste Kulturgruppe, die ihren Lebensunterhalt vorwiegend durch Ackerbau und Viehzucht bestritt. Vor etwa 7500 Jahren hat sie Einzug ins südliche Niedersachsen gehalten und vermischte sich mit einheimischen Jägern und Sammlern der Mittelsteinzeit oder verdrängte diese Gruppen. „Mit der Einwanderung der Bandkeramiker und der damit verbundenen  Einführung der Landwirtschaft war eine nachhaltige Veränderung der Naturlandschaft verbunden“, schildert Lönne die Folgen der Durchdringung. „Um Anbauflächen für das mitgebrachte Getreide, vorwiegend Emmer und Einkorn, zu gewinnen, waren Rodungen großer Flächen des bis dahin noch ungestörten Urwaldes erforderlich.“ Das Baumholz wurde zum Bau der in Hevensen bis zu 30 Meter langen Großhäuser verwendet.

„Neben dem Anbau von Getreide“, so Lönne, „nahm die Viehzucht mit Rindern, Schweinen, Ziegen und Schafen einen hohen wirtschaftlichen Stellenwert ein.“ Neben den bandkeramischen Häusern wurden bei den Notgrabungen auch jüngere Hausgrundrisse der sogenannten Rössener Kultur ab 4900 vor Christus erfasst, die laut Kreisarchäologin die Attraktivität des Siedlungsplatzes in Hardegsen wiederspiegeln.