Volksbank Mitte eG

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Auf der blauen Bank und immer in der Mitte: Martina Glahn und Kurt Klemens.

Porträt im Göttinger Tageblatt

Eine Bank-Ausbildung nach westlichem Standard: Das forderte Martina Glahn 1991 vom Vorstand ein, als die Raiffeisenbank Dingelstädt mit der Volksbank in Duderstadt fusionierte. Damals sprach Vorstand Josef Nolte mit allen Mitarbeitern der thüringischen Bank, die im Oktober des Vorjahres aus der Bäuerlichen Handelsgenossenschaftschaft hervorgegangen war. Die Wende hatte die Bankmitarbeiter der DDR gezwungen, beruflich noch einmal ganz von vorne anzufangen, erinnert sich Glahn (50), die heute als Regionaldirektorin für neun Geschäftsstellen und 30 Mitarbeiter zuständig ist.

Zeit in der DDR

Die Bäuerliche Handelsgenossenschaft war zu DDR-Zeiten zwar vom Namen her noch eine Genossenschaft, tatsächlich hatte sie sich jedoch zu einem Kontrollorgan des Staates für Bauern entwickelt. Glahn studierte 1989, damals 27 Jahre alt, berufsbegleitend Finanzökonomie in Gotha. Die bekennende Katholikin musste sich in die Werke von Karl Marx und Wladimir Lenin vertiefen.

Das war mit der Wende passé. Die Bankmitarbeiter wurden mit völlig neuen Dingen konfrontiert. In der DDR waren Sparbuch und Girokonto eins, berichtet Glahn. Kundenkarten gab es Ende der 80er-Jahre vereinzelt in Großstädten wie Ostberlin oder Erfurt. Sparbriefe waren unbekannt. Niemand konnte in der DDR einen Kredit aufnehmen, um ein Auto zu kaufen. Vertraut war den Menschen nur der Eheleutekredit, den das Ministerium für Wirtschaft und Versorgung zur Hochzeit vergab. Im Bankalltag arbeiteten die Werktätigen ohne Computer, oft sogar ohne Schreibmaschine.

Ein neues System

Glahn und ihre Kolleginnen hatten den Ehrgeiz, das neue System von Grund auf zu verstehen. „Nach der Wende verloren viele Männer ihre Arbeit“, erzählt die Regionaldirektorin. Die Frauen hätten damals oft entschieden, selbst das Ruder zu übernehmen. Glahn lernte künftig außerhalb der Arbeitszeit Mittwochsabends und am Sonnabend mit Kolleginnen.

Volksbank-Mitte-Vorstand Kurt Klemens, der damals noch in Witzenhausen arbeitete, erinnert sich lebhaft an eine seiner ersten Begegnungen mit den selbstbewussten Ostfrauen. Vor seiner Bank in der Gelsterstraße hielt ein Wartburg, aus dem drei Heiligenstädter Kolleginnen ausstiegen. Der Mann bliebt im Auto sitzen. Klemens fragte verblüfft: „Will der denn nicht hereinkommen?“ Die Antwort der Frauen: „Der bleibt im Auto. Das ist unser Fahrer.“

Die Volksbank im Eichsfeld fusionierte in den kommenden Jahren mit Northeim und später mit der Raiffeisenbank Rosdorf. Die Nord-Süd-Ausdehnung des Geschäftsgebiet beträgt seither 80 Kilometer, die Ost-West-Ausdehnung 60 Kilometer. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich auf 26 000 Personen.

„Wir stehen mit unseren 250 Mitarbeitern vor der Herausforderung, trotz dieser Größe Nähe erlebbar zu machen“, meint Klemens. Dazu dienen die vier Regionalbereiche. Alle Genossenschaftler bekommen einmal im Monat eine Mitgliederzeitschrift zugeschickt.

Mit Veranstaltungen sucht die Volksbank den Kontakt. So bietet sie zusätzlich zur gesetzlich vorgeschriebenen Vertreterversammlung an 17 Orten Bezirksveranstaltungen an. Dort nimmt der Vorstand auch zu aktuellen Themen Stellung. In letzter Zeit ging es oft um die Euro-Krise. Klemens: „Wir haben klar gemacht, dass uns eine Verteufelung der Griechen nicht weiter bringt. Man muss auch mal drei Schritte weiter denken.“

Daneben gibt es Vorstandsdialoge in den Geschäftsstellen, wo Mitglieder bei belegten Brötchen mit den Vorständen ins Gespräch kommen können. Die Volksbank veranstaltet jährlich Sonntagsbuffets, zu denen jeweils 400 Personen kommen. Ein Mitgliederclub bietet Fahrten an. Gemeinsam mit dem Kreissportbund richtet die Volksbank Wanderungen aus. Ältere Mitglieder werden an runden Geburtstagen besucht. Derzeit erarbeitet die Bank gemeinsam mit Mitarbeitern und Mitgliedern ein Unternehmensleitbild.

Auch der neue Name „Volksbank Mitte“ wurde im Zuge einer Diskussion mit den Mitgliedern gefunden, betont Klemens. Der Name biete sich für Wortspiele an. Der Vorstand macht sich einen Spaß daraus, sich zu Kunden auf die blauen Bänke zu setzen, die seit 2011 in den vier Regionaldirektionen stehen: „Ich komme mal in ihre Mitte.“