Ziegelhütte „Hölle“

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Hütte Hölle

Im Jahre 1581 wurde die Ziegelhütte auf der Hölle (gelegen an der heutigen B 446 ca. 1 km südlich von Holzerode) vom plessischen Amtmann Hesse erbaut und belehnt, d.h., dass den Besitzern Holz zum Brennen der Ziegel zur Verfügung gestellt sowie der Abbau von Kalk und Gips genehmigt wurden. Kohle kannte man damals noch nicht. Es wurden auch noch keine Backsteine gefertigt. Das Holz musste selbst gehauen werden, ein Teil sogar unentgeltlich. Es war auch Land bei der Ziegelhütte, Lehmland.

Der Herrschaft Plesse musste für das Lehn Ziegel, Kalk und Gips für einen geringen Preis geliefert werden. Ich (Heinrich Degenhardt) hatte noch einen Lieferungsvertrag, den ich aber der Familie Kasten, jetzt wohnhaft in Herzberg, übergeben habe. Der Besitzer der Hölle musste eine schriftliche Erklärung abgeben, in der er garantierte, dass die Ziegel 12 Jahre nicht bersteten, abblätterten und dergleichen; er haftete hierfür mit seinem ganzen Vermögen. Ebenso war der Fuhrlohn für die Ziegel, den Kalk und den Gips vorgeschrieben. Der erste Besitzer war Hartmann, dann kaufte sie 1654 Damm, dessen Nachkommen noch heute in Krebeck leben. Damm war 132 Jahre im Besitz der „Hölle“. Am 31. Juli 1786 verkaufte Damm die Ziegelhütte an Philipp Fink, dem diese am 6. März 1805 als „Erblehn“ übertragen wurde. Fink verpachtete die Ziegelhütte an Joh. Ignaz Wand und dessen Ehefrau zu einem Pachtzins von 1200 Talern jährlich. Wand kaufte später dann auch die „Erblehnhütte“ von Fink und verkaufte sie mit Zustimmung des Fürsten Rotenburg am 23. September 1813 wiederum an Friedrich Heine aus Renshausen für 1.400 Taler (der Lehnsbrief hierfür wurde am 12. Januar 1814 ausgefertigt). Aber schon 1815 kaufte Ignaz Wand die Ziegelei für jetzt schon 1.600 Taler wieder von Heine zurück. Damit hatte jetzt auch erstmalig ein Holzeröder die Ziegelei im Besitz, denn Wand lebte nun im Ort, starb hier 1829 und wurde auch hier begraben. Die Witwe Wand verpachtete zunächst die „Hölle“ an Heinrich Freye; das im Pachtvertrag festgestellte Inventar wurde von meinem Urgroßvater, dem Schulzen Andreas Degenhardt, und dem Vormund der Witwe Heinrich Klinker am 4. August 1829 aufgenommen. Der Nachfolger der Familie Wand als Besitzer der Ziegelei wurde Harth aus Renshausen, der damit 1840 belehnt wurde. Nach dessen Tode heiratete die Witwe Harth Johannes Kasten aus Renshausen, der damit in den Besitz der Ziegelei kam. Im Jahre 1900 verkaufte Kasten die Ziegelei mit 17 Morgen Land für 19.000 RM an die Gebrüder Rudolf aus Krebeck. Die Rudolfs verkauften die Ziegelei dann im Jahre 1928 weiter an die Gemeinde Holzerode für 28.000 RM, die damit die Arbeitsplätze im Ort sichern wollte. Aber schon im Jahre 1934 musste die Gemeinde die Ziegelei zurückverkaufen, und zwar an die vormaligen Besitzer Rudolf aus Krebeck mit 50 Prozent Verlust für 14.000 RM. Die nationalsozialistische Gemeindeführung war nicht in der Lage, den Betrieb rentabel zu führen. Schon bald danach verkaufte aber Rudolf die Ziegelei neuerlich an die hannoversche Firma Schriever & Co., die den Produktionsbetrieb zwar auch in den Kriegszeiten aufrecht erhielt, 1944 dann jedoch schließen musste. Erst im Jahre 1954 wurde der zwischenzeitlich stillgelegte Betrieb wieder aufgenommen. Mitte der 50-er Jahre übernahm der Hannoveraner Unternehmer Rademacher den Betrieb von den Schrievers und führte ihn bis zur seiner Aufgabe um das Jahr 1970 herum. Hierbei war die Ziegelei immer auch ein wichtiger Arbeitgeber für den Ort, in dem ab 1960 auch die ersten Gastarbeiter aus Italien arbeiteten – eine Sensation in Holzerode, an die man sich aber schnell gewöhnte. Die Ziegelei „Hölle“ war in der Geschichte des Ortes die einzige industrielle Produktionsstelle. Vollständigkeitshalber sei noch erwähnt, dass in der „Hölle“ nicht die einzige Ziegelei in der Gemarkung von Holzerode stand. Nachgewiesen ist eine zweite Ziegelei, die auf dem Gelände des jetzigen Schützenhauses am Osterholz zumindest um das Jahr 1900 u.a. von dem „Großbauern“ Wagner betrieben wurde (Wagner war damals Eigentümer des Hofes auf dem jetzigen Grundstück Dorfstraße Nr. 10, früher Heinemann).

(überarbeiteter und ergänzter Beitrag aus der Familienchronik des Gastwirtes Heinrich Degenhardt, Holzerode, aus dem Jahre 1941) Überarbeitung und Ergänzung: Wolfgang Buss. Aus: Festschrift 950 Jahre Holzerode, 2005

Die Hölle hat keinen Schornstein mehr

Ende eines Industriestandortes: Wie ein Baum fällt der Schornstein...

Für viele Holzeröder war er ein Wahrzeichen der Region, der Betrieb Jahrhunderte einer der größten Arbeitgeber und für geschichtsbewusste Menschen ein Denkmal der Industrialisierung. Jetzt ist der rote, schlanke Schornstein der alten Ziegelei „Hölle“ bei Holzerode verschwunden.

Mitarbeiter einer Spezialfirma haben ihn am Wochenende umgerissen – sprengen war zu gefährlich. „Die Hölle hat keinen Schornstein mehr“, sagte anschließend Holzerodes Ortsheimatpfleger Wolfgang Buss ein wenig wehmütig. Bis 1581 reicht die Entstehungsgeschichte der früheren Ziegelhütte und späteren Ziegelei etwa einen Kilometer südlich von Holzerode zurück. Benannt ist sie nach dem Namen des angrenzenden Tals „Hölle“. Viele wechselnde Besitzer hielten den Betrieb bis 1970 aufrecht – seitdem verfielen die Backsteingebäude.

Der Schornstein wurde vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut, könnte also 200 Jahre alt geworden sein, so Buss. Inzwischen gehört das Gelände der Firma Sunfarming mit Sitz in Erkner bei Berlin. Sie lässt alle Gebäude abreißen und baut auf dem Areal eine Photovoltaik-Anlage. Dafür musste auch der 44 Meter hohe Schornstein fallen. Weil er schon „zu marode war“, konnte er nicht gesprengt werden, sagt Dennis Schnittger von der Abrissfirma H. Schnittger in Baunatal.

Stattdessen wurde er gefällt wie ein großer Baum. Mitarbeiter der Firma bohrten zunächst kleine Löcher in den unteren Bereich und zogen so viele Steine heraus, dass ein Fallkeil entstand. Dann zogen sie mit Stahlseilen und drei großen Winden immer mehr größere Stücke heraus, bis der Turm gezielt Richtung Wald umkippte – in ein Bett aus viel Erde. Die Trümmer und damit ein Stück Holzeröder Geschichte werden jetzt abgeräumt – je nach Belastung als Bauschutt oder Sondermüll.

Göttinger Tageblatt vom 7. Juni 2012