Zur Geschichte (und Zukunft?) der Orgel in Holzerode

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„Eine alte verfallene Orgel“ wird erwähnt in einem Inventarium der Kirche zu Holzerode (ein undatiertes Blatt, vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben). Demnach hatte die Gemeinde anscheinend bereits im 18. Jahrhundert eine Orgel angeschafft – eventuell ein gebrauchtes Instrument, das durch einen Orgelneubau in einer größeren Gemeinde überflüssig geworden war.

Aber eine verfallene und vielleicht gar schon als irreparabel abgeschriebene Orgel kann natürlich weder dem Organisten noch der Gemeinde viel Freude bereiten, und so ließ die Gemeinde im Jahre 1840 durch August v. Werder (damals noch in Elliehausen bei seinem Vater wohnhaft, dann kurzzeitig in Northeim und schließlich in Höckelheim) eine neue Orgel erbauen. Im Abnahmegutachten des Kantors Schaub aus Bovenden heißt es über diese: „Im Allgemeinen muß der Unterzeichnete die in Rede stehende außerordentlich billige – freilich nach der alten Manier gebaute – Orgel für ein in jeder Hinsicht gelungenes Werk erklären. Besonders verdient hier die ausgezeichnete Kraft lobend erwähnt zu werden, die das kleine Orgelwerkchen hat und somit eine Kirche, die wohl noch zweimal so groß ist, als die zu Holzerode, auszufüllen im Stande wäre. Der Orgelbauer A. v. Werder, kaum 21 Jahre alt, scheint ein sehr geschickter und fleißiger Arbeiter zu sein und es steht zu erwarten, daß derselbe – besonders wenn er sich bei einem neueren und berühmten Orgelbauer zu vervollkommnen sucht – einst ein gesuchter und ausgezeichneter Künstler werde.“

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Die Holzeröder Orgel im Jahre 2012


Die in das Lob eingeflochtenen Vorbehalte, dass die Orgel nach der alten Manier gebaut sei und der Orgelbauer sich bei einem neueren und berühmten Orgelbauer zu vervollkommnen suchen sollte, deuten darauf hin, dass August v. Werder (1819–1882) sich die in der hiesigen Gegend vorhandenen älteren Werke zum Vorbild genommen hatte und mit den damals aktuellen Neuerungen im Orgelbau nicht vertraut war. Er hatte nämlich gar keine regelrechte Ausbildung zum Orgelbauer durchlaufen, sondern zunächst eine Tischlerlehre gemacht (allerdings bei einem Tischler, der auch Orgeln reparierte!) und dann lediglich kurze Zeit in Hannover in einer Klavierfabrik sowie auch in einer Orgelbauwerkstatt gearbeitet. Handwerkliches Geschick und musikalisches Empfinden ermöglichten es ihm jedoch, auch so eine recht erfolgreiche Tätigkeit als Orgelbauer zu entfalten. Bereits mit 19 Jahren baute er selbstständig seine erste Orgel, mit 21 Jahren für Holzerode seine zweite und ein Jahr darauf für Spanbeck seine dritte. Während die Spanbecker Orgel später durch einen Neubau ersetzt wurde, ist die Holzeröder Orgel das älteste seiner erhaltenen Werke. Sie hat elf Register (d. h. Pfeifenreihen von jeweils verschiedenem Klang), davon acht auf der Manualklaviatur mit den Händen und drei auf der Pedalklaviatur mit den Füßen zu spielen. Der helle Klangcharakter kann durchaus noch als spätbarock bezeichnet werden. Zwei der Manualregister wurden im Jahre 1889 durch andersartige ersetzt, als der Mühlhäuser Orgelbauer Carl Heyder (1821–1889), der 1876 auch die Orgel in Oberbillingshausen erbaut hatte, die Holzeröder Orgel reinigte und reparierte – sie war zuvor durch Bauarbeiten in der Kirche verschmutzt und in ihrem Funktionieren beeinträchtigt worden. 1897 konnte in einem Fragebogen zur Erfassung der Kunstdenkmäler der Erhaltungszustand der Orgel auch noch als „gut“ angegeben werden.

In einem Gutachten aus dem Jahre 1930 wurde dann jedoch nicht nur eine Renovierung empfohlen, sondern darüber hinaus noch – dem Zeitgeschmack folgend – eine „Vermehrung um eine oder zwei zarte Stimmen“, „die Anlage eines zweiten Manuals“ sowie „neue Windladen und pneumatische Traktur“. Nach mehrmaliger Anmahnung von Seiten des Landeskirchenamtes wurden zwar schließlich 1935 zwei Kostenanschläge eingeholt, jedoch keine Renovierung in Auftrag gegeben.

Eine solche wurde erst 1960/61 durch die Orgelbauwerkstatt Werner Bosch in Sandershausen bei Kassel durchgeführt; hierbei wurde an Stelle eines der beiden von Heyder ausgewechselten Register wieder eine – allerdings klanglich unpassende – Mixtur eingebaut, die originalen Prospektpfeifen durch unschöne neue Pfeifen ersetzt und die bis dahin ebenfalls originale Windanlage fast ganz neu gebaut. Die Idee einer denkmalgerechten Restaurierung war damals noch vielen Orgelbauern fremd.

Eine erneute Renovierung bzw. Instandsetzung erfolgte 1979/80 durch Orgelbaumeister Albrecht Frerichs in Göttingen, der auch schon vorher und nachher Reparaturen an der Orgel vorgenommen hat. Damals ging es vor allem darum, die durch unsachgemäßes Heizen der Kirche entstandenen Risse in den Windladen abzudichten. Die Klangentfaltung der Orgel im Kirchenraum wurde übrigens leider dadurch verschlechtert, dass die Empore erweitert wurde: So besteht unten in der Kirche kaum noch direkter Blickkontakt zur Orgel, und entsprechend ist sie auch nur indirekt hörbar.

Eine alte Orgel muss aber keineswegs, wie anfangs erwähnt, zwangsläufig eine verfallene Orgel sein – dazu wird sie nur dann, wenn sie nicht gepflegt wird. Es ist ja z. B. üblich, dass man sein Auto alle ein bis zwei Jahre zur Inspektion in eine qualifizierte Werkstatt bringt, und ebenso sollte auch eine Orgel (die den zigfachen Anschaffungswert hat!) in etwa dem gleichen Turnus von einem Fachmann nachgesehen und nach Bedarf repariert werden. Und alle 20 bis 30 Jahre – nachdem also das zum Vergleich genannte Auto längst auf dem Schrottplatz gelandet ist! – ist eine gründliche Reinigung und Renovierung geboten. Eine solche ist in Holzerode bereits seit Jahren überfällig. Dass sie freilich nicht „für ‚n Appel und ‚n Ei“ zu haben ist, ergibt sich aus der Vielzahl der Einzelteile, die in Handarbeit heraus genommen, gesäubert, ggf. repariert und sodann wieder eingesetzt werden müssen.

Wenn man aber das, was die Vorfahren unter nicht unerheblichen persönlichen Opfern bauen ließen, im gleichen Sinne pflegt und erhält, wird gerade eine solche alte Orgel der Gemeinde nicht nur zur eigenen Freude, sondern sogar auch zur überregional beachteten Zierde dienen!

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Die evang.-ref. Kirche zu Holzerode im Jahr 2012


Autor: Eike Dietert (Historiker und Kirchenmusiker, Gleichen)