Zwangssterilisationen in Göttingen

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In Göttingen wurden während des Regimes des Nationalsozialismus 1600 Menschen im Gebäude der heutigen deutschen Philologie, welches damals die Universitätsklinik beherbergte, zwangssterilisiert, dies geschah auf Basis des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 19933. Dabei war erbkrank unter anderem, wer unter erblicher Blindheit oder Taubheit litt, aber auch wer unter schwerem Alkoholismus litt (vgl. Karger 2017; Koch 1994: 11-14, 81; Geschichtswerkstatt Göttingen 2006: 5, 12). Die Eingriffe betrafen sowohl Frauen als auch Männer. Etwa ein bis zwei Prozent der Frauen starben aufgrund der Eingriffe. Viele von ihnen kamen aus Heilanstalten oder auch vom nahegelegenen Jugend-KZ Moringen. Die Schätzungen der Gesamtanzahl der Sterilisierten reichen von 200.000 bis zu 500.000 Menschen bis 1939 nur auf dem Gebiet des Deutschen Reiches, wobei nicht zu vernachlässigen ist, dass beispielsweise auch in Österreich Sterilisierungen stattfanden (vgl. Vasold 1998: 242f., Geschichtswerkstatt Göttingen 2006: 13-14). Göttingen war bereits vor 1933 sehr konservativ, seit der Kaiserzeit gab es viele Studentenverbindungen und kaum Zuspruch für die Arbeiterparteien. Wichtigstes Studienfach war Medizin, 1943 waren mehr als 53 Prozent der Studierenden in diesem Fach immatrikuliert (vgl. Karger 2017). Insbesondere unter Medizinern war das Konzept der Eugenik, gleichbedeutend mit dem Begriff der ‚Rassenhygiene‘, weit verbreitet. Es zielt auf die Verbreitung von als positiv erachteten genetischen Eigenschaften einer Rasse, womit die Nazis die Zwangssterilisation von physisch und psychisch Behinderten und psychisch Kranken rechtfertigten (vgl. Kühle 2014: 10). Schon vor Beginn des 20. Jahrhunderts gingen der Erfinder der Eugenik Frances Gallton und die Begründer der Rassenhygiene Wilhelm Schallmayer und Alfred Ploetz davon aus, dass die natürliche Auslese im Sinne Charles Darwins gehemmt sei. Deshalb müssten laut ihnen staatliche Eingriffe die natürliche Selektion ersetzen müssten, um von als ‚degeneriert‘ zu betrachtende Menschen, wie zum Beispiel geistig Behinderte, an der Fortpflanzung zu hindern (vgl. Bock 1986: 24f.). Eugenisches Gedankengut war allerdings nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern, Südamerika, den USA und im asiatischen Raum präsent (vgl. Kühl 2014: 10). Vorausetzung für die nationalsozialistische Umsetzung von eugenischen Vorstellungen bildete ein im wissenschaftlichen und politischen Diskurs nicht nur in Deutschland stark verankerter Rassismus. Dieser bestand nicht nur gegenüber anderen Ethnien, sondern auch gegenüber Behinderten und psychisch Kranken und war bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts eminent (vgl. Kühl 2014: 163f.). Viele Mediziner hingen rassenhygienischen Konzepten an und sie waren die, im Vergleich zu ihrem Quantum an der Gesamtgesellschaft, am stärksten überrepräsentierte Gruppe innerhalb der NSDAP (vgl. Schmuhl 1992: 131). Unter ihnen taten sich die Rassenhygieniker in ihrem Andienen an die nationalsozialistische Führung noch einmal besonders hervor (vgl. Kühl 2014: 168). Die Rassenhygiene wurde zudem ein Ausbildungsfach in der medizinischen Ausbildung und war ab 1936 auch Bestandteil des Examens (vgl. Schmuhl 1992: 144). Einen weiteren Ausdruck, wie verbreitet eugenische Konzepte bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren, bietet die Tatsache, dass einige Ärzte bereits vor 1933 Daten über ihre Patienten sammelten, die später die Grundlage der von den Nationalsozialisten angelegten ‚Erbkarteien‘ bildeten (vgl. Vasold 1998: 235ff. und 241). Auch Hitler selbst betonte früh die Bedeutung der Rassenhygiene, was beispielsweise am Zitat „Würde Deutschland jährlich 1 Million Kinder bekommen und 700 000 – 800 00 der Schwächsten beseitigen, dann würde am Ende das Ergebnis vielleicht sogar eine Kräftesteigerung sein. Das Gefährliche ist, daß wir den natürlichen Ausleseprozess abschneiden.“ (zitiert in Lankheit 1994: 348) aus seiner Abschlussrede ‚Appell an die deutsche Kraft‘ auf dem Nürnberger NSDAP-Parteitag 1929 deutlich wird.

Plakette Zwangssterilissationen1.jpg

In Göttingen wurde nur in wenigen Fällen aus rassischen Gründen sterilisiert, zumeist waren die Gründe 'angeborener Schwachsinn' oder Schizophrenie (vgl. Koch 1994: 12, 81; Geschichtswerkstatt Göttingen 2006: 13; Zahlen finden sich bei Koch 1994: 22-25, 36); in den meisten Fällen wurde auch eine Intelligenzprüfung vorgenommen (vgl. der Bogen hierzu bei Koch 1994: 99-101). In Göttingen wurden auch 'Sippenkarteien' angelegt, in denen die Angehörigen von Sterilisierten vermerkt wurden (vgl. Geschichtswerkstatt Göttingen 2006: 13). Professor Gottfried Ewald war als Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Göttingen von 1934 bis 1945 Gegner des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten, während er die Zwangssterilisationen befürwortete. Einige Betroffene bewahrte er durch seine Gutachten vor der Zwangssterilisation, er stellte aber auch selbst viele Anträge. Viele der als Gutachter oder Operateure an den Sterilisationen beteiligten Ärzte wurden nach 1945 nicht bestraft, so wurde etwa Professor Dr. Werner Bickenbach, der von 1935 bis 1944 Oberarzt in der Göttinger Frauenklinik war und die meisten Zwangssterilisationen durchführte, 1945 Direktor der Universitätsfrauenklinik in München (vgl. Koch 1994: 81, Geschichtswerkstatt Göttingen 2006: 13, 17). Koch schreibt auch über das Schicksal der Betroffenen nach dem Ende des Krieges, die Frauen und Männer wurden "nicht rehabilitiert. Im Gegenteil: Sie mußten Wiederaufnahmeverfahren beantragen, um vom Makel der 'Erbkrankheit' freigesprochen zu werden. Für die Bewilligung einer Refertilisationsoperation mußten oft lange Wartezeiten und bürokratische Hindernisse in Kauf genommen werden. Bis heute erhalten die Opfer von Zangssterilisationen keine angemessene Entschädigung" (1994: 81), auch wenn es ab 1980 eine symbolische Entschädigung aus dem Härtefond des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes geben konnte (vgl. Koch 1994: 70, Geschichtswerkstatt Göttingen 2006: 17).

Seit 2011 hängt neben dem Eingang eine Messingplakette, die Namen der Philosophischen Fakultät und der Universitätsmedizin an die Opfer der Zwangssterilisationen erinnert. Seit 2016 gibt es auch thematische Führungen über den Campus, die von der Geschichtswerkstatt angeboten werden und auch diesen Teil der nationalsozialistischen Gräueltaten behandeln (vgl. Karger 2017, Geschichtswerkstatt Göttingen 2006).


Quellen:

  • Karger, Lena 2017: Stumpfe Erinnerung – Göttingens Geschichte der Zwangssterilisation. Unter: http://www.blog.uni-goettingen.de/de/stumpfe-erinnerung-goettingens-geschichte-der-zwangssterilisation/, letzter Zugriff: 20.06.2019.
  • Koch, Thomas 1994: Zwangssterilisationen im Dritten Reich. Das Beispiel der Universitätsfrauenklinik Göttingen. Frankfurt am Main: Mabuse.
  • Geschichtswerkstatt Göttingen e.V. 2006: Medizin im Nationalsozialismus am Beispiel Göttingen: ein Stadtrundgang. Göttingen: Geschichtswerkstatt.
  • Vasold, Manfred 1998: Medizin. In: Benz, Wolfgang/ Graml, Hermann/ Weiß, Hermann: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München: DTV S. 242f.
  • Kühl, Stefan 2014: Die Internationale der Rassisten – Aufstieg und Niedergang der internationalen eugenischen Bewegung im 20. Jahrhundert. Frankfurt: Campus.
  • Bock, Gisela 1986: Zwangsterilisation im Nationalsozialismus – Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • Schmuhl, Hans-Walter 1992: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Lankheit, Klaus A. (Hrsg.) 1994: Hitler. Reden. Schriften, Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933. Band II: Zwischen den Reichstagswahlen Juli 1928-September 1930. Teil 2: März 1929-Dezember 1929. München, New Providence, London, Paris: K.G. Saur.
  • Homepage der Geschichtswerkstatt Göttingen e.V.: www.geschichtswerkstatt-goettingen.de